Kempen, Zentrum der Reformation

SERIE 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (14) : Der Kampf um den rechten Glauben

Kempen war ein Zentrum der Reformation am Niederrhein. Früher als im benachbarten Krefeld entstand hier eine Evangelische Gemeinde, der schließlich ein Großteil der führenden Schicht angehörte. Aber Zwang und Verfolgung durch einen fanatischen Landesherrn bereiteten ihr ein Ende. Erst im 19. Jahrhundert fand sie eine Nachfolgerin. Vorurteile und Ablehnung sollten noch lange andauern.

Oktober 1543, in der Kempener Pfarrkirche. Vorsichtig tappt eine Gruppe von Männern den Mittelgang zwischen den Bänken entlang, schaut sich um – hat sie auch niemand bemerkt? Nun stehen sie vor dem Hauptaltar. Über die Stufen des Podests gehen sie auf das Sakramentshäuschen zu, das an der rechten Seite vom Altarraum steht. Da zieht einer aus seinem Mantel ein großes Papier hervor. Mit einer Kordel hängt er das Blatt an den Griff, mit dem der Priester die Tür zum Allerheiligsten verschließt. Behutsam schleichen die Eindringlinge nach draußen.

Der Text, der vor 476 Jahren am Tabernakel der Kempener Kirche aufgehängt wurde, damit er allen Gottesdienstbesuchern ins Auge fiel, wird heute im Staatsarchiv Münster aufbewahrt. Er ist ein Schmähgedicht auf die damalige katholische Kirche. „Hier steht verborgen in dit Schlott/Der Papisten Abgott“, lautet der erste Satz. In die Sprache unserer Zeit übersetzt: „Hinter diesem Schloss/verbirgt sich der Abgott der Papstanhänger.“ Eine Kampfschrift aus jener Zeit, als in Kempen erbitterte Kämpfe zwischen Katholiken und Evangelischen tobten. Denn die Kempener Bevölkerung war damals an theologischen Fragen leidenschaftlich interessiert, und oft flogen die Fetzen. Der rechte Weg zur Ewigen Seligkeit – das war das große Thema, das die Menschen in der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit bewegte. Sie suchten Orientierung in einer schwierigen Zeit, die Furcht erregende Neuerungen brachte – ähnlich wie heute.

Kempent ist damals eine fromme katholische Stadt mit intensivem religiösen Leben. Hunderte pilgern alljährlich aus der Nachbarschaft hierhin, um in der Kempener Kirche vor dem Gnadenbild der Madonna mit der Weintraube um Erlösung von Krankheiten und anderen Nöten zu flehen. Seit die Kirche 1473 als Reliquie ein angebliches Haar der Muttergottes erhalten hat, zieht die Statue noch mehr Gläubige an: Bis 1642 ist Kempen der wichtigste Wallfahrtsort am Niederrhein.

Richtig in Fahrt kommt die Auseinandersetzung mit dem Wirken Martin Luthers. Auf den sechs Wochenmärkten, über die Kempen damals verfügt, werden die Flugblätter angeboten. Vor allem wohlhabende Bürger, die lesen können, nehmen die Aufrufe zum rechten Glauben mit nach Hause. Kempen ist ein aufstrebendes Gemeinwesen. Man hat auch einen Blick für die Missstände im Inneren, vor allem in der Seelsorge. Der Kempener Pfarrer wirkt nicht vor Ort, sondern lebt auswärts recht angenehm von den umfangreichen Einkünften aus seiner Pfarrstelle. Ein Stellvertreter, ein Geistlicher zweiter Ordnung, nimmt – unterstützt von nur einem Kaplan – seine Arbeit in Kempen wahr. Die Mängel in der Betreuung der Gläubigen machen sich in der Ausübung des Glaubens bemerkbar: Nicht einmal das Vaterunser und die Zehn Gebote könne die katholische Jugend auswendig, klagt 1543 ein Vikar.

Andere Kritikpunkte kommen hinzu. Seit langem streiten sich der Kölner Erzbischof und der Abt des Klosters Gladbach um die mit Einkünften reich ausgestattete Kempener Pfarrstelle. Die Gläubigen spüren, dass es den hohen geistlichen Herren nicht um die Seelsorge der Menschen geht, sondern um ihr Geld. Bald beginnt es – ausgelöst durch Luthers Kritik an der katholischen Kirche – auch in Kempen zu brodeln. Um 1525 (in Krefeld zum Beispiel erst 1542) sind hier die ersten Anhänger der neuen Lehre anzunehmen. 1543 hat die kleine evangelische Gemeinschaft schon an die 250 Mitglieder – ein Zehntel der damaligen Bevölkerung.

Die Anhänger der neuen Lehre haben Glück: Kempens Landesherr, der Kölner Erzbischof Hermann von Wied, wendet sich 1542 dem evangelischen Lager zu. Um die Reformation vor Ort zu fördern, setzt er einen treuen Gefolgsmann als seinen Repräsentanten in die Burg, den Freiherrn Wilhelm von Rennenberg. Der schützt als erzbischöflicher Amtmann die Anhänger des Evangeliums gegen das katholisch gesonnene Establishment der Stadt.

1543 kommt es zwischen den beiden Konfessionen zu heftigen Auseinandersetzungen. In religiösem Eifer dringen evangelisch Gesonnene in die Kirche ein und zerstören Bilder und Reliquien. Die Statue der Muttergottes, fordern sie, solle verbrannt werden. Der Religionsstreit hat die Bevölkerung tief gespalten.

Aber die neue Konfession setzt sich durch. 1545 erhält Kempen seinen ersten evangelischen Pfarrer. Dr. Albert Hardenberg ist ein begnadeter Prediger, zu dessen Gottesdiensten in der heutigen Propsteikirche die Menschen zu Tausenden aus der Nachbarschaft herbeiströmen. Aber als er Mönchen, die von auswärts nach Kempen gekommen sind, die Abnahme der Beichte verbietet, wird Hardenberg von wütenden Kempenerinen zu Boden geschlagen.

Die Katholiken müssen zur Feier ihrer Sakramente in die Heilig-Geist-Kapelle und in die Kapelle des Frauenklosters an der Klosterstraße ausweichen. Das aber wird dem Kaiser Karl V. zu bunt. Seit 1543 regiert er das Kempen benachbarte Herzogtum Geldern. Argwöhnisch beobachtet er, ob die Funken der ketzerischen Lehre nicht in sein Herrschaftsgebiet überspringen könnten. Um das zu vermeiden, veranlasst der Kaiser den Rücktritt des Amtmanns Rennenberg und den Wegzug des Pfarrers Hardenberg.

Trotzdem gewinnt die evangelische Lehre in den folgenden Jahrzehnten in Kempen an Boden – vor allem unter den aufgeschlossenen Kaufleuten und den tüchtigen Handwerkern, die bald evangelische Bürgermeister stellen. 1574 besteht eine reformierte Gemeinde. Aber 1608 setzt die Gegenreformation ein: In regelmäßigen Abständen erscheinen Geistliche im Ort, die mit besonderen Vollmachten ausgestattet sind, um die „Ketzer“ ausfindig zu machen und zu bestrafen. Der prominenteste ist Johannes Wilmius, Vikar und Rektor des Hospitals zum Heiligen Geist. In Kempen hat man, weil er die erste Ortsgeschichte verfasst hat und die Kreuzkapelle im Süden der Stadt bauen ließ, eine Straße nach ihm genannt.

1612 wird der energische Ferdinand von Bayern zum Kölner Erzbischof gewählt. Der asketische Landesherr verbietet den Evangelischen jede Zusammenkunft und schließt sie von öffentlichen Ämtern aus. Die Ansiedlung eines Franziskanerklosters (heute: Kulturforum) im Jahre 1630 unterstützt die Gegenreformation. Die Franziskaner halten flammende Predigten, in denen die Protestanten zur Rückkehr in die katholische Kirche aufgefordert werden. Tun sie das nicht, werden ihnen alle Qualen des Höllenfeuers ausgemalt. Wer dann noch standhaft bleibt, wird gezielt ins Verhör genommen. Ist er immer noch nicht bereit, seinem Glauben abzuschwören, muss er die Stadt verlassen. In Kempen führt der Verlust der fleißigen Handwerker und tüchtigen Kaufleute zu einem wirtschaftlichen Niedergang. Einst geistiges und wirtschaftliches Zentrum zwischen Rhein und Niers, wird der Ort bis lange ins 19. Jahrhundert hinein ein Ackerstädtchen bleiben und von seiner toleranteren Nachbarstadt Krefeld weit überflügelt werden. Dort wirken vertriebene Kempener am Aufbau der Textilindustrie mit.

Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelingt in Kempen die Neugründung der evangelischen Gemeinde. Eingeleitet wird sie 1845 durch eine vom Viersener Superintendenten einberufene Versammlung von 19 Kempenern; sie beschließen die regelmäßige Abhaltung eines Gottesdienstes noch in Privathäusern. Das ist der erste Schritt auf einem mühsamen Weg, gekennzeichnet durch die Belastungen der Diaspora – so nennt man damals die isolierte Lage einer Gemeinde inmitten andersgläubiger Umgebung. Erst die Spenden verschiedener evangelischer Hilfsorganisationen ermöglichen 1846 den Bau des ersten Kirchleins Ecke Burg- und Engerstraße. Eine Säule dieser jungen zweiten Gemeinde sind Beamte, die aus dem rechtsrheinischen Gebiet und dem evangelischen Alt-Preußen zur Kempener Kreisverwaltung versetzt worden sind. Ihre Zahl verstärkt sich durch den Zuzug von Bahnbediensteten nach der Eröffnung von drei Eisenbahnlinien 1863, 1868 und 1872.

Der entscheidende Durchbruch erfolgt, als am 3. Oktober 1901 in Kempen die Eisenmöbel produzierende Firma L. &. C. Arnold ihren Betrieb startet. Von den etwa 85 Arnold-Arbeitern kommen rund 35 aus Württemberg. Sie sind durchweg evangelisch. Auch ihr Firmenchef Carl Arnold ist praktizierender evangelischer Christ. Mit den Familienangehörigen stellt der Zuzug für die evangelische Gemeinde Kempen eine Vergrößerung um mehr als 80 Mitglieder dar. Die katholische Bevölkerungsmehrheit sieht die Fremden mit der anderen Konfession nicht so gerne. Als 1903 der Besitzer der Gaststätte Königsburg den evangelischen Schwaben eine Weihnachtsfeier in seinem Saal ermöglicht, kündigen die Kempener Vereine ihm postwendend die Kundschaft.

Der Zuzug der Württemberger überfordert endgültig die räumlichen Möglichkeiten der ersten Kirche. 1909 ist die Seelenzahl der Kempener Gemeinde von 200 in 1880 auf 750 Personen gestiegen. Wobei zu berücksichtigen ist, dass ihr auch die Evangelischen in Aldekerk, Nieukerk, Grefrath, Oedt, St. Tönis und Hüls angehören. In Kempen selbst sind 1876 von den 5383 Einwohnern nur 2,8 Prozent evangelisch, mit den Württembergern sind es 1905 3,5 Prozent. Ein neues Gotteshaus ist überfällig. Die Gemeinde hatte bereits angefangen, einen Fonds zum Kauf eines Kirchengrundstücks zu bilden. Hilfe leistet dabei der Gustav-Adolf-Verein – eine 1832 in Leipzig gegründete Organisation zur Unterstützung bedürftiger protestantischer Gemeinden. Zuletzt fließen jährlich 2100 Mark in eine fromme Bausparkasse. Firmenchef Carl Arnold ist zum Presbyter gewählt worden und fügt großzügige Spenden hinzu.

Am 3. März 1903 ersteigert im Auftrag von Pfarrer Ernst Roeber der Diakon der evangelischen Gemeinde, Heinrich Hoffmann die „Hüskes Scheune“ an der Ecke Wachtendonker/Aldekerker Straße. Zum Schein tut der Diakon das in eigener Sache, denn im stockkatholischen Kempen ist Widerstand gegen den Bau einer neuen evangelischen Kirche abzusehen. Würde Hoffmann sich als Beauftragter der evangelischen Kirchengemeinde outen, bekäme er den Zuschlag nicht. Auf dem Grundstück an der heutigen Kerkener Straße entsteht nun im Stil der Neorenaissance eine dreischiffige Backsteinkirche mit hellfarbigen Werksteindetails. Bauunternehmer Heinrich Schmitz, Großvater des heutigen Firmenchefs Ralf Schmitz, beauftragt größtenteils Kempener Firmen mit der Ausführung der Arbeiten.

Bereits am 25. April 1909 wird der Grundstein zum neuen Gotteshaus gelegt. Ein gutes Jahr danach, am 17. Juli 1910, schreitet die Gemeinde zur Einweihungsfeier. Viele katholische Kempener, vor allem in der Nachbarschaft, haben zu Ehren der neuen Kirche ihre Häuser beflaggt. Ein hoffnungsvolles Zeichen, das zwischen den Konfessionen Versöhnung signalisiert. Aber noch bis in die 1950er-Jahre werden alte Kempener Familien jeden Umgang mit Evangelischen meiden.

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