Serie Stolpersteine Für St. Hubert (5): Hass und Hetze brachten den Tod

Serie Stolpersteine Für St. Hubert (5): Hass und Hetze brachten den Tod

Siegfried Mendel und Ernst Anschel konnten vor der antisemitischen Hetze, die auch in St. Hubert betrieben wurde, ins Ausland entkommen. Aber dort holte die Mordmaschinerie der Nazis sie ein.

Kempen Siegfried Mendel, geboren am 17. Januar 1907, übernahm 1927 nach dem Tode seines Vaters Alex Mendel dessen Viehhandelsgeschäft in St. Hubert. Aber er wollte seinem älteren Bruder Max, der 1919 im Ort einen eigenen Viehhandel eröffnet hatte, keine Konkurrenz machen. Deshalb zog er im August 1931 nach Aldekerk, um dort als Einkäufer von Vieh für die Fleischwaren- und Konservenfabrik Josef Kleinbongartz zu arbeiten.

1935 läuft auch am Niederrhein eine umfassende Hetzkampagne gegen die Juden an. Überall werden nun an zentraler Stelle Holzkästen angebracht, in denen der berüchtigte "Stürmer" hängt. Ein übles Hetzblatt, herausgegeben von dem fanatischen Antisemiten Julius Streicher, das in erfundenen Berichten die jüdische Rasse in den Schmutz zieht. Seine abstoßenden Karikaturen stellen meist die angeblich unersättliche Geschlechtsgier der Juden auf blonde deutsche Mädchen dar. In St. Hubert wird der "Stürmerkasten" am 3. September 1935 mit einer feierlichen Zeremonie auf den Weg gebracht. Im NSDAP-Parteilokal hat sich die nationalsozialistische Ortsprominenz versammelt. Die NS-Amtsträger wollen feierlich begehen, wie Josef Greven als Ortswalter der Deutschen Arbeitsfront die Vitrine an den Propagandaleiter Vietoris übergibt, damit der sie am Horst-Wessel-Platz, dem heutigen Markt, anbringen lässt. Grevens Verhalten ist zwiespältig, wie bei vielen Nationalsozialisten damals. Das zeigt sein Verhalten während der drei Jahre später stattfindenden Pogromnacht. Als die antisemitische Propaganda, bei der er doch mitgewirkt hat, reale Wirkung zeigt; als am Nachmittag des 10. November 1938 der Kempener Polizist Ludwig Oberdiek mit einigen SA-Leuten aus der Kreisstadt das Haus der Eheleute Max und Maria Mendel, Königsstraße 12, heimsuchen wollen, wird Greven dazwischen gehen - was die Kempener freilich von ihrem Zerstörungswerk nicht abhalten kann.

Fest steht, dass Aktionen wie die Pogromnacht durch die antisemitische Propaganda, wie sie 1935 massiv einsetzt, erst möglich wurden. Haben die kleinen Nationalsozialisten in St. Hubert und anderswo sich das damals vorstellen können? Das nationalsozialistische Tageblatt, die "Rheinische Landeszeitung", schließt seinen Bericht über die Stürmerkasten-Aktion jedenfalls mit geradezu religiöser Inbrunst: "Der Stützpunkt St. Hubert hat sich nun eingereiht in den Kampf um die Seele des Volkes, in den Kampf gegen Alljuda, eingedenk des Führers Wort: 'Die Juden sind unser Unglück.' " Nachzulesen ist dies in der Zeitungssammlung des Kreisarchivs.

In dieser hasserfüllten Atmosphäre kann kein Unternehmer mehr einen jüdischen Mitarbeiter beschäftigen. Siegfried Mendel wird bei Kleinbongartz entlassen. Im August 1935 zieht er von Aldekerk zurück nach St. Hubert und wohnt nun in seinem Elternhaus an der heutigen Hauptstraße bei seiner Schwester Wilhelmine. Am 27. Januar 1936 meldet er in St. Hubert wieder ein Viehhandelsgeschäft an. Aber im Herbst 1937 muss er es aufgeben, weil niemand ihm sein Vieh abkauft. Am 1. Oktober 1938 untersagt der Kempener Landrat Jakob Odenthal generell den jüdischen Viehhandel im Landkreis Kempen-Krefeld. Vier Tage später verlässt der 32 Jahre alte Siegfried Mendel St. Hubert. Damit er die Abgaben entrichten kann, die für die Emigration vorgeschrieben sind, leiht seine Schwester Wilhelmine sich bei Menschen, die den Juden noch helfen wollen, 3000 Reichsmark.

  • Kempen : Vom Bahnhof aus in den Tod

Zunächst geht Siegfried Mendel zu Bekannten nach Eelen bei Maaseyk in Belgien. Als er dort Fuß gefasst hat, schickt seine Schwester Wilhelmine ihm das Nötigste nach. Ende Mai 1940 dringt die deutsche Wehrmacht in Frankreich ein. Siegfried Mendel flieht weiter nach Südfrankreich, wo Hitler den Franzosen ein Gebiet unter selbstständiger Verwaltung zugestanden hat. Aber dort wird er 1942 verhaftet. Er gehört zu den etwa 1000 Juden, die am 7. September 1942 von einem Bahnhof nordöstlich von Paris auf den Weg nach Auschwitz gebracht werden. Hier wird er zu einem ungeklärten Zeitpunkt ermordet.

Mit Siegfried Mendel befreundet war der junge Viehhändler und Metzger Ernst Anschel, der aus der Eifel stammte. Seit dem 1. November 1932 arbeitet er als Metzgergeselle bei Josef Kleinbongartz in Aldekerk. Anschel ist für die Firma als selbstständiger Einkäufer tätig und erwirbt in ihrem Auftrag von den Bauern Vieh. Im August 1933 wird er unter dem Druck der Nationalsozialisten gekündigt und geht in die Eifel zurück, wo er weiter Viehhandel betreibt. Als ihm auch diese Arbeit verboten wird, zieht er am 22. Mai 1937 nach St. Hubert, zu seinem acht Jahre älteren Freund Siegfried Mendel, den er bei Kleinbongartz kennen gelernt hat. Nun wohnt er bei Siegfried und dessen älterer Schwester Wilhelmine Mendel, Hindenburgstraße (heute: Hauptstraße) 39, und übt den Beruf aus, den auch sein Vater betrieben hat: Er schlägt sich mit Pferdehandel durch.

Im Zuge der Pogromnacht wird Ernst Anschel am 10. November 1938 verhaftet und von der Polizei ins Anrather Zuchthaus gebracht. Am 16. November wird er von hier nach Krefeld und weiter zum Duisburger Hauptbahnhof deportiert, von wo ein Zug ihn und andere Juden nach Dachau bringt. Erst nachdem er seine Auswanderungspapiere, die man ihm aus Kempen zugeschickt hat, vorgelegt hat, wird er am 12. Januar 1939 aus der so genannten Schutzhaft im KZ Dachau entlassen. Bereits am 1. Februar 1939 emigriert er ins belgische Lüttich.

Als sich die Besetzung Belgiens durch die Wehrmacht abzeichnet, flieht Ernst Anschel nach Frankreich. Hier wird er, nachdem die Deutschen auch dieses Land besetzt haben, am 11. März 1941 in das Lager Les Milles (bei Aix en Provence) eingewiesen. Von dort wird er am 23. März 1942 in das Sammellager Drancy im nordöstlichen Teil von Paris deportiert und von dort am 13. August 1942 in das KZ Auschwitz. Dort wird er am 8. Januar 1943 ermordet.

(hk-)