Grefrath: Besuch im Niederrheinischen Freilichtmuseum Dorenburg

Grefrath : Freilichtmuseum ist auch im Winter geöffnet

Ein besonderes Kleinod ist mit dem Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath beheimatet. Es lädt die Besucher zu einer Zeitreise ein - und präsentiert anschaulich, wie unsere Vorfahren am Niederrhein lebten.

Es ist immer wieder ein erhebender Anblick. Kaum hat man das moderne Eingangsgebäude des Niederrheinischen Freilichtmuseums in Grefrath betreten, fällt der Blick durch die gläsernen Türen auf die Dorenburg. Strahlend weiß erhebt sich das historische Gebäude, umrahmt von einem breiten Wassergraben und vielen mächtigen Bäumen. Der Mittelpunkt des Freilichtmuseums hinterlässt schon aus von hier aus einen bleibenden Eindruck. Die Dorenburg vermittelt Geschichte und lässt erahnen, was die Besucher erwartet.

Wenn man das Foyer des Eingangsgebäudes verlässt und über die Holzbrücke tritt, fängt die Zeitreise an. Wobei in der Dorenburg selbst das herrschaftliche Leben präsentiert wird. Eine Küche, in der die Kupferkessel blitzen, mächtige Kamine, wuchtige Holzmöbel und selbst der Blick in die Schlafräume fehlt nicht. Sieben Holzstufen geht es zur Obkammer hinauf, wo das große Himmelbett steht. Wie anstrengend früher das Waschen der Wäsche war, zeigt die Waschstube. Waschzuber und -brett, Handmangel und Bügeleisen, die mit heißen Kohlen gefüllt werden mussten, lassen das harte Leben der Hausangestellten erahnen.

Wie anstrengend früher das Waschen der Wäsche war, kann man beim Blick in die Waschstube nur erahnen. Foto: Norbert Prümen (nop)

Man braucht auch nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie im 17. Jahrhundert eine Bauernfamilie lebte. In der Hofanlage Rasseln mit Wohnhaus, Scheune und Backhaus steht man mittendrin. Im Kamin liegt noch die Asche vom vergangenen Feuer, am eisernen Haken hängt der Topf und in der Schlafkammer steht das Bett mit den dicken Kissen. Über die Stalltür blickt der Kaltblüter und die Hühner laufen gackernd über den Hof.

Tiere gehören im Freilichtmuseum ebenfalls mit zum Bild. „Nora, Ester und Fiona sind unsere drei Kaltblüter. Dazu kommen Esel, Hühner, Tauben, Pfaue, Bienenvölker und Enten“, sagt Museumsleiterin Anke Petrat und zählt das lebendige Inventar auf. Ob das alte Spritzenhaus samt Feuerspritze, die Gerberei, das Sägewerk oder die Kornbrennerei, in allen Gebäuden erklären Infotafel jeden Arbeitsschritt an den Gerätschaften. Besucher können sich auf diesem Weg genau vorstellen, wie früher gearbeitet wurde.

In der alten Schmiede, die zuletzt neu gestaltet worden ist, gibt es auch Vorführungen des alten Handwerks. Foto: Norbert Prümen

Überall scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wobei das Backhaus der Hofanlage Rasseln einmal in der Woche in Betrieb geht. Jeden Mittwoch wird angeheizt, und das Dorenburg-Brot wird im Backofen gebacken. Besucher können nicht nur das Backen erleben, sondern das frisch gebackene Brot direkt erwerben.

In der reetgedeckten Scheune der Hofanlage Hagen aus dem 18. Jahrhundert taucht der Besucher in die weitere Welt des Handwerks ein. Er kann sehen, wie der Küfer einst Fässer herstellte, der Stellmacher an hölzernen Wagenrädern arbeitete und wie unter geschickten Händen Holzschuhe entstanden. In der Seilerei sind die Seile noch gespannt. Es scheint, als hätten die Handwerker gerade eben einmal kurz ihre Werkstatt verlassen und würden gleich wieder auftauchen, um Hammer, Zange oder Beitel wieder in die Hand zu nehmen.

Im Haus wird das Töpferhandwerk präsentiert. Pfeifen aus Ton liegen auf einem Arbeitstisch und man kann sich vorstellen, wie der uralte Ofen bollerte und den Arbeitsplatz erwärmte. Welche Schönheiten aus dem zerbrechlichen Material hergestellt wurden, ist in Vitrinen zu sehen, und wer die steile Stiege hinaufsteigt, kann die Sammlung von Dachpfannen samt Ornamenten bewundern. Was es mit der Flachsdarre auf sich hatte, wie es in der Schmiede zuging, oder dass es einst eine Posthalterei gab, in der die Pferde vor den Kutschen gewechselt wurden, damit die Reise schnell fortgesetzt werden konnte – das Niederrheinische Freilichtmuseum hat eine Vielzahl von Gebäudeschätzen samt Inventar. Auch auf dem Außengelände wird bäuerliches Leben am Niederrhein dargestellt. Da gibt es einen Bauerngarten, ein mit Werkzeug von früher bestellte Ackerfläche, einen Färbergarten, in dem Pflanzen wachsen, mit denen schon vor Hunderten von Jahren Textilien gefärbt wurden, der vom Niersverband gestaltete Wasserlauf, die Wegedenkmäler, die entlang der Wege durch das Museum stehen – der Besucher erlebt beim Spaziergang Geschichte pur.

Ein weiteres Highlight ist das Spielzeugmuseum, untergebracht in einer alten Scheune. Auf mehreren Etagen lernt der Besucher die bunte und vielschichtige Welt des Spiels kennen – aufgeteilt nach Bereichen, bei denen man unter anderem Rollen-, Glücks-, Wettkampf- und Gesellschaftsspiele kennenlernen und teilweise selbst spielen kann. „Hier geht es nicht darum, chronologisch zu zeigen, wie sich das Spielzeug entwickelt hat. Wir stellen vielmehr vor, wie man spielt und warum“, erläutert Museumsleiterin Anke Petrat.

Der „Tante-Emma-Laden“ in einer alten Scheune wird vom Verein „Kindertraum“ aus Nettetal betrieben. Hier begrüßen Erika Krüger (links) und Simone die Besucher mit einer Tasse Kaffee. Foto: Norbert Prümen

Eins darf beim Museumsbesuch nicht fehlen und das ist der Abstecher in den „Tante- Emma-Laden“. Inmitten der urigen Ladeneinrichtung von anno dazumal kann sich der Besucher seine Süßigkeitentüte aus bauchigen Bonbongläsern zusammenstellen. Lakritzpfeifen, Brausedrops, Lutscher, Esspapier, Speckmäuse, Knuspertaler oder Salmiakpastillen und vieles mehr locken. Natürlich gibt es auch Stärkung in Form von Kaffee und Kuchen. „Die Nussecken und der Kellerkuchen fehlen hier nie. Sie gehören zu den Klassikern“, sagt Petrat. Im Glas eingekochte Wurst, Honig, Rübenkraut und weitere Produkte vom Niederrhein runden das Sortiment ab. Übrigens: Das Laden wird vom Verein „Kindertraum“ aus Nettetal betrieben. Hier arbeiten Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen.

Das Niederrheinische Freilichtmuseum bietet aber noch viel mehr: Es gibt wechselnde Ausstellungen und ein vielschichtiges Jahresprogramm. Die Palette reicht von Brotbacken mit einem Grefrather Bäckermeister über Kräuterseminare mit der hauseigenen Kräuterhexe bis hin zu Konzerten sowie Theateraufführungen. Und wer denkt, dass ein Freilichtmuseum im Winter langweilig ist, der staunt bei einem Besuch in der kalten Jahreszeit. „Im Winter können die Besucher einmal erleben, wie sich das Leben früher bei Kälte und Nässe gestaltete. Kalte Füße sind im Museum pädagogisch wertvoll“, stellt Petrat mit einem Augenzwinkern fest. Der Winter erklärt auf seine Weise, warum Tiere einst direkt neben den Wohngebäuden gehalten wurden und warum die Wärmflasche oder der heiß gemachte Stein ins Bett gehörte. Und im Winter schmeckt der heiße Kaffee oder Kakao im warmen „Tante-Emma-Laden“ noch mal so gut.

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