Stadt Kempen: Kempens schwärzester Tag

Stadt Kempen : Kempens schwärzester Tag

Vor 70 Jahren forderte der schwerste Bombenangriff auf Kempen 90 Menschenleben. In einer dreiteiligen Serie zeichnet die RP die Umstände nach, unter denen Menschen zu Tode kamen, beschreibt die Gefühle der Überlebenden, die mühsamen Versuche, sich nach der verheerenden Attacke wieder zurechtzufinden.

Samstag, 10. Februar 1945: Ein kalter, trockener Wintertag. Um halb drei hat der Rundfunk für den Luftraum Düsseldorf Entwarnung durchgegeben, kurz darauf haben in Kempen die Sirenen das entsprechende Signal geheult. Überall klettern die Menschen aus den Kellern, um sich für den Sonntag notdürftig mit Lebensmitteln einzudecken. Andere nutzen das schöne Vorfrühlingswetter, arbeiten vor den Toren in ihren Kleingärten. Kurzum: In der Stadt wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen.

Kurz vor 15 Uhr: Ein auffallend starkes Gebrumm von Flugzeugmotoren dröhnt auf. Vor dem strahlend blauen Himmel im Nordwesten fliegt in etwa 3,7 Kilometer Höhe, rasch näher kommend, ein Pulk von 41 amerikanischen Flugzeugen auf Kempen zu. Es sind leichte zweimotorige Bomber: 30 Douglas A-26 Invader und elf ältere Douglas A-20. Den Kern bilden zwei Bombergruppen zu jeweils 18 Maschinen in V-Formation, seitlich versetzt hinter- und untereinander fliegend. Vor jeder der beiden Gruppen erkundet ein Pfadfinderflugzeug mit einer erweiterten Navigations- und einer Radarausrüstung den Weg. Seitlich und rechts vorne von ihnen hält sich eine Gruppe von drei A-20-Bombern bereit, um Stanniolstreifen abzuwerfen, damit die Radargeräte der deutschen Flakbatterien geblendet werden. Alles ist perfekt organisiert; da kann nicht viel daneben gehn. Um 15.05 Uhr ist die Formation über der Stadt.

Die Flugzeuge gehören zur Gruppe 409 des 97. Bombergeschwaders. Gestartet sind sie auf dem Flugplatz Laon in Frankreich. Nachdem am vorangegangenen späten Abend ein ähnlicher Angriff auf Kempen fehlgeschlagen ist, wird die Attacke jetzt vom selben Flughafen aus bei Tageslicht wiederholt; mit anderen Flugzeugen derselben Typen.

Tiefer gehend, drehen sie zunächst eine Runde über der Stadt, um sich über ihre Ziele zu orientieren. Jetzt erst setzt das Geheul der Sirenen ein: Voralarm! Die Sirenen heulen noch, da rauschen schon die ersten Bomben nieder. 151 werden in den nächsten Minuten fallen; 57,5 Tonnen, um genau zu sein. Am Heghmannshof in Schmalbroich steht eine Batterie leichter Flugabwehrgeschütze. Aber ihr Feuer ist schwach und ungenau. Nicht einer der Bomber trägt einen Kratzer davon.

Mit zerstörender Wucht nimmt die Kette der Explosionen ihren Weg durch den westlichen Teil der Stadt. Steinbrocken und Balken fliegen durch die Luft. Die Luft ist gelb gefärbt vom austretenden Sprengstoff. Gewaltige Trichter werden vor dem Kuhtor, dem Ausgang der Ellenstraße und zu Füßen der Turmmühle in den Boden gerissen. Zwei schwere Bomben zerschmettern die Häuser Ellenstraße 23 bis 27, töten alle Insassen. Die schlimmsten Schäden hat es jedoch an der Kreuzung Mülhauser Straße/Ellenstraße, im Bereich Möhlen- und Hessenring gegeben.

Hohe Staubwolken wirbeln in die Luft, verfinstern zeitweilig den blauen Himmel. Durch den Staub blitzen die Explosionen und Brände in der Stadt.

Die 19- jährige Gertrud Hegger (später Plenker) sitzt gerade beim Friseur Edmund Borgs an der Kuhstraße unter der Trockenhaube. Auf einmal spürt sie, wie der Boden unter ihr von Explosionen zittert. Sie stürzt auf die Straße und biegt in die Klosterstraße ein, wo direkt hinter der Ecke ein öffentlicher Luftschutzkeller liegt. Da erfasst sie der Luftdruck einer Bombe und wirbelt sie drei Häuser weit - bis zum Haus Hilbradt an der Klosterstraße. Von Trümmern bedeckt, stürzt sie zu Boden. Ein Soldat hört die Hilferufe der jungen Frau und gräbt ihren Körper vom Schutt frei, so dass Helfer sie bergen können.

Als der Angriff vorbei ist, kommen vom Bahnhof der Kaplan Heinrich Hastenrath und die Kempener Ärztin Dr. Berta Vonneguth durch die Stadt und stoßen im allgemeinen Wirrwar auf die schwer verletzte Gertrud Hegger. Der linke Arm und beide Beine stecken voller Splitter, an der linken Kopfseite liegt der Schädelknochen bloß; die Haut ist weggerissen. "Die kommt nicht mehr durch", meint Dr. Vonneguth. Hastenrath spendet ihr die letzte Ölung. Aber Gertrud Hegger kommt durch. Jeweils drei Monate verbringt sie im Oedter und im Kempener Krankenhaus, bis sie genesen ist.

Der Angriff hat drei Minuten gedauert. Drei Minuten, die den Menschen in den Kellern wie eine Ewigkeit vorkommen.

Der elfjährige Heinrich Wolters hat das Fallen der Bomben vom Dämkesweg aus miterlebt. Als die Explosionen aufgehört haben, macht er sich auf den Weg nach Hause, zum Spülwall: "Ich kletterte über Trümmer", heißt es in seinen Aufzeichnungen. " ...lief über die Toten, die auf den Straßen lagen. Soldaten lagen da. Da lag eine Frau, deren Körper vom Kopf getrennt worden war. Ich lief nach Hause. Es war ein grauenvoller Weg. Der Staub in der Luft machte mir das Atmen schwer. Weinend fiel ich meiner Mutter in die Arme."

(hk-)
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