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Stadt Kempen: Motivationstraining im Frau-Honecker-Kostümchen

Stadt Kempen : Motivationstraining im Frau-Honecker-Kostümchen

Nessi Tausendschön präsentierte in St. Hubert ihr Programm "Die wunderbare Welt der Amnesie".

Als die Kabarettistin oder besser "Kabaretteuse", wie sie sich selbst bezeichnet, Nessi Tausendschön am Montag- und Dienstagabend die Bühne des St. Huberter Forums betrat, war dies wie eine Explosion. Denn diese Frau strahlt eine Energie aus, die schier ungeheuer ist.

"Die wunderbare Welt der Amnesie" heißt ihr aktuelles Programm. Schließlich sei Vergessen und Verdrängen doch ein deutsches Thema. Und schon legt sie los und stört ihr Publikum beim Vergessen. Denn sie ist nicht nur tausendschön in ihren schicken Kleidern, die sie im Laufe des Abends mehrfach wechselt, sondern auch noch gescheit und schaut genau hin. Dabei nutzt sie alle Gaben, die sie hat. Nicht nur Intelligenz, ein gutes geschichtliches Wissen und ihre ausdrucksvolle, wandlungsfähige Stimme, sondern auch die Gabe, immer wieder spontan auf die Besucher einzugehen.

Was ist denn die Amnesiemaschine? Für Tausendschön sind dies Politiker, die sich an nichts mehr erinnern. Nicht an Plagiate, mit denen sie sich ihre Doktortitel ergattert haben. Auch nicht an Spenden, die es angeblich nicht gab. Sie erwähnte die ganz viele Lügen, die dann heutzutage zu postfaktischen Daten erklärt werden. Ihre Beispiele sind bei den Zuschauern offensichtlich noch gut im Gedächtnis, denn oft gibt es in den Reihen neben Lachen viel zustimmendes Nicken.

Aber sie nimmt sich auch den weiteren modernen Trends an. Es geht doch nichts ohne Motivationstraining. Dafür gewandet sie sich dann in ihr "Frau-Honecker-Kostümchen", und Gabi Pawelka erzählt von ihrem Trainingskurs. Auch hier stimmt der Wiedererkennungswert. Den hat sie erfolgreich bewältigt und sucht nur noch eines: den passenden Mann, der alle ihre Werte zu schätzen weiß.

Aber Frau Tausendschön kann auch anders. Gelernt hat sie von ihrem Schauspieleridol Jean Gabin, dass in jedem guten Programm ein Wutausbruch vorkommen muss. Wie sie da über Politik und Gesellschaft herzieht, das gleicht einem ausbrechenden Vulkan. Nichts ist vor ihrer scharfen Zunge sicher. Am Ende steht dann ein versöhnliches Lob an das Publikum, die diesen Ausbruch sehr gut überlebt haben.

Das Programm lebt von wunderbaren Liedern. Wie schön beschreibt sie da ihre Antriebslosigkeit, aber auch eine Liebeserklärung erklingt. Neben ihrer Stimme nutzt sie alle möglichen Instrumente. Eine singende Säge, Triangel oder Xylophon genauso wie lauter kleine Dinge wie Glocken oder sogar Kinderspielzeug. Passend zum Niederrhein darf sogar eine Kuh mitmachen. Begleitet wird Tausendschön den ganzen Abend vom Musiker William Mackenzie. Der Kanadier ist mit seinen verschiedenen Saiteninstrumenten eine hervorragend unaufgeregte Ergänzung zu der wirbelnden Frau neben ihm. Dass aber noch viel mehr in ihm steckt, zeigt er in einer herrlichen kleinen Sketcheinlage. Aus einer Supermarkttüte fischt er kleine Zaubereien hervor. Alles garniert er mit sehr viel Humor und Sprachwitz sowie einem spitzbübischen Lächeln.

Ganz am Ende gibt es eine schon fast philosophische Aufforderung gegen das Vergessen. "Pflegen Sie ihre Erinnerungen" fordert sie das Publikum und verabschiedet sich mit einem tiefgründigen Lied aus ihrem kommenden Programm "Knietief im Paradies". Bitte Frau Tausendschön, kommen Sie doch mit diesem Programm wieder nach Kempen.

(sr)