Interview: Serie Kempener Stolpersteine (5): Kempener Kinder in der Gaskammer

Interview: Serie Kempener Stolpersteine (5): Kempener Kinder in der Gaskammer

Nach den Ausschreitungen der "Kristallnacht" versuchten die jüdischen Eltern, ihre Kinder ins Ausland zu retten. Trotzdem wurden zwei von ihnen ermordet.

kempen 10. November 1938: "Kristallnacht" in Kempen. Am Haus der Familien Goldschmidt und Bruch, Vorster Straße 2 (heute: Café Amberg), schlagen der Polizeihauptwachtmeister Ludwig Oberdieck und mehrere Kempener SA-Männer das Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss ein und treten die schwere Haustür aus ihren Angeln. Wilde Drohungen brüllend, stürmen sie in den ersten Stock, verwüsten dort das kleine Wohnzimmer der Familie Bruch und wenden sich den Schlafräumen zu. Aber hier tritt ihnen Selma Bruch (35) entgegen: "Bitte! Da schlafen unsere Kinder. Die sind doch noch klein, bitte, bitte, tut ihnen nichts." Einer der Nazis schreit nur: "Was interessieren uns deine Judenbälger? Bring die bloß Qraus!" Aber vor der Tür des Kinderzimmers bleiben sie doch stehen. Dann entdecken sie im Wohnzimmer ein Klavier, reißen das Fenster auf und werfen das schwere Instrument durch das mittlere Fenster auf die Straße.

Zeitzeugen beobachten von der Straße aus, wie am offenen Fenster links daneben die vierjährige Ilse Bruch steht und herzzerreißend weint. Dann nimmt Selma Bruch ihre beiden Kinder, Ilse und den sechsjährigen Herbert, und läuft mit ihnen auf die Straße, begleitet von der Großmutter, während sie noch hinter sich das Splittern von Glas und das Krachen der auf den Boden geworfenen Gegenstände hört. Vor dem Haus angekommen, sieht sie auf dem Bürgersteig schon den zerbrochenen Tisch, die Stühle und die Spielzeugkommode aus dem Kinderzimmer liegen, daneben Stücke von Spielzeug. Während sie noch unten steht, fliegen aus dem Schlafzimmerfenster der Eltern im ersten Stock der Kleiderschrank, Lampen, Bücher und zerrissene Oberbetten, letztere umwirbelt von einem Gestöber aus Bettfedern. Schreckensstarr klammern sich die Kinder an die Rockzipfel von Mutter und Großmutter, sehen mit an, wie ihr Zuhause sich in Scherben auflöst.

Unter dem Eindruck der Ausschreitungen in der "Kristallnacht" öffnen die Niederlande und England ihre Grenzen für jüdische Kinder. Am 4. Januar 1939 fahren Selma Bruch und ihre Schwiegermutter Adele Rath aus Dülken mit Ilse und Herbert zum Kölner Hauptbahnhof, wo sie sie holländischen Frauen übergeben. Die bringen sie nach Bergen aan Zee in Nordholland, westlich von Alkmaar. Ilses und Herberts Vater, Rudolf Bruch, ist während der "Kristallnacht" wie alle männlichen Juden von der Kempener Polizei verhaftet worden, um nach Dachau deportiert zu werden. Erst am 23. Januar 1939 kommt er zurück. Vom Kempener Arbeitsamt wird er nun als Hilfsarbeiter vermittelt; Selma stellt in Heimarbeit künstliche Blumen und Gürtel her. Seit längerer Zeit streben sie die Ausreise nach England an, hoffen, ihre Kinder dort in Freiheit wiederzusehen.

Diese Hoffnungen werden durch den Ausbruch des Krieges im September 1939, durch den Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande im Mai 1940 zunichte gemacht. Stunden vor dem Eintreffen der deutschen Truppen gelingt es dem Flüchtlingskomitee von Bergen aan Zee, am 17. Mai eine Handvoll jüdischer Kinder zusammenzuraffen und sie im Hafen auf einen Kohlenfrachter zu retten. Unter ihnen ist auch der siebenjährige Herbert Bruch. Trotz der Gefährdung durch deutsche Artillerie und Bomben erreicht das langsame Schiff England. Ilse Bruch aber muss die holländische Familie, die das liebenswerte Mädchen wie eine eigene Tochter ins Herz geschlossen hat, verlassen und nach Kempen zurückkehren.

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Am 10. Dezember 1941 wird Ilse Bruch mit ihren Eltern in das Getto von Riga deportiert. Dort stirbt der Vater, von der KZ-Haft in Dachau geschwächt, von schwerer Arbeit körperlich erschöpft, am Hungertyphus. Am 2. November 1943 wird das mittlerweile neunjährige Mädchen in einen Transport nach Auschwitz eingereiht. Ihrer Mutter hat die SS zwar eine Arbeit zugeteilt, die eine Art Lebensversicherung für sie darstellt: Als geschickte Näherin muss die Kempenerin die Kleider der Erschossenen von Blutspuren säubern und dann die Einschusslöcher kunststopfen, damit die Textilien in Deutschland im Rahmen des Winterhilfswerks an bedürftige "Volksgenossen" verteilt werden können. Aber als Selma Bruch sieht, wie ihre Tochter mit anderen Kindern auf einen Lkw getrieben wird, kommt sie mit, damit Ilse beim Sterben in der Gaskammer nicht allein ist.

Ilse Bruchs älterer Bruder Herbert lebt heute, 82 Jahre alt, in Kalifornien. Mehrere Versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, blieben ohne Resonanz. Mit Kempen will er wohl nichts mehr zu tun haben.

1939 ist es auch den Eheleuten Andreas und Paula Mendel, mittlerweile wohnhaft im Haus Tiefstraße 15, gelungen, ihre 15jährige Tochter Liesel mit einem Kindersammeltransport auf den Weg nach Holland zu bringen, wo sie bei Verwandten im Haushalt hilft. Aber 1941 werden die in Kempen verbliebenen Mendels mit Liesels älterem Bruder Kurt nach Riga deportiert. Die Niederlande sind 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt worden. Vom 2. Mai 1942 an muss das Mädchen den Judenstern tragen. Als Liesel sich bei den Behörden nach dem Verbleib ihrer Familie erkundigt, wird sie selbst verhaftet und zunächst in das holländische KZ Westerbork gebracht. Bruchstückhaften Nachrichten zufolge soll sie am 15. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert worden und dort am 30. September 1942 umgekommen sein. Offiziell nachgewiesen ist das nicht. Wir wissen also nicht, wo Liesel Mendel aus Kempen gestorben ist.

Nachdem der Stadtrat einen ersten Antrag auf Verlegung von Stolpersteinen abgelehnt hatte, haben jetzt Kempener Schulen, die evangelische Kirchengemeinde und eine Initiative die Verlegung der Gedächtniszeichen in der Stadt Kempen erneut beantragt. Die RP erinnert an einige der NS-Opfer, deren Andenken sie dienen würden.

(hk-)
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