Lesung in der Buchhandlung

Grefrath : Worte, die fliegen wie Federn

Hilmar Klute war zu Gast in der Grefrather Buchhandlung von Karl Groß. Wieder einmal hat der Buchhändler es geschafft, für seine Reihe „Kultur am Montag“ einen literarischen Hochkaräter in die Gemeinde zu holen.

Eigentlich möchte man gar nicht über das Buch schreiben, auch nicht über den Autor, der bei der Lesung in der Grefrather Buchhandlung Groß etwas gehetzt wirkte oder vielleicht auch einfach schlecht gelaunt war. Eigentlich möchte man nur aus dem Buch zitieren, denn „Was dann nachher so schön fliegt“ ist vor allem das: ein sprachliches Meisterwerk.

Schon in den ersten Sätzen erschließt sich die ganze große Kunst des Autors Hilmar Klute: „Dieser stille raue Zauber, der auf der herbstlichen Frühe lag. Es gab noch keine Andeutung des Morgens, die Nacht war einfach hinter dem Abteilfenster hängen geblieben wie schwarzes Seidenpapier, und ich hätte jetzt gern ein Gedicht über meine sternklare Wachheit geschrieben. Die Pendler waren bereits in die summenden Nahverkehrszüge gestiegen, morgendliche Unlust in den Gesichtern, nach einer kurzen Fahrt in Mülheim oder Essen würden sie in ihre Lochkartensysteme entlassen werden, die paar Lehrlinge unter ihnen waren in ihren speckigen Anoraks vor Müdigkeit erstarrt.“

Dass Klute es schafft, den poetischen Stil und die metaphorische Brillanz über 368 Seiten auf gleichem Niveau zu halten, macht den 52-jährigen Autor, der in Bochum geboren wurde und heute in München lebt, zu einem ganz Großen der deutschen Gegenwartsliteratur. 30 Jahre hat es gebraucht vom ersten Literaturpreis, der dem jungen Klute in Berlin verliehen wurde, bis zu diesem ersten Roman, der seit August vorigen Jahres auf dem Buchmarkt ist. Klute, der zwischenzeitlich nicht untätig war, sondern als Journalist gearbeitet hat – seit ein paar Jahren ist er Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und verantwortet dort unter anderem das „Streiflicht“ – sagt, es brauche eine gewisse Reife und Lebenserfahrung, um einen Roman zu schreiben. Er habe in den vergangenen Jahren immer mal wieder versucht, „über das ein oder andere“ zu schreiben, aber erst im Zusammenspiel der beiden Erzählstränge habe es gepasst.

Und so erzählt das Buch, das 1986 spielt, sowohl vom Alltag im Pflegeheim, in dem der 20-jährige Protagonist Volker seinen Zivildienst leistet, als auch vom Literaturbetrieb, denn Volker träumt davon, Dichter zu werden. Tatsächlich wird er nach West-Berlin zu einem Autorentreffen eingeladen. Klute verwebt diesen Erzählstrang mit allerlei Anekdoten rund um die Gruppe 47, der unter anderem und zeitlich versetzt Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Peter Handke, Walter Jens, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Günter Grass und Peter Rühmkorf angehörten.

Einige dieser Literaten tauchen auch im Roman auf, allerdings ohne dass ihre Namen genannt werden. So trifft der junge Protagonist zum Beispiel Günter Grass beim Trampen von Paris nach Deutschland und auch Walter Jens hat einen versteckten Auftritt. Die Lyriker hingegen, die der Protagonist ebenso wie der Autor verehrt, werden direkt erwähnt und oft zitiert. Und so ist das Buch auch eine Hommage an die deutschen Dichter. Von Peter Rühmkorf etwa hat der Autor den Titel entliehen, und der war, wie Klute in Grefrath erzählt, sogar schon lange vor den ersten Sätzen da. „Ich wusste schon früh, wenn ich mal einen Roman schreibe, dann soll er so heißen“, sagt der 52-Jährige.

Entstanden sei der Roman übrigens, auch das erzählt der Autor bei der Lesung in der Buchhandlung, in einem Paris Café. Klute hatte sich ein Jahr Elternzeit genommen, die die junge Familie in Paris verbrachte. Während die Tochter drei Stunden am Tag in einer Krippe war, saß der Vater mit einem Laptop im Café und schrieb „Was dann nachher so schön fliegt“. Dass der Roman autobiografische Züge hat, leugnet der Autor nicht. Dazu gibt es auch zu viele Überschneidungen mit seinem eigenen Werdegang: Klute ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, hat seinen Zivildienst im Pflegheim absolviert und ist im Herbst 1986 als 20-Jähriger zu einem Treffen für talentierte Nachwuchsautoren nach West-Berlin eingeladen worden. Zu den Eindrücken während der morgendlichen Zugfahrt Richtung Osten: siehe oben.

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