Serie Stolpersteine In St. Hubert (3): Kinder verstecken sich im Dorf

Serie Stolpersteine In St. Hubert (3): Kinder verstecken sich im Dorf

Die Eheleute Isidor und Mathilde Lambertz aus St. Hubert wurden in Riga ermordet. Ihr Adoptivsohn Hans Felix konnte in die Niederlande fliehen. Vorher hatte er sich bei der Versorgung versteckter Kinder mit dem Heimat-Experten Jupp Pasch angefreundet. Pasch wird bei der Verlegung seines jüdischen Freundes gedenken.

Kempen Isidor Lambertz, 1942 in einem Massengrab bei Riga erschossen, wurde 1878 in St. Hubert geboren. Vorfahren von ihm sind bereits 1821 in Kempen nachweisbar. Er war ein sozialer und toleranter Mann - auch in Glaubensdingen. Als im September 1929 der Bischof von Münster Johannes Poggenburg St. Hubert besuchte, unternahm ihm zu Ehren der örtliche Radfahrverein eine "Bischofsfahrt". Dabei strampelte auch Isidor Lambertz mit. An seine Lenkstange hatte er ein Schild gebunden, das allen verkündete: "Ich bin zwar ein Israelit, aber ich ehre doch den Bischof."

Isidor Lambertz' erste Frau Julie war 1917 gestorben. In zweiter Ehe heiratete er Mathilde, geborene Koopmann, aus Weeze. Mit ihr lebte er an der Hindenburgstraße 41, heute Hauptstraße 43. Ihre Ehe blieb kinderlos. Deshalb adoptierten Isidor und Mathilde Lambertz den 1928 in Leipzig geborenen Hans Felix. Sein ursprünglicher Familienname ist unbekannt.

Mathilde Lambertz 1938 - sie wurde in Riga ermordet. Foto: Familie Baum

Als ihre Wohnung im Zuge der Pogromnacht am 10. November 1938 demoliert worden ist, ahnen die Eheleute, was auf sie zukommt. Mit Hilfe ausländischer Organisationen bemühen sie sich, ihren zehnjährigen Adoptivsohn Hans Felix in Sicherheit zu bringen. Sie bringen sich aber auch selbst ein. Ihr großes Haus wird zum Unterschlupf für jüdische Kinder, die über die Grenze in die Niederlande gebracht werden sollen. Diese Kinder brauchen Brot. Deshalb geht Hans Felix jeden Abend mit zwei großen Taschen in den Laden des Bäckermeisters Josef Pasch, Königstraße 32, der als Gegner der Nazis bekannt ist. Dort wartet er, bis der letzte Kunde den Verkaufsraum verlassen hat.

Um die Zeit des Wartens unauffällig zu überbrücken, unterhält er sich dann gerne mit Jupp, dem vier Jahre jüngeren Sohn des Bäckermeisters. Die beiden freunden sich an. Jupp Pasch kann sich an seinen jüdischen Freund heute noch gut erinnern. Er berichtet: "Dass Hans Felix ein Adoptivkind war, wusste ich nicht; ich hätte mit dem Begriff damals auch nichts anfangen können. Immer wurde er als Letzter bedient, damit es keine Zeugen für seinen 'Einkauf? gab. Manchmal erzählte er dann mit mir, wenn auch ich gerade im Laden war. Meine Mutter packte ihm - natürlich mit Wissen meines Vaters - dann die Taschen voll Brot und erließ ihm jedes Mal die Bezahlung. Erst einige Jahre später habe ich von ihr erfahren, dass in St. Hubert jüdische Kinder versteckt waren. Sie wurden dann später von Gewährsleuten abgeholt und ins Ausland gebracht. Nicht nur bei den Lambertz - auch im benachbarten Haus der Jüdin Wilhelmine Mendel waren solche Kinder versteckt. "

Hans Felix Lambertz konnte ins Ausland fliehen. Foto: Familie Lambertz

Es gelingt den Eheleuten Isidor und Mathilde Lambertz, ihrem Adoptivsohn die Aufnahme in einem niederländischen Kinderheim zu ermöglichen und ihn so vor der Ermordung zu bewahren. Am 27. Januar 1939 verlässt Hans Felix St. Hubert. Dazu Jupp Pasch: "Vor seiner Ausreise schenkte er mir zum Abschied ein Märchenbuch. Ich besitze es heute noch. Es enthält - mit Tinte geschrieben - das Signum 'Hans Felix Lambertz?. Darunter steht mit Bleistift: "... schenkt Josef Pasch dieses Buch."

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Kurz bevor die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 die Niederlande besetzt, gelangt Hans Felix zu einer Pflegefamilie nach England. Ende der 1960er-Jahre zieht er nach Österreich. Er stirbt am 3. Januar 2015 in Innsbruck. Von allen, die ihn gekannt haben, wird er als "herzensguter", ruhiger und vor allem extrem bescheidener Mensch bezeichnet. Wenn am 29. Mai Kempener Gesamtschüler seine Biographie vorlesen werden, wird Jupp Pasch mit ihnen von seinem Freund berichten.

Hans Lambertz' Adoptiveltern, der 63-jährige Isidor Lambertz und seine drei Jahre jüngere Frau Mathilde, werden am 10. Dezember 1941 mit dem Zug von Kempen über Krefeld zum Schlachthof in Düsseldorf-Derendorf gebracht. Von dort geht es am nächsten Tag weiter in das Ghetto von Riga. Hier verliert sich Mathildes Spur. Isidor Lambertz wird in das Lager Jungfernhof in der Nähe der Düna gebracht. Hier soll ein Mustergut für die geplante deutsche Ostkolonisation entstehen, mit deutschen "Herrenmenschen" und jüdischen Sklavenarbeitern. Aber die heruntergekommenen Gebäude sind bald überbelegt. Wer die Arbeit auf dem Feld nicht durchhält, wird umgebracht.

Bei einer Vernichtungsaktion am 26. März 1942 lädt man an die 1800 Menschen aus diesem Lager auf Lastautos und bringt sie zur Erschießung in den Wald von Bikerneki, darunter auch Isidor Lambertz aus St. Hubert.

Zur Verlegung der Stolpersteine für Isidor, Mathilde und Hans Felix Lambertz und für Isidors Schwester Eva, die einen Teil ihres Lebens in seinem Haus verbrachte, werden ihre noch lebenden Nachfahren nach St. Hubert kommen - darunter der international renommierte jüdische Wissenschaftler Rodney Eisfelder mit seiner Frau aus dem australischen Melbourne.

(hk-)
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