Mehr als 100 Lämmer sind auf Gut Heimendahl in Kempen geboren.

Kempen : Gut Heimendahl: Die Lämmer sind da

Jede Menge Nachwuchs ist auf Gut Heimendahl in Kempen angekommen. Über 100 Lämmer sind geboren worden. Es gibt darunter auch Tiere, die mit der Hand aufgezogen werden. 

Kaum öffnet Andreas Cohrs die Boxentür im Schafstall, da setzt ein Gedränge ein. Vier kleine Lämmer schießen dem Kastellan vom Kempener Gut Heimendahl entgegen. „Ihr kriegt alle etwas“, ruft Cohrs lächelnd und geht in die Hocke, die Objekte der Begierde in den Händen haltend. Es handelt sich um zwei Literflaschen, jeweils mit einem Sauger versehen. Kurz darauf ist ein zufriedenes Schmatzen zu hören. Kleine Mäuler nuckeln voller Hingabe ihr mit warmem Wasser angerührtes Milchpulver.

„Die beiden vier Wochen alten Lämmer bekommen pro Mahlzeit einen halben Liter Milch, die beiden kleinen, die gerade einmal knapp zwei Wochen alt sind, erhalten 300 Milliliter “, sagt Cohrs. Zu den täglichen Arbeiten auf Gut Heimendahl sind zusätzliche Aufgaben gekommen. Das Lammen hat im Dezember eingesetzt. Schafe bekommen ihren Nachwuchs nicht, wie viele glauben, um die Osterzeit. Die Hauptmonate der Geburten sind der Dezember und der Januar. Das erste Lämmchen auf Gut Heimendahl erblickte am ersten Advent das Licht der Welt. 200 Lämmer wurden von den 250 Muttertieren erwartet.

Dabei passiert es immer wieder einmal, dass die Kleinen mit der Flasche aufgezogen werden müssen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. „Es kann vorkommen, dass ein Mutterschaf, das zum ersten Mal gelammt hat, den Nachwuchs nicht annimmt, weil es gar nicht versteht, was los ist“, erklärt Gutsherr Hannes von Heimendahl einen der Gründe für die Handaufzucht. Bei Drillingen ist es hingegen so, dass das kleinste Lamm oft von den beiden kräftigeren Geschwistern nicht an die mütterliche Milchquelle gelassen wird und einfach zu wenig Nahrung abbekommt. Die Alternative ist dann auch hier die Flasche mit dem Schnuller. Ganz selten kann es zudem vorkommen, dass ein Muttertier etwa wegen einer Entzündung am Euter keine Milch gibt. Zwillinge kommen bei Schafgeburten häufig vor. „Wenn unser Schäfer hingegen von Drillingen redet, dann frage ich nur: „Jakobsschaf?“ und bekomme dann ein zustimmendes Nicken. Bei dieser Rasse kommen Drillinge häufiger vor“, berichtet von Heimendahl.

Zuletzt war Lukas Stachowiak, der Schäfer von Gut Heimendahl, nicht nur tagsüber im Einsatz. Er wanderte auch nachts über die Wiesen und schaute nach, ob Lämmer geboren werden. Die alten Haustierrassen leben das ganze Jahr über in einer offenen Stallhaltung. Kaltes Wetter macht den Schafen weniger aus, als wenn Regenwetter mit Wind herrscht. In einer klaren Frostnacht sind die Schafe oft auf den Wiesen anzutreffen, wo sie unter dem Sternenhimmel schlafen. Regnet es dagegen und der Wind peitscht, dann wird der Unterstand bevorzugt, wobei die neu geborenen Lämmer aus Schutz immer zuerst für einige Tage in den Stall kommen – egal, wie das Wetter ist. Daher macht Stachowiak auch die nächtlichen Kontrollen, damit die Neugeborenen mit ihren Müttern in den geschützten Stall umziehen. Die Schafe lammen indes völlig selbstständig. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal einen Tierarzt gebraucht hätten“, sagt Cohrs. Jeden Tag ist es spannend, die Schafe durchzuzählen, weil es einfach Tag für Tag mehr werden. Auf Gut Heimendahl leben zwei- und vierhörnige Jakobsschafe, die man unschwer an ihren Hörnern erkennt. Bei der Variante mit den gedrehten Hörnern handelt es sich um die Ungarischen Zackelschafe. Die Tiere mit dem braunen Fell sind die Coburger Landschafe und die zotteligen dunkelgrauen die Steinschafe. Dazu kommen die Bentheimer, die als die größte deutsche Heideschafrasse gelten.

So unterschiedlich sie auch sind, eins haben alle gemeinsam: Es handelt sich um vom Aussterben bedrohte alte Haustierrassen. Das Gut Heimendahl ist ein so genannter Arche-Hof, der lebendiges Kulturgut in Reinzucht erhält. „Mein Vater hat die ersten Jakobsschafe nach dem Krieg angeschafft. Damals allerdings vor dem Hintergrund, dass die Parkanlage zu verwildern drohte. Die Schafe wurden als lebendige Rasenmäher eingesetzt. Gefunden hatte er die alte Rasse dabei in England“, berichtet von Heimendahl.

Mit dem Faible für die besonderen alten Rassen legte er damit den Grundstock für die heutige Arbeit auf dem denkmalgeschützten Gut. Massentierhaltung ist ein Fremdwort. Vielmehr geht es darum, die alten Haustierrassen, zu denen auf dem Gut nicht nur die Schafe zählen, artgerecht zu halten und dazu gehört auch das Lammen unter freiem Himmel. Außerdem wird hier auch die Philosophie des Gutsbetriebes deutlich. Die Tiere werden auf dem Hof geboren und leben dort, bis die hauseigene Vermarktung einsetzt.

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