Stadt Kempen: Leistung vom Sein entkoppeln

Stadt Kempen: Leistung vom Sein entkoppeln

Dorothee Döring hat ein wichtiges Buch geschrieben: In "Wenn das Gute nie genug ist" gibt die Tönisberger Autorin Ratschläge, wie man der Perfektionismusfalle entkommen kann.

Ihr neues Buch - es ist mittlerweile das 32. - ziert das Foto eines Mannes, der mit einer Nagelschere Grashalme kurz schneidet. Dieses Bild einer übertriebenen Genauigkeit soll mit einem Augenzwinkern für den Perfektionisten stehen. Wer sich selbst eingesteht, Perfektionist zu sein, findet das vielleicht gar nicht lustig, bedeutet Perfektionismus in den meisten Fällen doch Überforderung der eigenen Person und auch eine Beeinträchtigung des direkten Umfeldes, der Familie oder der Kollegen.

Doch was ist ein Perfektionist? Ist der Perfektionist nicht die auf die Spitze getriebene Selbst-Optimierung, die eine neoliberale Wirtschaftswelt fordert? Wo verläuft die Grenze zwischen dem Bemühen, das Beste zu geben, und einem krank machenden Perfektionismus? Dorothee Döring, die über Kommunikation und Konfliktmanagement Vorträge hält und Seminare gibt, hat ihr Buch mit dem Titel "Wenn das Gute nie genug ist" überschrieben. Wer so angetrieben ist, erscheint als ein armer Sisyphos des alltäglichen Lebens. Wo verläuft die Grenze zum Pathologischen? Döring erwartet von einem Piloten oder von einem Chirurgen bei der OP eine perfekte Arbeit. Auch sie selber hat einen hohen Anspruch an sich selbst, wenn sie Bücher schreibt und Seminare abhält. Sie weiß aber selber, dass vieles von der Tagesform abhängt, und die ist mal besser, mal schlechter. Ein Perfektionist boykottiert sich selbst, er ist nie mit dem Geleisteten zufrieden und nörgelt an allem herum.

Dorothee Döring hat sich selbst jahrelang so unter Druck gesetzt. Sie bekennt, über viele Jahre selber eine Perfektionistin gewesen zu sein. Die heute 68-jährige Autorin hat mit zunehmenden Alter jenseits der 50 festgestellt, dass sie gelassener wurde. "Das muss ich nicht mehr" oder "mal fünf grade sein lassen" trifft diese altersmilde Einstellung. Sie selber pflegte einen Frauenkreis, in dem man sich gegenseitig nach Hause einlud. Als die einzelnen Frauen begannen, sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen, wurde es anstrengend. Spaß und Lockerheit blieben auf der Strecke - bis die erste "diesen Wahnsinn durchbricht".

Woher kommt dieser Leistungsdruck? Die Kriegseltern waren sehr leistungsbezogen, Anerkennung erhielten die Kinder nur durch besondere Leistungen. In der Vergangenheit wurde viel mit Druck und Angst gearbeitet. Diese Erziehung führte zu einem geringen Selbstbewusstsein. Also muss man sich die Bestätigung durch Leistung hart erarbeiten. Heute ist es fast noch schlimmer geworden. Junge Eltern wünschen sich Kindergärten, in den Märchen zweisprachig vorgelesen werden. Die Kinder werden zum Ballett, zum Reiten, zum Sport angemeldet. Aus vielem spricht die Angst, die Existenz für die Kinder zu sichern. Vielleicht widmen Eltern ihrem einzigen Kind mehr Aufmerksamkeit als das früher Eltern in kinderreichen Familien tun konnten.

  • Autorin Dorothee Döring : Leistung vom Sein entkoppeln

Bei Dorothee Döring waren es die eigenen Kinder, die sie zum Nachdenken gebracht haben. Perfektionismus schließt Lebensqualität und Freude aus. Der Trick ist, die Leistung vom Sein zu entkoppeln. Das bedeutet: Leistung wird bezahlt, Sein wird belohnt (durch Akzeptanz oder Liebe). Ein erster Schritt aus der Falle ist eine kritische Selbstanalyse. Hilfreich ist auch, positive Vorbilder zu suchen. Oder sich im Urlaub auch mal andere Mentalitäten anzuschauen.

Hinzu kommt, dass gute Leistungen nicht ausreichen. Heute braucht man im Alltag auch soziale Fähigkeiten, um Netzwerke zu bilden und Selbstmarketing zu betreiben. In Spitzenpositionen findet man kaum die "Arbeitsbienen", sondern die "Politiker", die einen Riecher dafür haben, wer Freund und Feind ist, sich ins richtige Licht stellen und Menschen für sich gewinnen können.

In ihrem Buch gibt Döring ganz konkrete Ratschläge, wie man seinem inneren Kritiker und dem eigenen Treiber auf die Spur kommt. Sie rät ihren Lesern, sich von zu hohen Erwartungen zu befreien, Versagensängste zu überwinden und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Wem das zu theoretisch ist, wird im letzten Kapitel bei der Gelassenheit landen. Um dazu zu gelangen, sollte man sein Leben entschleunigen und in Ansprüchen und Vorhaben realistisch sein. Und wer es kann, sollte es mit positivem Visualisieren und Meditation versuchen. Aber bloß nicht in den Perfektionismus verfallen, nicht mehr perfekt sein zu wollen.

(RP)