Stadt Kempen: Robert Schumann und überlegt gewählte Ergänzungen

Stadt Kempen : Robert Schumann und überlegt gewählte Ergänzungen

Der Pianist Martin Helmchen faszinierte sein Publikum in der Paterskirche mit einem ungewöhnlichen Programm.

Künstler der jüngeren Generation - seien es Instrumentalisten oder Vokalisten - bemühen sich zunehmend, für ihre Konzerte neue Programmstrukturen zu entwerfen. Zum einen wollen sie nicht das wiederholen, was immer schon war - zum anderen hoffen sie, mit innovativen Ideen das Interesse neuer Publikumsschichten zu wecken.

Der in Berlin geborene Mitdreißiger Martin Helmchen, der bereits im Jahre 2001 den honorigen "Concour Clara Haskil" gewann, 2006 mit dem "Credit Suisse Young Artist Award" ausgezeichnet wurde und inzwischen mit internationalen Größen konzertiert, hatte für sein zweites Gastspiel in Kempen ein bezwingendes Konzept gewählt.

Grundlage seines Programms waren die acht "Novelletten" (vom Französischen novelle = kleine Erzählung) op. 21, die Robert Schumann im Jahre 1838 in Leipzig komponierte. Auf jede dieser melodiösen, oft hoch virtuosen "Erzählungen" - teils in konventioneller A-B-A-Form, teils formal erweitert - ließ der Pianist eine Komposition folgen, die in einem Zusammenhang zur Musik Schumanns steht. Bei zwei Sätzen aus den "Soirées musicales" von Schumanns Ehefrau Clara gab es einen direkten Bezug, ebenso beim Walzer Nr. 3 op. 34/2 a-Moll des Schumann - Zeitgenossen Frédéric Chopin. Auch zu Franz Liszts' "Bagatelle ohne Tonart" und "Nuages gris = Trübe Wolken" war der Weg nicht weit, wenn auch die kompositorische Güte der beiden letztgenannten Werke nicht an die Novelletten heranreicht. Dass Schumann ein ausgewiesener Verehrer Johann Sebastian Bach war, zeigen diverse seiner Werke, so war es nur logisch, dass Martin Helmchen mit der recht frei vorgetragenen "Sarabande" aus der Partita D-Dur BVW 828 auch den großen Thomaskantor zu Wort kommen ließ. Als nicht sehr weit entfernt von romantischen Klängen erwies sich "Regard des Hauteurs", ein kurzes Werk, in dem Olivier Messiaen (1908-1992) mittels stilisierter Vogelrufe der lebendigen Natur huldigt. Einzig schwierig einzuordnen waren die "Sechs kleinen Klavierstücke op.19" von Arnold Schönberg (1874-1951), zum Teil fast verhuschende Miniaturen, die der Schönberg-Biograph Hans Heinz Stuckenschmidt treffend als "Psychogramm des Unbewussten" bezeichnet hat.

Martin Helmchen gestaltete das vorgenannte Programm quasi als Gesamtkunstwerk, das er fast ohne Zäsuren präsentierte. Er tat das mit pianistischem Feingefühl, ausgefeilter Anschlagskultur, vorbildlicher Artikulation und selbst bei technisch sehr anspruchsvollen Passagen scheinbar ohne körperliche Anstrengung. Der Künstler ist ein wirklicher Poet am Klavier, der mit tief empfundener Auslotung seine Zuhörer in jeder Phase zu fesseln wusste. Glücklicherweise applaudierte das animierte Auditorium erst am Schluss der vielfarbigen Vorträge - dann aber umso nachhaltiger.

Wie schön wäre es, wenn Martin Helmchen in nicht allzu ferner Zeit wieder einmal nach Kempen kommen und weitere einnehmende Geschichten am Klavier erzählen würde.

(oeh)
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