1. NRW
  2. Städte
  3. Kempen

Heilig-Geist-Kapelle in Kempen wird geöffnet

Heilig-Geist-Kapelle in Kempen wird geöffnet : Seit 600 Jahren Raum für Begegnungen

600 Jahre ist sie alt, die Heilig-Geist-Kapelle am Buttermarkt. Und sie ist, was nur wenige wissen, die ältere Schwester des Kempener Krankenhauses, des Hospitals zum Heiligen Geist. Seit acht Jahren stand sie leer. Jetzt öffnet sie wieder ihre Tür für Menschen, die Einkehr suchen. Ein Rückblick auf ihre bewegte Geschichte.

Zwischen 1410 und 1420 wurde das Kirchlein erbaut; eingeweiht wurde es am 24. Juli 1421. Aber es war nur der kleine Teil eines größeren Projekts. Es diente einer Stiftung, die wiederum dem Wohl armer und kranker Bürger dienen sollte. Wie es dazu kam? Gehen wir 630 Jahre zurück.

Es ist der 1. Juni im Jahre des Herrn 1390, kurz nach Sonnenaufgang. In der Sakristei der Kempener Pfarrkirche erklärt der Kempener Johann von Broichhausen vor vier Bürgern, die als Zeugen fungieren, er wolle sein Haus am Kempener Markt in eine Unterkunft für arme Menschen umwandeln.

Die Heilig-Geist-Kapelle am Buttermarkt in der Kempener Altstadt war seit 2012 geschlossen. Foto: Wolfgang Kaiser

Broichhausen ist ein wohlhabender Dienstmann des Kempener Landesherrn, des Kölner Erzbischofs. Mit dem Eintreiben von Steuern auf Bierwürze hat Johann von Broichhausen gutes Geld gemacht. Am Kempener Markt gehört ihm das so genannte „Große Weinhaus“. Das stellt er jetzt als Unterkunft, als „Gasthaus“, für Arme und Kranke zur Verfügung. Wir würden heute Senioren-Zentrum dazu sagen. Lebensunterhalt und Pflege der Insassen werden durch eine großzügige Stiftung gewährleistet, aus der das spätere Hospital zum Heiligen Geist hervorgehen wird. Hier, im Gasthaus, finden auch die Wallfahrer Unterkunft, die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts vom ganzen Niederrhein nach Kempen kommen, um der Thronenden Madonna in der Pfarrkirche ihre Bitten um Erlösung von Krankheit und Not vorzutragen.

Johann von Broichhausen und seiner Familie ging es bei ihrem Projekt weniger um Menschenfreundlichkeit; vielmehr dachten sie, wie das damals üblich war, an ihr Seelenheil und das ihrer Nachkommen. Die Gebete derer, für die sie etwas getan hatten, sollten ihnen die Vergeltung ihrer Sünden im Fegefeuer abkürzen und Gnade vor dem Jüngsten Gericht erwirken. Dazu dienten Gottesdienste, in denen die Insassen des Armenhauses für die Seelen der verstorbenen Stifter beteten. Die Familie Broichhausen baute dafür eine eigene Kirche – eben die Heilig-Geist-Kapelle, am Markt neben dem Gasthaus. Ein Geistlicher, der die Bezeichnung Rektor trug, musste in dem Kirchlein mindestens an drei Wochentagen die heilige Messe lesen. Gleich neben der Kapelle wohnte er in einem Haus, das zwischen 1459 und 1504 errichtet worden war. Davon kündet heute noch ein steinernes Kreuz, das auf den Giebel aufgemauert ist.

Nach dem Einmarsch der französischen Revolutionsarmee 1794 fielen die mittelalterlichen Strukturen. An die Stelle des bisherigen Kuratoriums aus Stifterfamilie, Bürgermeistern und Pastor trat eine Verwaltungskommission, der auch ein Friedensrichter und Kaufleute angehörten. Das neue Gremium verlegte die Insassen des Hospitals, wie man das alte „Gasthaus“ mittlerweile nannte, 1801 vom Markt in den Annenhof an der Stadtmauer. Die Lage im Stadtzentrum sei seuchengefährdet, hieß es. Die Heilig-Geist-Kapelle am Markt wurde von der französischen Besatzung zeitweise als Stroh- und Heumagazin benutzt. Im Annenhof an der Ölstraße wurde dann 1845 das erste regelrechte Krankenhaus eingerichtet, nachdem die Stadt zur Krankenpflege drei Klemensschwestern aus ihrem Mutterhaus in Münster gewonnen hatte. Vom Annenhof wechselte das „Hospital zum Heiligen Geist“ 1878 in das Gebäude des ehemaligen Ursulinenklosters an der Mülhauser Straße, wo es im Laufe der folgenden Jahrzehnte durch mehrere Neubauten und Erweiterungen seine heutige Gestalt bekam.

An das alte Hospital erinnern heute noch die am Markt stehende Heilig-Geist-Kapelle aus dem 15. Jahrhundert und das daneben stehende Haus Weinforth, das durch sein steinernes Giebelkreuz als Sitz des Hospitalrektors ausgewiesen ist. Die Kapelle war bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts so verfallen, dass sie verkauft wurde. Von 1826 bis 1914 war sie ein Hotel, hieß „Kempener Hof“, dann „Hotel Keuter“. Von 1918 bis 1925 war sie das Offizierscasino der belgischen Besatzung. 1926 richtete sich hier der bekannte Kempener Künstler Fritz Wingen ein Atelier ein, dazu einen Raum für seine umfangreiche Bibliothek und seine Bildersammlung. Nachdem er 1930 nach Berlin gegangen war, etablierte sich in der einstigen Kapelle eine Schenke.

1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Sakrale Gebäude waren ihnen ein Ärgernis; die einzige Massenorganisation, die ihnen den Einfluss auf die Menschen hätten streitig machen können, waren die christlichen Kirchen. Mit dem Zynismus, der den Nazis eigen war, machten sie aus dem einstigen Gotteshaus am Markt eine NS-Dienststelle. 1934 etablierten sie hier die Kreisleitung der „Deutschen Arbeitsfront“ (abgekürzt: DAF) – einer Organisation, die sie an die Stelle der von ihnen aufgelösten Gewerkschaften gesetzt hatten. Aufgabe der DAF war, die deutschen Arbeitnehmer im Sinne der Nationalsozialisten mit Zuckerbrot und Peitsche „gleichzuschalten“. Aus dem frommen Kirchlein machten die braunen Machthaber einen Ort der Hetze. Hier, an der Außenseite des Chorraums, im Herzen der Stadt, wurde ab 1935 jede Woche in einem Schaukasten das neue Exemplar des „Stürmers“ ausgehängt. Der „Stürmer“, das war ein übles nationalsozialistisches Hetzblatt, herausgegeben von dem fanatischen Antisemiten Julius Streicher. In erfundenen Berichten ordinärer Machart zog es die „jüdische Rasse“ in den Schmutz. Seine verzerrten und abstoßenden Karikaturen stellten meist die angeblich unersättliche Geschlechtsgier der Juden auf blonde deutsche Mädchen dar.

Jeden Tag kamen hier mehrere hundert Passanten vorbei, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche auf dem Schulweg. Sie wurden zum Objekt einer Boykott- und Terrorwelle, die jetzt durch Kempen und durch ganz Deutschland rollte. Ein Vorläufer der Pogromnacht, in deren Verlauf am 10. November 1938 auch in Kempen die Synagoge gebrandschatzt und die Häuser und Läden der jüdischen Minderheit demoliert und geplündert wurden.

1945 war der Krieg vorbei, das „Dritte Reich“ zu Ende. Seit 1952 diente die Heilig-Geist-Kapelle dem Friseur Schumacher als Salon, dann, seit 1959, der Stadt Kempen als Bücherei. Nach einer Renovierung im Jahre 1961 wurde in ihr ein Versammlungs- und Ausstellungsraum der Volkshochschule untergebracht.

Nachdem 1987 die katholische Propsteipfarre die Kapelle von der Stadt erworben hatte, nahm das mittelalterliche Gotteshaus wieder Ordensleute auf, beispielsweise Schwestern Unserer Lieben Frau. 2005 wurde sie für die Choros-Buchhandlung für geistliches Schrifttum umgebaut. Seitdem die 2012 auszog, war das kleine Gotteshaus geschlossen.