Entschleunigung beim Einkauf Neue Plauderkassen in Kempen kommen an

Kempen · Seit Mittwoch bieten Edeka und Rewe in Kempen so genannte Plauderkassen an. Dort kann man sich beim Einkauf etwas mehr Zeit lassen und auch mal mit der Kassiererin plaudern. Was Kunden und Mitarbeitende sagen.

„Wer sich hier anstellt, sollte es nicht eilig haben und etwas Zeit mitbringen“, sagt Markt-Betreiber Benedikt Steves über die neue Plauderkasse.

„Wer sich hier anstellt, sollte es nicht eilig haben und etwas Zeit mitbringen“, sagt Markt-Betreiber Benedikt Steves über die neue Plauderkasse.

Foto: Norbert Prümen

Kurz vor 10 Uhr steuert Melanie Essen mit einer großen Beachflag die Kasse 1 im Edeka-Markt am Kempener Hessenring an. Während die Edeka-Mitarbeiterin die Fahne vor der Kasse aufstellt, fallen erste neugierige Blicke der Kunden auf den Aufdruck. „Plauderkasse – Hier haben Sie alle Zeit der Welt“ ist darauf zu lesen. „Ich bin heute erstmalig an der Plauderkasse im Einsatz und freue mich schon darauf. Die gestrige, gut gelaufene Premiere hatte eine Kollegin übernommen“, sagt Essen.

In Kempen gibt es ein neues Angebot. An den Plauderkassen, die bei Edeka und Rewe eingerichtet wurden, können Kundinnen und Kunden stressfrei einkaufen. Jeder kennt das Gefühl, dass der an der Kasse folgende Kunde es schon gar nicht mehr erwarten kann, selbst an der Reihe zu sein. Man traut sich nicht, in Ruhe im Portemonnaie nach passendem Kleingeld zu suchen, und fühlt sich genötigt, alles so schnell wie möglich wieder in den Einkaufswagen zu räumen. An ein kurzes Gespräch mit der Kassiererin ist gar nicht zu denken.

Das ist an einer Plauderkasse anders. Es geht um Entschleunigung, um Zeit für ein Gespräch. „Wir nehmen uns zwar generell Zeit für unsere Kunden und arbeiten nicht auf Kassenleistung, aber mit dem neuen Angebot Plauderkasse ist für jeden klar: Wer sich hier anstellt, sollte es nicht eilig haben und etwas Zeit mitbringen. Das bringt allen zusätzliche Entspannung“, sagt Benedikt Steves, Betreiber des Edeka-Marktes am Hessenring. Dort und auch bei Rewe an der Kleinbahnstraße öffnet nun zweimal pro Woche die Plauderkasse.

In beiden Märkten sprechen die Verantwortlichen von einem gelungenen Projekt-Auftakt. „Das Feedback vom ersten Tag war gut. Ich habe nichts dagegen, dieses Angebot dauerhaft anzubieten“, sagt Steves. Es sei oft so, das Senioren extra in den frühen Morgenstunden einkaufen würden, weil es dann in der Regel noch ruhiger zugehe. Mit der Plauderkasse biete Rewe nun eine Alternative an, die sicherlich nicht nur die Gruppe Ü70 anspreche, fügt Claudia Kirsch, Assistentin der Geschäftsleitung bei Rewe, an.

„Ich bin bei der Premiere schon von den Kunden angesprochen worden und habe viel Lob für das Angebot zu hören bekommen“, sagt Rewe-Mitarbeiterin Eva Barber. Das kann Kollegin Lucy Wolke, die aktuell an Kasse 5 sitzt, die bei Rewe zur Plauderkasse auserkoren wurde, nur bestätigen. „Es ist doch auch für die Kassiererinnen angenehmer, wenn es stressfreier zugeht und man auch mal ein paar Wörter wechselt“, meint ein Senior, der sich gerade für die Plauderkasse entschieden hat.

Die Idee kam von der Seniorenberatung der Stadt. „Im Rahmen unserer Beratung, bei der viele Senioren von dem Gefühl der Einsamkeit erzählten, ist die Idee entstanden. Das niedrigschwellige Angebot der Plauderkasse stammt aus den Niederlanden und wird auch in Süddeutschland bereits genutzt“, sagt Katja Klein von der Seniorenberatung. Mit dem Vorschlag stieß sie bei Edeka und Rewe auf offene Ohren. Die Kempener Werbeagentur Ideenwerk NRW übernahm den Entwurf der Beachflag, die in beiden Häusern die jeweilige Plauderkasse markiert.

Ein erstes berührendes Erlebnis hat Edeka-Mitarbeiterin Essen schon, kurz nachdem sie an der Plauderkasse Platz genommen hat: Ein älteres Ehepaar nutzt die Kasse. Während der Mann die Waren langsam und bedächtig auf das Band legt, lobt seine Frau das Angebot. Ihr Mann traue sich an dieser Kasse, die Waren eigenständig auf das Band zu legen, und erhalte so wieder ein Stück Selbstständigkeit, berichtet sie. An der normalen Kasse habe man immer den Eindruck, dass die nächsten schon ungeduldig mit den Füßen scharren würden, wenn es etwas langsamer ginge, und aufgrund seines Handicaps bräuchte ihr Mann nun einmal etwas mehr Zeit.

„Es ist eine tolle Idee, die nicht nur bei Senioren gut ankommt. Auch ich finde es gut, wenn in dieser schnelllebigen Zeit die Geschwindigkeit ein Stück weit herausgenommen wird“, sagt Marlene Dyck aus Kempen, die sich ebenfalls bewusst für die Plauderkasse entschieden hat, weil sie einfach in Ruhe, ohne nervige Blicke anderer Kunden, bezahlen wolle – und auch mal Lust auf ein kleines Gespräch mit der Kassiererin habe.

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