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Kempen: Landwirte sehnen Frost herbei

Kempen : Landwirte sehnen Frost herbei

Das Getreide wächst, als sei es April, Ungeziefer und Pilze befallen die Pflanzen, der Boden ist klumpig statt locker-leicht – Kreislandwirt Heinz-Josef Tölkes und seine Kollegen warten auf den Winter.

Die Gummistiefel von Heinz-Josef Tölkes sinken tief in den Matsch ein. Zu tief. Zumindest für diese Jahreszeit: „Normalerweise hätte es längst frieren müssen. Der Frost hätte den Boden aufgesprengt und ihn krümelig gemacht.“ Luftig-leicht, so soll der Ackerboden sein, um die Pflanzen mit Sauerstoff versorgen zu können und ein aktives Innenleben entfalten zu können. „Ohne Frost geht das nicht“, erklärt Tölkes. Richtige Sorgen macht sich der Kreislandwirt noch nicht. Gedanken aber schon: „Schauen Sie mal hier“, sagt er und rupft einige Pflanzen aus dem Gerstenfeld. „Überall Mehltau und Läuse, die unteren Halme sind sogar schon ganz faulig.“ Denn auch dafür hat der fehlende Frost gesorgt: Ungeziefer und Pilze schädigen die Pflanzen der Landwirte.

Wenn sich Heinz-Josef Tölkes auf den Feldern umschaut, die er und sein Sohn Heinz-Wilhelm gemeinsam bewirtschaften, fühlt er sich, als sei es April. Grün, wohin das Auge schaut, dabei hätte sich das Wintegetreide eigentlich längst gelblich färben müssen. Noch dazu sind die Gerste- und Weizenpflanzen bereits jetzt über 15 Zentimeter hoch. „Sie hatten ihre übliche Winterruhe noch nicht“, informiert Tölkes. „Normalerweise steht das Leben auf den Feldern zu dieser Jahreszeit still. Jetzt aber wachsen die Pflanzen weiter.“

An einen ähnlich milden Winter erinnert sich der Kreislandwirt auf Anhieb nicht. Aber an den letzten mächtig kalten denkt er gern zurück: „Anfang der sechziger Jahre war das. Ich erinnere mich gut, weil ich damals gerade mit der Landwirtschaftsschule fertig war. Wir konnten kaum vor die Tür, Schnee und Eis ließen auch den Milchmann, der unsere Milch damals noch in Kannen abholte, nicht durchkommen.“ Die Hoffnung auf eine gehörige Portion Frost gibt Heinz-Josef Tölkes auch für dieses Jahr nicht auf. Er vertraut auf seine Erfahrung, wenn er sagt: „Der Winter kommt noch.“ Temperaturaufzeichnungen macht der 61-Jährige nicht, „ich verlasse mich da auf mein Gefühl.“ Es dürfe nicht vergessen werden, dass der Winter laut Kalender quasi gerade erst begonnen habe und noch bis zum 20. März dauere. „Bis dahin kann es nochmal richtig kalt werden.“

Frost sehnen Tölkes und seine Kollegen herbei, eine dicke Schneedecke käme ihnen hingegen gar nicht zupass. „Dann würde alles, was bis jetzt gewachsen ist, unter dem Schnee verfaulen.“ Die Arbeit beim Vieh im Stall, Reparaturen und andere Vorbereitungen auf den Frühling verrichten der Kreislandwirt und sein Sohn wie in jedem Winter. „Die milden Temperaturen haben keine Auswirkungen auf das weitere Jahr. Wir werden auf keinen Fall eher ernten können.“ Tölkes rät, an die ganze Sache so heranzugehen wie er selbst: „Man muss das Wetter nehmen, wie es ist. Ändern können wir ja doch nichts.“

(RP)