In Kempen werden weitere Stolpersteine verlegt

Kempen : Kempen erhält weitere Stolpersteine

Am kommenden Montag, 27. Mai, werden in Kempen zum fünften Mal Stolpersteine verlegt – für elf durch die Nazis verfolgte jüdische Bürger. Die Zeremonie beginnt um 13 Uhr an der Ellenstraße 36 mit dem Gedenken an Isidor, Julie und Erna Rath. An der Ellenstraße 5 werden anschließend Steine für Simon, Henriette, Salomon und Elsa Winter platziert. Abschluss wird an der Ecke Arnold-Janssen-Straße/Heilig-Geist-Straße die Ehrung der ermordeten Schwestern Emma, Magdalene, Johanna und Karoline Ajakobi sein.

Im Rahmen der feierlichen Zeremonie werden Schülerinnen und Schüler der Hauptschule und der Gesamtschule, des Rhein-Maas-Berufskollegs, des Thomaeums und des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums am Montagmittag die Biographien der Opfer des Naziterrors vorlesen. Die musikalische Begleitung übernimmt die Cellistin Julia Polziehn.

Was haben die Menschen, derer jetzt gedacht wird, unter den Nationalsozialisten durchlebt? Der Viehhändler Isidor Rath, wohnhaft im ersten Stock des heutigen „Treppchen“ an der Ellenstraße, wurde durch die im September 1935 erlassenen Nürnberger Rassegesetze ein Mensch zweiter Klasse und fand keine Kunden mehr. Er verstarb 1936 in Kempen, seine Ehefrau Julie zwei Jahre später. Ihre Tochter Erna, in Kempen als Amateursängerin beliebt, trat 1938 zum katholischen Glauben über, um zu überleben. Sie schloss eine Scheinehe mit einem um 14 Jahre älteren Holländer und emigrierte in die Niederlande. Dort wollte der Mann entgegen der Vereinbarung seine ehelichen Rechte gegenüber der attraktiven Frau durchsetzen. Es kommt zur Trennung. Erna Rath fristet schließlich ihren Lebensunterhalt dadurch, dass sie für fremde Leute näht und taucht unter der deutschen Besatzung unter. Das Haus der vier Schwestern Ajakobi, Josefstraße 7, wird im November zum „Judenhaus“ 1941 erklärt, das heißt, es gehört zu den Gebäuden, in denen Juden zum Wohnen zusammengezogen werden, damit man sie dann leichter deportieren kann. Im Krieg wird es zerstört. Die Schwestern werden im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort weiter in das KZ Treblinka, wo sie umkommen.

Im ersten Stock des Hauses, in dem sich heute die Gaststätte „Treppchen“ befindet, wohnte seinerzeit der Viehhändler Isidor Rath mit Frau und Tochter. Foto: Heiner Deckers

Als Beispiel für die Verfolgung Kempener Juden soll im Folgenden das Schicksal des Vieh- und Textilwarenhändlers Simon Winter dargestellt werden, der am 6. Oktober 1844 in Kempen geboren wurde. Sein langes Leben spiegelt mehrere Kapitel deutscher Geschichte. Als junger Mann setzte Simon Winter in zwei Kriegen sein Leben als Soldat für Deutschland ein: Er kämpfte 1866 für das Königreich Preußen, zu dem Kempen damals gehörte, gegen Österreich und nahm 1870/71 am Krieg gegen Frankreich teil.

1898 richtete Simon Winter im Haus Ellenstraße 5 ein Geschäft für Wäsche und Kurzwaren ein, das heißt, er verkaufte den Kempenern Tischdecken, Bettwäsche, Nähgarn und Wolle. Seinen Handel mit Rindvieh betrieb er weiter. Hier sehen wir noch das Tor, durch das er Kühe und Ochsen, die er von den Bauern gekauft hatte, in seinen Stall trieb. Dort wurden die Tiere gut ernährt, damit sie Gewicht ansetzten, und weiter an Metzger verkauft.

Vor dem Haus Ellenstraße 5 in der Kempener Altstadt werden am Montag Stolpersteine für die Familie Winter verlegt. Foto: Heiner Deckers

Als er 86 Jahre alt war, setzte Simon Winter sich 1930 zur Ruhe. Sein Textilwarengeschäft übergab er an seine Tochter Henriette Winter, die man in Kempen Jettchen nannte. Am 30. Januar 1933 kamen die Nazis an die Macht. Am Samstag, 1. April 1933, führten sie in ganz Deutschland eine Hetzaktion gegen die jüdischen Geschäfte durch. Sie fand auch in Kempen statt. Auf die Schaufensterscheiben der jüdischen Einzelhandelsgeschäfte wurden Plakate geklebt mit Parolen wie: „Deutsche, wehrt euch – kauft nicht bei Juden!“ Auch das Schaufenster des Textilwarengeschäfts von Simon und Jettchen Winter, Ellenstraße 5, Engerstraße 38, wurde mit solchen Hetzparolen versehen. Am 15. September 1935 verkündeten die Nazis die Nürnberger Rassegesetze. Diese Gesetze legten fest, dass die Juden außerhalb des deutschen Volkes stehen sollten. Als Folge dieser Gesetze traute sich kein Kempener Bürger mehr in Simon Winters Geschäft, und er musste es aufgeben.

Dann – kommt es zur Pogromnacht. Am 9. und 10. November 1938 brennen in ganz Deutschland die Synagogen; die Nazis verwüsten die Wohnungen und Geschäfte der Juden. In Kempen finden diese Aktionen am Vormittag des 10. November 1938 statt. Morgens um zehn Uhr plündern SA-Männer die Synagoge an der Umstraße. Sie zerschlagen das Mobiliar und zünden das Gebäude an. Dann nehmen sie sich die jüdischen Geschäfte und Wohnungen vor. Sie zerschlagen die Einrichtung, werfen die Trümmer der Möbel und die zerschlagenen Waren auf die Straße.

Am 27. Januar 2012 wurde Mirjam Honig (vorne), für deren Familie jetzt Stolpersteine verlegt werden, im Rathaus empfangen. Dort trug sie sich im Beisein von Elisabeth Friese, Josephine Korsten, Bürgermeister Volker Rübo, Klaus-Peter Hufer und Hans Kaiser ins Goldene Buch der Stadt ein. Bei der Verlegung am kommenden Montag möchte Mirjam Honig dabei sein. Foto: Friedhelm Reimann

Kempen, 10. November 1938, Ellenstraße 5. Ein Trupp SA-Männer stürmt in den Kurzwarenladen der jüdischen Familie Winter, zerschlägt die Regale, wirft Stoffe und Wäsche auf die Straße. Dann wenden sie sich der darüber liegenden Wohnung zu. Hier tritt ihnen der 93-jährige Simon Winter entgegen. Die Kempener SA-Männer schlagen dem alten Mann ins Gesicht, er stürzt zu Boden. Seine fünfjährige Enkelin Elsa sieht mit an, wie die Wohnungseinrichtung zerschlagen wird.

Als die Nazis die Wohnung verlassen haben, stürzt die Familie Winter, der alte Simon, seine Kinder  Henriette und Salomon sowie seine Enkelin Elsa in Panik aus dem Haus. Das sehen an der anderen Seite der Ellenstraße die Besitzer des Hauses Nummer 37: Es gehört dem damaligen Leiter der Kempener DRK-Sanitätskolonne, Wilhelm Heinen, und seiner Frau Margaretha. Die Eheleute öffnen den verstörten jüdischen Nachbarn die Tür und bringen sie für mehrere Tage in den Mansardenzimmern im dritten Stockwerk des 1996 abgebrochenen Gebäudes unter. Die Heinens versorgen die Versteckten mit Essen, und andere Mitglieder des Roten Kreuzes, zum Beispiel die Näherin Elisabeth Wolters, wohnhaft an der Peterstraße, helfen dabei.

Es ist wahr: Die fünfjährige Propaganda der Nazis gegen die Juden hat auch in Kempen gewirkt. Trotzdem fühlen viele Bürger sich von den Ausschreitungen gegen die Juden, mit denen sie doch viele Jahre in guter Nachbarschaft gelebt haben, abgestoßen. Das Bewusstsein der meisten Menschen in Deutschland ist damals zwiespältig. Einerseits bewundern sie die Leistungen des nationalsozialistischen Staates, vor allem die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Sie wissen nicht, dass Hitler hinter der glänzenden Fassade schon lange einen Krieg vorbereitet. Andererseits lehnen die meisten Menschen offene Gewalt gegen wehrlose Menschen ab. Bei vielen Kempenern hat Simon Winter, der als tapferer Soldat und solider Geschäftsmann bekannt ist, immer noch einen guten Ruf. Der ranghöchste Nationalsozialist in der Stadt ist damals der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Franz Hauzeur. Im schützenden Dunkel einer Novembernacht transportiert er den alten Simon Winter auf dem Gepäckträger seines Fahrrads in das Kempener Krankenhaus, das von katholischen Ordensfrauen geleitet wird. Die Ursulinen stellen dem alten Mann ein Bett zur Verfügung und versorgen seine Wunden im Gesicht.

Als bekannt wird, was Hauzeur für den jüdischen Nachbarn getan hat, wird er als Ortsgruppenleiter abgesetzt. Trotzdem gewährt Anfang März 1939 der Kempener Bürgermeister Gustav Mertens in aller Stille dem alten Simon Winter ein zinsloses Darlehen, damit er die hohen Abgaben entrichten kann, die einem Juden für die Emigration ins Ausland vorgeschrieben sind.

Denn Simon Winter hält es in Kempen nicht mehr aus. Er möchte zu seinem Sohn Dr. Karl Winter, der Deutschland mit seiner Familie bereits 1936 verlassen hat und in die Niederlande gegangen ist. Im April 1940 trifft Simon Winter bei seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und seinen Enkelkindern in Eindhoven ein. Als der Vater dann altersschwach wird, bringt Karl Winter ihn in einem. Jüdischen Altenheim in Amsterdam unter.

Dort ist der 97-jährige Simon Winter am 12. Januar 1941 gestorben. Sein Sohn war bei ihm, als er starb. Die Niederlande waren zwar schon seit dem Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt. Aber um bei dem Vater sein zu können, hatte Karl Winter sich von der deutschen Kommandantur in Amsterdam eine besondere Genehmigung beschafft. Auf dem jüdischen Friedhof in Amsterdam ist Simon Winter auch begraben. An der Stolperstein-Verlegung für ihn und seine Familie möchte auch seine Enkelin Mirjam verheiratete Honig teilnehmen. Sie ist heute 96 Jahre alt und lebt in einem Altenheim in Eindhoven.

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