Mitsingkonzert in der Haltestelle Kempen

Mitsingkonzert in Kempen : „Die Menschen singen einfach gerne“

Chorleiterin Rita Wermes und Pianist Wolfgang Thier aus Kempen veranstalten regelmäßig Mitsingkonzerte. Wie fühlt sich das an, mit 150 fremden Menschen zu singen? Unsere Autorin hat es getestet.

Was tue ich hier? Singe ich wirklich gerade lautstark „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen? Westernhagen! Dessen Musik mochte ich noch nie. Okay, außer vielleicht „Wieder hier“, weil es da mal so eine Situation in meinem Leben gab, wo das wirklich gut passte. Aber Freiheit? Eigentlich nicht mein Lied. Trotzdem singe ich es gerade und wundere mich, wie textsicher ich bin. Bevor ich aber über das viele unnütze Wissen in meinem Kopf nachdenken kann, spielt Pianist Wolfgang Thier schon das Intro des nächsten Stücks, und Rita Wermes setzt zum Gesang an. Es ist Elton Johns „Can you feel the love tonight“. Eine gute Gelegenheit, sich ein Getränk zu holen und den anderen beim Singen zuzuhören.

Ich bin im Kulturtreffpunkt „Haltestelle“ an der St. Töniser Straße in Kempen. Rita Wermes, hauptberuflich Musik- und Deutschlehrerin, und Pianist Wolfgang Thier, eigentlich gelernter Pilot, bieten hier seit geraumer Zeit Mitsingkonzerte an. Zwischen 100 und 150 Menschen kommen zu den Konzerten, um mit anderen zwei Stunden lang Lieder zu schmettern. Das Format kommt gut an. Auch „Frau Höpker bittet zum Gesang“ ist regelmäßig ausverkauft, obwohl die Karten für die Mitsingkonzerte der Kölnerin das Doppelte von dem kosten, was Thier und Wermes nehmen. „Die Menschen singen einfach gerne“, sagt Wolfgang Thier, dem die Begeisterung für die Musik anzumerken ist.

Auch ich liebe es zu singen, aber seit ich mit einer Musikstudentin zusammengewohnt habe, deren feines Gehör nach eigener Aussage durch mein Singen unter der Dusche „empfindlich gestört“ wurde, bin ich vorsichtig geworden. Ich singe nur noch im Auto, und das auch erst, nachdem ich mich vergewissert habe, dass alle Fenster geschlossen sind, oder zuhause, wenn ich alleine bin. Aber hier bin ich nicht alleine. Hier sind 150 Menschen, hier gehe ich in der Menge unter. Das heißt, wenn ich es mir recht überlege, werde ich eher von der Menge getragen. Hinter mir steht ein Mann – ja, auch die kommen zu Mitsingkonzerten, sogar gehäuft –, der richtig gut singen kann. An dessen Stimme orientiere ich mich, und ich finde, ich klinge echt gut.

Gerade allerdings versuchen wir uns an „Viva la Vida“ von Coldplay. Coldplay mag ich zwar im Gegensatz zu Marius Müller-Westernhagen und Elton John, aber dieses Lied kann ich trotzdem nicht singen. Der Text ist furchtbar kompliziert. Ich versuche, den Zeilen, die der Beamer an die Wand wirft, zu folgen und auf Rita Wermes zu achten, die vorne steht und mit Gestik und Mimik Hilfen gibt, aber ich hänge total hinterher. Da kann auch der Mann hinter mir nicht helfen. Erst bei „Ooh, ooh, ooh, ooh“ steige ich wieder ein und bin erleichtert, als das Stück zu Ende ist und wir uns kräftig selber beklatschen. Das baut auf.

Bei „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens und „Lieblingsmensch“ von Namika bin ich wieder voll dabei. Bei „Ein Hoch auf uns“ sowieso und „Über den Wolken“ geht natürlich immer. Erstaunt bin ich darüber, dass ich noch Textfetzen von Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ gespeichert habe und inbrünstig mitsingen kann. Lang, lang ist es her.

Mit diesem Stück deutscher Geschichte im Ohr, das 30 Jahre nach dem Mauerfall natürlich gut passt, fahre ich beschwingt nach Hause, und mir fällt auf, dass so gesehen auch Westernhagens „Freiheit“ gut passt, was mich dann doch noch mit dem Stück versöhnt.

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