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Serie 125 Jahre St. Annenhof In Kempen: Pädagogik für traumatisierte Kinder

Serie 125 Jahre St. Annenhof In Kempen : Pädagogik für traumatisierte Kinder

Seit Jahren gehört die Traumapädagogik zum festen Programm des St. Annenhofes. In der "Thomasgruppe" finden sieben Kinder die Hilfe, die sie brauchen. Sie brauchen zum Beispiel einen Rückzugsort.

kempen Vor Kiara steht eine braune Kiste in Form einer Schatzkiste. Vorsichtig öffnet die Elfjährige den Deckel. Ein Plüschhase, ein Massageball, ein Sorgenpüppchen, Süßigkeiten, ein Parfüm, ein Entspannungsbadewannenbad und ein Band für Gummitwist werden sichtbar. "Wenn ich traurig bin, rolle ich mit dem Massageball über die Hand. Das tut mir gut", erzählt Kiara mit leiser Stimme. Jeder der Gegenstände hat eine feste Bedeutung für sie und hilft ihr, wenn es ihr nicht so gut geht. In der Schatzkiste der ein Jahr jüngeren Laura sind unter anderem zwei Döschen mit Knete und ein Block samt Stift zu finden. "Wenn ich sauer bin, dann werfe ich einfach die Knete auf den Boden oder schreibe auf, warum ich wütend bin", berichtet Laura.

So verschieden wie die jungen Besitzerinnen der Schatzkisten sind, so unterschiedlich und persönlich sind auch ihre Inhalte. Und sie stellen einen wichtigen Aspekt in der traumapädagogischen Arbeit im St. Annenhof in Kempen dar. Die Schatzkiste ist ein neuer Erfahrungsraum für die Kinder. "Bei traumatisierten Kindern kommt man klassisch pädagogisch nicht weiter. Die Verhaltensweisen sind schwierig und man fühlt sich ohnmächtig, etwas zu tun. Durch die Traumapädagogik haben wir andere Möglichkeiten für uns und die Kinder erhalten", sagt Marita Parnitzke, Bereichsleiterin Pädagogik im St. Annenhof.

Aus der einstigen Diagnosegruppe ist so die Traumapädagogikgruppe entstanden, die im St. Annenhof den Namen "Thomasgruppe" trägt Sieben Kinder, betreut von sechs Pädagogen, aufgeteilt auf fünfeinhalb Stellen, erfahren hier eine intensive, auf sie zugeschnittene Betreuung. "Das Schwierige bei einem traumatisierten Kind ist, es kann aus der Situation nicht heraus und es fühlt sich ihr ausgeliefert. Normale Bewältigungsmechanismen wirken nicht mehr. Alles läuft aus dem Ruder", erklärt Marita Parnitzke. Es handelt sich dabei um posttraumatische Belastungsstörungen, als Reaktion auf das, was das Kind erlebt hat, sei es Gewalt oder sexueller Missbrauch.

Durch Hinweisreize, so genannte Trigger, erfolgt eine Retraumatisierung. Das heißt nichts anderes, als dass ein Kind durch einen Reiz, der unter anderem ein Geruch sein kann, oder das Verhalten eines anderen Menschen, an das einst Erlebte erinnert wird, und dadurch in die alte Situation kommt. Reaktionen wie Angst oder Wutausbrüche werden ausgelöst, ohne dass das Kind versteht, warum das so ist. "Die Kinder sind emotional überflutet", sagt Sozialpädagogin Corinna Lenssen, die die traumazentrierte Fachberatung abgeschlossen hat. Daher ist es wichtig, den Kindern einen sicheren Ort, Rückzugsmöglichkeiten, Schutz, feste Regeln, Mitentscheidungsmöglichkeiten und eine gesicherte Beziehung zu geben. Es gilt, die Kinder auf sämtlichen Ebenen zu stabilisieren und dabei helfen auch die Schatzkisten.

(tref)