Fall Mirco : Die Eltern haben dem Mörder vergeben

Mirco Schlitter wurde vor acht Jahren ermordet. Seine Eltern Sandra und Reinhard waren jetzt zu Gast bei den „Donnerstagsfrauen“. Sie lasen aus ihrem Buch „Mirco: Verlieren, Verzweifeln, Vergeben“

„Als Familie geht es uns echt gut“, sagt Sandra Schlitter. Gut, sonnengebräunt und entspannt sehen die beiden aus: Sandra (42) und Reinhard (50) Schlitter. Das Ehepaar aus Grefrath hat Unvorstellbares durchgemacht und ist damit auf außergewöhnliche Weise umgegangen. Vor acht Jahren, im September 2010, wurde ihr damals zehnjähriger Sohn Mirco missbraucht und ermordet. Eine der größten Suchaktionen und aufwendigsten Mordermittlungen der deutschen Kriminalgeschichte lenkten den internationalen Fokus auf das beschauliche Örtchen Grefrath und auf eine bis dahin ganz normale Familie.

Hier, an ihrem Wohnort, lasen die beiden nun auf Einladung der „Donnerstagsfrauen“ im M.u.m.-Café an der Vinkrather Straße aus ihrem Buch „Mirco: Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen.“ Es war die erste Lesung in Grefrath, im Durchschnitt seien es seit Erscheinen des Buches im Jahr 2012 rund 30 bis 40 Lesungen pro Jahr gewesen, erzählt Sandra Schlitter. Entsprechend haben die beiden eine gewisse Routine entwickelt. In geübter Abstimmung lesen sie abwechselnd Passagen aus dem Buch und fügen dem noch ihre freien Erläuterungen hinzu. „Das ist kein leichtes Thema“, sagt Sandra Schlitter zu dem kleinen Kreis an Zuhörerinnen, „aber Ihr werdet nicht bedröppelt nach Hause gehen“, fügt sie gleich hinzu.

Der Tag des Verschwindens von Mirco sei der Tag gewesen, an dem „Grefrath seine Unschuld verloren habe“, heißt es im Buch. Und es sei der Tag gewesen, an dem „eine absolute Unsicherheit“ über sie und über die ganze Gemeinde hereingebrochen sei. „Ich wusste, irgendetwas Schlimmes ist passiert,“ so das Gefühl der Mutter. Reinhard Schlitter erzählt von dem Missverständnis am Abend des Verschwindens von Mirco, das dazu führte, dass sein Fehlen erst am nächsten Morgen entdeckt wurde. Und davon, wie sich das Ehepaar in dieser akuten Phase einander zuwandte: „Sandra und ich haben uns keine Vorwürfe gemacht, uns in die Arme genommen Wir sind den Weg der gemeinsamen Verantwortung gegangen, standen von Anfang an Seite an Seite in dieser Katastrophe.“

Die drei weiteren Kinder der Familie, damals 13, zwölf und acht Jahre alt, kommen zu Wort. Und ihr Wunsch, möglichst schnell wieder zum ganz normalen Leben zurückkehren zu dürfen. Trotz der großen Öffentlichkeit und manchmal aufdringlicher Aktionen der Medien. Sandra Schlitter berichtet von der „unglaublichen“ Anteilnahme in der Bevölkerung. Eine der wichtigsten Kraftquellen wird neben dem Zusammenhalt in der Familie für das hochreligiöse Paar der Rückkhalt in der Religion, im Gebet. „Wenn uns Menschen geschrieben haben, dass sie für uns beten, das geht ins Herz hinein, da steckt Kraft dahinter“, sagt etwa Reinhard Schlitter, der selbst aus einer Pastorenfamilie stammt.

Am 26. Januar 2011, nach 145 Tagen quälender Ungewissheit konnte die Polizei aufgrund akribischer Detailarbeit den 45-jährigen Familienvater Olaf H. aus Schwalmtal als Tatverdächtigen festnehmen. Das Ehepaar schildert, wie es im Juli 2011 den Prozess vor dem Landgericht Krefeld erlebte. „Ich schaute bei meiner ersten Aussage nicht zu Olaf H. hin“, sagte Sandra Schlitter: „Ich hasse diesen Mann nicht, Hass gehört nicht zu unserem Leben“. Im September wurde das Urteil gesprochen: Lebenslang mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das sei schon ein Meilenstein auf dem Weg der Trauerarbeit gewesen, so Sandra Schlitter.

Dem Mörder ihres Kindes haben beide ausdrücklich vergeben, „er ist nicht das Böse, aber er hat das Böse zugelassen“, findet Reinhard Schlitter. „Der Weg der Vergebung ist der einzig richtige Weg für uns“, sagt Sandra Schlitter. Was beide jedoch ausdrücklich nicht verstehen ist, dass Olaf H. die Gelegenheit vor Gericht nicht genutzt habe, „um reinen Tisch zu machen.“ „Nichts kann uns Mirco zurückbringen“, sagt seine Mutter, die versucht, die Erinnerung an ihr Kind in kleinen Begebenheiten wach zu halten. „Wir haben nur den Moment, wir können nur die Gegenwart feiern“, so ihre Überzeugung.

Sandra und Reinhard Schlitter leben von ihrem ungebrochenen Vertrauen auf Gott, von der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, auf eine dortige Wiederbegegnung mit ihrem Kind. Sandra Schlitter hat zwischenzeitlich ein Fernstudium zur Erziehungsberaterin absolviert. Die Familie nimmt nun Kinder in Notsituationen auf. Reinhard Schlitter arbeitet weiterhin als Betriebsschlosser, wie schon seit 28 Jahren. Die Familie hat den Weg in die Normalität zurückgefunden, das sei „ein Geschenk“, findet Reinhard Schlitter.

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