Stadt Kempen: "Großvermarkter diktieren den Preis"

Stadt Kempen : "Großvermarkter diktieren den Preis"

Kartoffelanbauer im Viersener Ostkreis sind beunruhigt. Das bundesweite Kartoffel-Kartell bringt eine ganze Branche in Verruf. Viele hiesige Landwirte sind Direktvermarkter. Sie zeigen Verständnis für verunsicherte Verbraucher.

Betroffen bis schockiert. Dies sind die ersten Stellungnahmen von Kartoffelbauern und Landwirten über mögliche illegale Preisabsprachen der großen Kartoffel-Verarbeiter, Verpacker oder Zuchtbetriebe. Was bei einer RP-Umfrage am Montag mehrfach zu hören war: die extreme Konzentration, die es in den vergangenen Jahren auf dem Kartoffelmarkt gegeben hat. Kartoffelbauer Hans-Leo Sieben (Vorst) bringt es auf den Punkt: "Waren es vor etwa 20 Jahren Tausende von Betrieben, die Kartoffeln abgepackt haben, kontrollieren heute zehn große Fachbetriebe etwa 80 Prozent des deutschen Kartoffelmarktes."

Genau so sieht das der Willicher Ortslandwirt Theo Heyes, der auf seinem Hoferhof rund 50 Hektar met dem Knollen-Gewächs bepflanzt: "Ähnlich wie bei den Mineralölunternehmen diktieren wenige Großvermarkter den Preis." Schon längst hat Heyes das Gefühl, dass Pflanzkartoffeln überteuert verkauft würden. Das Niveau bewege sich hier zwischen 50 und 70 Euro für den Doppelzentner. Und auf die Endpreise bei den Speisekartoffeln habe der einzelne Kartoffelbauer sehr wenig Einfluss.

"Ich war leicht schockiert über die ersten Meldungen, will aber keinen vorverurteilen, sondern die weitere Entwicklung jetzt erst einmal abwarten", sagt der 60-jährige Hans-Leo Sieben, ein Direkt-Vermarkter, der seine Kartoffeln größtenteils regional in Rewe- und Real-Märkten oder an Hofläden absetzt — "weil diese auch ein faires Miteinander pflegen und weil hier der Endkunde genau weiß, wo seine Kartoffeln gewachsen sind", betont Sieben. Der Vorster Landwirt nennt mögliche Ursachen: Ähnlich wie auf dem Kartoffelmarkt würden die fünf größten Discounter etwa 90 Prozent des Lebensmittelmarktes beherrschen. Von dort gebe es auch bei Kartoffeln in jüngster Zeit einen enormen Preisdruck. "Es ist zumindest vorstellbar, dass diesem Preisdruck die Kartoffel-Vermarkter durch eventuelle Absprachen entgegen gewirkt haben", meint Sieben. Und er betont weiter, dass sich einzelne Landwirte kaum absprechen könnten.

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Ähnlich sieht dies der Willicher Landwirt Peter Friesen: "Sie bekommen noch nicht einmal drei Bauern unter einen Hut", sagt er. Von daher glaubt Friesen nicht an Absprachen unter den Landwirten. Er sieht die Gefahr, dass bei dem Kartell-Verdacht bei Endverbrauchern die Sorge aufkommen könnte, zu viel für Kartoffeln zu bezahlen. Die sei aber überhaupt nicht so. Auch Friesen ist Direkt-Vermarkter, liefert seine Kartoffeln unter anderem an benachbarte Großmärkte.

"Ich habe noch keine abschließende Meinung", sagt der Kempener Ortslandwirt Peter Coenen. Geht es um Pflanz- oder um Speisekartoffeln? Natürlich ist Coenen nicht begeistert, sollten sich die Preisabsprachen bestätigen. "Aber ich möchte nicht spekulieren", sagt Coenen, der in Kempen, Tönisberg und St. Hubert rund 80 Landwirte vertritt. Der Ortslandwirt selbst pflanzt größtenteils Industriekartoffeln für die niederländische Fritten-Industrie an.

Kreis-Landwirt Paul-Christian Küskens ist zwar kein Kartoffelerzeuger, könnte sich aber Preisabsprachen zumindest bei den Pflanzkartoffeln durchaus vorstellen: "Denn es gibt für uns nur drei große Abnehmer", erklärt er. Auch einige andere von der RP befragte Landwirte sprechen davon, in der Vergangenheit zu viel für die Pflanzkartoffeln bezahlt zu haben.

FRAGE DES TAGES

Hier geht es zur Infostrecke: EU-Kommission: Die zehn höchsten Kartellstrafen

(RP/ac)
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