Gruppenlesung aus dem Roman „Lincoln im Bardo” von George Saunders im Kulturforum Franziskanerkloster in Kempen

Lesung im Kulturforum Franziskanerkloster : Abraham Lincoln am Sarg seines Sohnes

Es war eine ganz besondere Lesung, die jetzt im Kulturforum Franziskanerkloster stattfand. Rund 30 Besucher waren gekommen, um eine Gruppenlesung aus dem Roman „Lincoln im Bardo” von George Saunders zu hören.

Organisiert wurde sie vom Förderverein der Stadtbibliothek und der Kreisvolkshochschule. Erstmals beteiligte sich auch das kulturgeschichtliche Museumsnetzwerk Niederrhein an einer solchen Lesung. Rita Mielke vom Netzwerk verwies auf bereits häufigere gute Zusammenarbeit mit dem Kramermuseum, mit einer gemeinsamen Lesung betrat man Neuland.

Zur Lesung war auch der Übersetzer des Buches, Frank Heibert, gekommen. Gemeinsam mit der Vorsitzenden des Fördervereins, Brigitte Nienhaus, Kulturamtsleiterin Elisabeth Friese, Walter Weitz, ehemaliger Lehrer am Thomaeum, sowie dem Abiturienten Willi Laschet, ebenfalls vom Thomaeum, las er Szenen aus dem Buch vor. Selbst Heike Dreselow von der VHS beteiligte sich am Vorlesevergnügen. Anschließend berichtete Heibert noch von seiner Arbeit als Übersetzer und beantwortete die Fragen eines interessierten Publikums.

Saunders, der für seinen Erstlingsroman den renommierten „Man Booker Price“ in den USA erhielt, entwickelt eine reizvolle Geschichte. Inmitten des amerikanischen Bürgerkrieges verliert der Präsident Abraham Lincoln seinen elfjährigen Sohn Willie. Während seine Eltern feiern, stirbt das Kind an einem Blitzfieber, entgegen der beruhigenden Diagnose des Arztes. In den Nächten nach der feierlichen Bestattungszeremonie verbringt Lincoln, das ist historisch verbürgt, mehrere Nächte allein in der Gruft, am Sarg seines Sohnes. Saunders versucht, diese Stunden nachzuvollziehen. Aber Lincoln ist eben nicht allein, sondern rund um ihn herum geistern tote Gestalten, die keine Ruhe finden.

Es entspinnt sich ein schier verrücktes Panorama der Menschen dieser Zeit. Von jung bis alt, farbig bis weiß, arm bis reich sind alle Gruppen dabei. Der Begriff „Bardo” entstammt dem asiatischem Glauben, es könnte aber genauso die Unterwelt sein. Saunders zeichnet mit 160 Figuren einen Querschnitt durch eine tief gespaltene Welt. Verblüfft entdeckt der Zuhörer, dass dies nicht nur auf das 19. Jahrhundert zutrifft, sondern bis heute gilt. Damit man weiß, wer aktuell spricht, halten die Leser Schilder in die Höhe mit dem Namen desjenigen, der gerade agiert.

Heibert hat für das Buch viel recherchiert. Er musste mühselig herausfinden, welche Zitate Original waren und welche schlicht und ergreifend von Saunders erfunden und seinen Gestalten in den Mund gelegt wurden. Kaum zu glauben, dass er nur drei Monate für die Übersetzung brauchte. Er mutmaßte bei der Lesung, dass dies nur ging, weil ihn der Text nach den ersten Seiten erfasst hatte.

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