Stadt Kempen: Mit Pflaster und Fotos gegen Gewalt

Stadt Kempen : Mit Pflaster und Fotos gegen Gewalt

Für Beate Krempe war es das fünfte Mal. Für die Stadt Kempen war es eine Premiere. Die Anrather Künstlerin startete zur Ausstellung "Kunst gegen Gewalt" eine Aktion im öffentlichen Raum. Viele Passanten waren interessiert.

Kaum greift Beate Krempe zur Kreide und beginnt auf der Straße vor dem Kempener Rathaus zu schreiben, als schon die ersten Passanten neugierig stehen bleiben und ihr über die Schulter schauen. "Ich hätte viel eher gehen müssen" ist auf dem Asphalt zu lesen. Neben der Schrift auf dem Boden, direkt am Pfeiler des Stadthauses, klebt zudem das Bild einer Frau, die abwehrend die Arme vor den Kopf hält. Befestigt ist das Foto mit Heftpflaster. Zwei ältere Damen blicken Krempe fragend an. "Heute ist der internationale Tag gegen häusliche Gewalt und wir möchten zusätzlich zur Ausstellung im Rathaus mit dieser Aktion auf die Problematik aufmerksam machen. Laut Statistik erleidet nämlich jede vierte Frau häusliche Gewalt", erklärt Krempe.

Die beiden Frauen sind sichtlich schockiert. Dann nickt eine der beiden mit dem Kopf. Es gebe auch subtile Gewalt, sinniert sie leise. Es müssten nicht immer Schläge sein. "Wenn zwei sich streiten, sagt man immer, man solle sich nicht einmischen. Aber das ist falsch. Es ist erschreckend, wie viel Gewalt es gibt und das nicht nur gegen Frauen", bemerkt eine weitere Dame, die sich ebenfalls zu den drei Frauen gesellt. Und genau das ist es, was Krempe mit ihrer Aktion erreichen will: Menschen für ein Thema sensibilisieren und miteinander ins Gespräch kommen. Was die Anrather Künstlerin in den vergangenen drei Jahren schon in Viersen, Willich, Waldniel und Grefrath umgesetzt hat, fand jetzt in Kempen zum ersten Mal statt. Angelehnt an die Ausstellung "Kunst gegen Gewalt" veranstaltete Krempe eine weitere Kunstaktion im öffentlichen Raum. Sie klebte Bilder von Frauen, die sich in eindeutiger Schutzposition vor Schlägen befinden mit Heftpflastern an Ecken und Nischen in der Kempener Innenstadt fest, um im Anschluss Aussagen von Frauen, die unter häuslicher Gewalt gelitten haben, unter die Bilder zu schreiben. "Häusliche Gewalt passiert am Rande der Gesellschaft, wo sie nicht so sichtbar ist. Das symbolisiere ich mit den Nischen und Ecken. Das Pflaster zeigt, dass hier eine Verletzung stattgefunden hat und die Aussagen der betroffenen Frauen verdeutlichen, dass es Hilferufe gab, die aber niemand gehört hat oder nicht hören wollte. Die Kreide verwischt dabei mit der Zeit. Auch das hat eine Symbolik. Sie verschwindet. Das ist wie in der Gesellschaft, wo auch weggeschaut wird", erklärt Krempe, während sie das nächste Bild festklebt.

Wobei sie bei der aktuellen Aktion sogar Unterstützung hat. Barbara Füsers, die ebenfalls mit zu den Künstlerinnen gehört, deren Werke in der Ausstellung zu sehen sind, klebt und schreibt ebenso mit wie Janine Hofmann. Egal, wo eine der drei Frauen in der Kempener Innenstadt die Fotos festklebt oder eine Aussage niederschreibt, überall bleiben Passanten stehen, lesen und schauen. Dabei sind es nicht nur Frauen, auch Männer nehmen sich die Zeit, das Thema an sie heranzulassen. Oftmals kommt es auch zu Gesprächen über häusliche Gewalt. Das ein oder andere Mal muss Krempe sogar in ihren Korb greifen, aber nicht um die Kreide herauszuholen, sondern einen Flyer. "Mich sprechen auch betroffene Frauen an. Ich bin eine Künstlerin und keine Sozialpädagogin oder Psychologin, die dann direkt weiterhelfen kann. Daher habe ich Flyer dabei, die Frauen die kostenlosen Angebote aufzeigt, bei denen sie Hilfe finden können", sagt Krempe.

(tref)
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