Stadt Kempen: Kein vordergründiges Illustrieren

Stadt Kempen: Kein vordergründiges Illustrieren

Im Oktober wurde Thomas Blomenkamps Auftragskomposition "Da pacem" ("Verleih uns Frieden") in der Paterskirche uraufgeführt. Wie drückt man in der Musik Frieden aus, ist eine Frage, die nicht eindeutig zu beantworten ist.

Krieg und Frieden ist ein beliebtes Thema in der Literatur, nicht nur in Tolstois berühmten Roman. Befasst sich auch die Musik mit Krieg und Frieden? Thomas Blomenkamp, 1955 in Düsseldorf geboren, ist Komponist. Am 14. Oktober führte Ute Gremmel-Geuchen, Kempener Organistin und Echo-Preisträgerin, in der Paterskirche seine Komposition "Da Pacem" (Gib Frieden) auf. Das Werk fand überregional Beachtung; der WDR nahm das Konzert auf und übertrug es am 30. Oktober.

Ein moderner Komponist will grundsätzlich anders komponieren als seine Vorgänger. Aber das ändert in aller Regel nichts daran, dass er eine tiefe Liebe zur Musik vergangener Zeiten empfindet. Über Musik zum Thema Frieden sagt Blomenkamp: "Eindrucksvolle Beispiele sind das Agnus Dei in Haydns 'Missa in tempore belli', Frank Martins 'In Terra Pax' und Brittens 'War Requiem'." Das sind Kompositionen aus dem Bereich der Kirchenmusik. Spielt das Thema Frieden auch in der traditionellen weltlichen Musik eine Rolle? Blomenkamp: "Es liegt wohl in der der Natur des Themas, dass der Wunsch nach Frieden vor allem in sakralen Werken präsent ist." Allerdings: "Manche Orchesterwerke Mahlers, Bergs oder Weberns sind Vorahnungen der kommenden Weltkriegs-Katastrophen." Eindeutig kommt der Wunsch nach Frieden zweifellos zum Ausdruck im "Schlusschor 'Alle Menschen werden Brüder" in Beethovens Neunter Symphonie oder in Schönbergs Chorwerk 'Friede auf Erden' von 1951.

Welche Stilmittel setzt Blomenkamp ein? "Es gibt", so der Komponist, "stille und bewegte Abschnitte. Vordergründiges Illustrieren nach dem Motto 'Dissonanzen bedeuten Krieg, liebliche Melodien stehen für den Frieden' liegt mir nicht. Die bewusste Spannung von Tradition und Neuem ist deutlich: "Mein "Da pacem" war eine Auftragskomposition mit der Maßgabe, das Lutherlied mit dem ihm zugrunde liegenden gregorianischen Choral einzubinden. So habe ich mich vor allem am musikalischen Material orientiert und versucht, es in verschiedene Stadien, Aggregatszustände zu überführen. Das Lied ist ständig präsent, auch dann, wenn man es nicht zu hören glaubt. Es wird in Bruchstücke zerlegt, unter Klängen "verschüttet". Das Prinzip, Töne wie Bausteine zu zerlegen und neu zusammenzusetzen ist alt, die Art und Weise, wie es geschieht, ist neu.

Dazu Gremmel-Geuchen: "Der Lutherchoral "Verleih uns Frieden" ist kompositorisch meisterlich verarbeitet. Der Grundton "e" des Chorals bildet das Fundament des Werkes, er ist allgegenwärtig. Die Choralmelodie ist ebenfalls permanent präsent, allerdings immer wieder anders; mal zitiert in verschiedenen Stimmlagen, mal zusammengefasst in Akkorden, dann wieder verteilt über verschiedene Stimmen und wiedergegeben in diversen rhythmischen Varianten."

"Da pacem" ist nicht die erste Komposition Blomenkamps. "Mein "Hymnos eirenikos" aus dem Jahr 1984 mit Texten des Alten und des neuen Testaments, von Seneca, Erasmus von Rotterdam, Marie Luise Kaschnitz und Matthias Buth, zuletzt 2016 vom Staatsorchester Braunschweig aufgeführt, wäre auch ein Beispiel. Es ist ein Plädoyer für den Frieden, das mit sehr reduzierten Mitteln auskommt."

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Musik muss nach Blomenkamps Auffassung keineswegs eindeutig sein. Sowohl dem Hörer wie dem Spieler gesteht er Freiheit der Interpretation zu. "Was der einzelne Hörer", so der Komponist, "empfindet oder assoziiert, kann ich nicht wissen und will es schon gar nicht 'steuern'. Vielleicht wirkt das Stück bedrückend. "Aber das ist mir lieber als ein sentimentaler Eindruck wie bei 'ein bisschen Frieden'".

Die Interpretin Ute Gremmel-Geuchen zeigt sich beeindruckt von der starken emotionalen Seite des Werkes: "Die Bitte um Frieden ist durch die permanente Präsenz des Chorals allgegenwärtig. Mal erklingt sie verhalten, mal drängend und fordernd und am Ende bleibt unser aller Gefühl der unbedingten Sehnsucht nach Frieden."

In der Registrierung, berichtet Gremmel-Geuchen, hat ihr der Komponist völlig freie Wahl gelassen: "Die Klarheit des Klanges der historischen König-Orgel, für die das Werk primär geschrieben wurde, wird hier natürlich sehr gut ausgenutzt. Wobei das Werk auch auf modernen Instrumenten sehr wohl zu spielen ist, was ich zukünftig noch häufiger beweisen möchte."

Dazu hat sie Gelegenheit. Mehrere Aufführungen dieser Komposition hat die Kempener Organistin in ihrem Kalender stehen. Zwei fanden schon statt, eine beim Internationalen Düsseldorfer Orgelfestival und eine in der Krefelder Kirche St. Gertrudis. Weitere werden in Mönchengladbach, Hannover und, im Sommer 2018, in der Kathedrale Brüssel folgen.

(-tr)