Porträt des Künstlers Gisbert Scheuss, Vorsitzender des BBK Niederrhein, aus Kempen

BBK Niederrhein: Kunst zwischen Urbanität und Landleben

Gilbert Scheuss ist seit vielen Jahren Vorsitzender des BBK Niederrhein. Heute lebt er in Kempen, wuchs aber in Krefeld auf und hat heute noch viele Bezüge zu dieser Stadt. So ist er dort gewähltes stellvertretendes Mitglied im Kunstbeirat.

Über 80 bildende Künstler hat der BBK Niederrhein, der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, als Mitglieder. Er umfasst ein Riesengebiet von Mönchengladbach bis Kleve, von Straelen bis Wesel und Duisburg. Gegründet wurde er im Mai 1972 in Krefeld. Seit 2009 im Vorstand, seit 2012 erster Vorsitzender ist Gilbert Scheuss aus Kempen. Er lebt und arbeitet in einem alten Bauernhaus weit draußen auf den Feldern zwischen Kempen und Grefrath. Die meisten Mitglieder des BBK Niederrhein kommen aus Krefeld, im Moment sind es über 30. Auch Gilbert Scheuss hat viele Bezüge nach Krefeld. Auch wenn er in Kempen geboren ist, aufgewachsen ist Gilbert Scheuss in Krefeld. 35 Jahre hat er dort gelebt, erst als Bauunternehmer und Restaurator, später dann zunehmend als Künstler.

Zu Beginn der 1990er Jahre hat er als Restaurator das Bockumer Tor mit dem Krefelder Künstler Chris Worms saniert. Dabei erhielt Scheuss zunehmend Einblick in künstlerische Abläufe. Diese Erfahrung war Grundstock für sein späteres Kunstprojekt „Mauerprojekt 1993“ mit hängenden und transparenten Mauern.

Gisbert Scheuss, Vorsitzender BBK Niederrhein, in seinem Haus vor einem Werk seiner Kempener Kollegin Edith Stefelmanns. Foto: Heribert Brinkmann

Zusammen mit dem Grafiker Ferdinand Bahnen, auch als Autodidakt eine anerkannte Persönlichkeit in der Kunstszene, und weiteren Mitstreitern wollte Scheuss in der ehemaligen Röhrenfabrik Rob. Reichling & Co. eine Kulturbegegnungsstätte mit Ateliers schaffen. Die Ausstellung „Das Schöne und das Nützliche“, eine Reflexion auf die alte Fabrik Reichling in Krefeld-Fischeln, fand im Mai 1997 statt. Eigentlich sollte alles abgerissen werden, um Häuser zu bauen für das wachsende Fischeln. Heute ist alles abgerissen, aber die Initiative Stadtpark hat dort für grüne Flächen statt Häuser gesorgt. Heute erinnert die Robert-Reichling-Straße südlich des Stadtparks an diese Fischelner Industriegeschichte. Vor dem Krieg war Fischeln ein Dorf mit 5000 Einwohnern, heute ist Fischeln so groß wie Kempen.

Gilbert Scheuss war immer stark nach Düsseldorf und Köln orientiert. Die Ausrichtung nach Krefeld kam durch den Wechsel vom BBK Düsseldorf zum BBK Niederrhein. Nach 2000 war Scheuss in Richtung Sakralkunst unterwegs. Daraus ist die Gestaltung des Andachtsraumes der Ökumenischen Begegnungsstätte in Hüls hervorgegangen. Neben dem Glasaltar hat er auch eine Außeninstalllation zur Passion entworfen.Im Sommer 2018 wurden Künstler eingeladen, in der Ausstellung „Reflexionen“ auf die Archivbestände des Textilmuseums in Linn zu reagieren. Scheuss hat eine hängende Mauer aus Backsteinen gebaut, die das textile Vernetzen und Verweben nachempfindet.

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Das schmucke Haus, in dem heute die Familie Scheuss lebt, war 1993 in einem fürchterlichen Zustande. Gilbert und Eva Scheuss haben gezielt nach alten Gemäuern auf dem Lande gesucht. Das Haus, das sie dann auswählten, stammt vom Ende des 17. Jahrhunderts. Da Gilbert Scheuss gleichzeitig Restaurator ist, ging er selbst zu Werke. 1996, vor 22 Jahren, konnte die Familie Scheuss dort einziehen, mit Blick auf Kopfweiden, Wiesen und einen Weiher. In der Decke stecken alte Eichenbalken. Ein Teil der Balken stammt aus dem Konvent in Hüls, Scheuss konnte sie damals dort kaufen. Zweit- und Drittverwendung von Eichenbalken ist nichts Neues.

1999 erhielt Gilbert Scheuss den Staatspreis für Kunsthandwerk – übrigens gleichzeitig mit einem anderen Kempener, mit Manfred Messing, der als Steinmetz mit Jürgen Moses Pankarz aus St. Hubert das Grabmal für Hanns Dieter Hüsch in Moers entwickelte. Scheuss war auch lange Jahre 1995 zweiter Vorsitzender der ADK, der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk NRW, engagiert, bis er 2012 sein Amt als erster Vorsitzender des BBK antrat.Auch wenn er durch die Verbandsarbeit viel unterwegs war, hat Scheuss Krefeld nie aus den Augen verloren. Krefeld ist nach dem Krieg die regionale Kulturstadt, in der sich die Künstler traditionell treffen. Der Design-Bereich der FH, die Museen und das Theater, aber auch die Wirtschaftsunternehmen beleben das Kulturleben,

Inzwischen, so Scheuss weiter, habe sich das ausgependelt. Je teurer und knapper der Atelierraum in den Städten wird, desto mehr gehen die Künstler wieder aufs Land. Den Wechsel zwischen beiden Polen, der Urbanität der Städte und das günstige Leben auf dem Lande, wird es für Scheuss immer geben. Interessant sind aber Förderprogramme wie das Leader-Programm der EU (Liaison entre actions de développement de l’economie rurale) für den ländlichen Raum. Denn Geldmittel für die Kultur fehlen am Niederrhein – auch wenn der Kulturraum Niederrhein viel dafür tut, Fördergelder für die Kultur aufzutreiben. Und obwohl Scheuss in Kempen auf dem Land lebt, gab es einen Krefelder Ratsbeschluss, der es Scheuss gestattet, in Krefeld Mitglied des Kunstbeirates zu sein. Brigitte Baldauf sitzt dort als Delegierte für den BBK, Scheuss ist als Vertreter gelistet. Aber dort gewesen ist er noch nie.

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