Kempen Eine Reise in die Vergangenheit

Kempen · Ein nicht aufgeklärtes Familienschicksal konnte Gilbert Scheuss nach Jahrzehnten lösen. Der Kempener entdeckte bei seinen Recherchen, dass sein Onkel im KZ Stutthof ums Leben gekommen war. Eine Reise führte ihn jetzt nach Polen.

 Spannend und bewegt erzählt Gilbert Scheuss über die Ergebnisse seiner Ahnenforschung.

Spannend und bewegt erzählt Gilbert Scheuss über die Ergebnisse seiner Ahnenforschung.

Foto: Norbert Prümen

Das vergilbte schwarz-weiß Foto zeigt einen jungen Mann in der klassischen Marineuniform seiner Zeit. „Das war mein Onkel Gerhard, wie er im April 1939 in die deutsche Marine eingetreten ist“, sagt Gilbert Scheuss und blickt vom Foto auf die Fotokopie einer Karteikarte, die ebenfalls auf dem Esszimmertisch der Familie Scheuss in Kempen liegt und aus dem Konzentrationslager (KZ) Stutthof in Polen stammt. Der Stempel mit dem Aufdruck „verstorben“ fällt zuerst ins Auge. Der Todestag ist der 28. Januar 1944. Nur eine Woche nach seinem 23. Geburtstag starb Gerhard Scheuss, dessen Unterschrift in einer feinen, gestochen scharfen Schrift auf der Karteikarte zu lesen ist. Er musste sie einst unterschreiben, als er in das KZ Stutthof in Polen als Gefangener eingeliefert wurde und seine Daten und Besitztümer, darunter drei Haarbürsten und ein Spiegel festgehalten wurden.

Jahrzehntelang wusste niemand in der Familie Scheuss was mit Gerhard Scheuss passiert und wo er gestorben war. Erst in diesem Jahr gelang es dem Neffen, das Familienschicksal zu lösen. „Warum mein Onkel Gerhard einst freiwillig zur Marine gegangen ist, nachdem er eine Lehre zum Filmdrucker gemacht hatte, wusste niemand in der Familie“, berichtet Gilbert Scheuss. Fest steht: Der Onkel fuhr auf dem deutschen Schlachtschiff Gneisenau. Ab 1942 verliert sich die Spur. Es gab lediglich einen Brief aus einem Straflager der Deutschen Wehrmacht, in dem er seiner Familie mitteilte, es ginge ihm gut. Ein obligatorisches Schreiben als eine Art Beruhigungspille für seine Familie.

„Mein Vater berichtete immer, dass im Januar 1944 zwei Gestapo-Männer daheim auftauchten und erklärten Gerhard Scheuss sei an einem Magenkatarrh gestorben und die Urne könnte gegen Gebühr überführt werden, was die Großeltern ablehnten. Zu dem Zeitpunkt war mein Vater als jüngstes von insgesamt sechs Geschwistern selber gerade mal 16 Jahre alt“, erzählt Gilbert Scheuss. Seinen Vater ließ das Schicksal seines Bruders nicht los. Es war wie ein Trauma für ihn. Er versucht später selbst zu recherchieren, lief aber gegen eine Mauer des Schweigens. Der Bruder galt als verschollen, wie viele andere Menschen auch, die nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt waren. Er sprach immer davon, dass sein Bruder in eine Meuterei innerhalb der Marine verwickelt gewesen sein musste und im Straflager Hela gelandet war. „Mein Vater hat bis zu seinem Tod 1993 vermutet, dass sein Bruder umgebracht worden ist“, erzählt Gilbert Scheuss.

Ihm selbst fielen die damaligen alten Unterlagen, die sein Vater zusammengetragen hatte, vor einigen Jahren in die Hände. Plötzlich waren die Erinnerungen an die Erzählungen seines Vaters wieder da. Der Kempener vertiefte sich in die Akten und stellte fest, dass sein Vater schon in den 1960er-Jahren nach Hela in Polen geschrieben hatte, wo das letzte Lebenszeichen seines Bruders herstammte. Gilbert Scheuss begann erneut mit der Recherche, wobei die Öffnung des so genannten Eisernen Vorhanges und das Internet die Sache erleichterten.

 Eine historische Aufnahme aus dem Familienalbum zeigt Gerhard Scheuss als Marinesoldaten.

Eine historische Aufnahme aus dem Familienalbum zeigt Gerhard Scheuss als Marinesoldaten.

Foto: Norbert Prümen

Stück für Stück trug der Kempener seine Informationen in mühsamer Kleinarbeit zusammen. Er recherchierte, dass sein Onkel ohne ein Gerichtsverfahren in das berüchtigte Marinestrafbataillon Hela eingewiesen worden war. Wobei überhaupt nicht klar war, welches Vergehen ihm vorgeworfen wurde. Hela war eine der härtesten Bewährungs- und Strafeinrichtungen. Wer als Häftling dorthin kam, war dem Tod geweiht. Im Juli 1943 kam Gerhard Scheuss in das KZ Stutthof, rund 35 Kilometer von Danzig entfernt. Seine Kennzeichnung auf der Karteikarte: 24284 war seine neue Identität. Zudem findet sich der Vermerk „Schutzhäftling“. Damit war er ein deutscher politischer Gefangener.

„Als wir die kopierte Karteikarte aus dem KZ erhielten war es wie ein Schock zu wissen, dass er dort umgekommen ist. Aber es war auch ein Stück Erleichterung zu spüren, dass die jahrzehntelange Ungewissheit ein Ende hat“, sagt Gilbert Scheuss. Aus der Akte geht hervor, dass sich sein Onkel im Krankenrevier befunden hat, aus dem er am 11. November 1943 entlassen wurde, um danach in den Block 8 verlegt zu werden. Dort fand er den Tod. Ob es nun an einer der Giftspritzen lag, die in Stutthof verabreicht wurden oder an der mangelnden Versorgung – es wurde nicht geheizt, es gab kaum zu Essen, die medizinische Betreuung war so gut wie nicht gegeben – sowie fehlender Hygiene, bleibt unklar. Fest steht, Stutthof war, wie für Zehntausende weiterer Menschen, sein Todesurteil.

„Meine Frau und ich sind anlässlich des 73. Befreiungstages Anfang Mai dieses Jahres nach Stutthof gereist und haben an der Gedenkfeier teilgenommen“, berichtet Gilbert Scheuss. Es sei ein Abschiednehmen gewesen, als sie am ehemaligen Block 8 Blumen niedergelegt und eine Kerze angezündet hätten, fügt er an. Für den Kempener ist die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte aber noch nicht vorbei. Im Rahmen der Recherche lernte er Piotr Chruscielski, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der polnischen Gedenkstätte Stutthof, kennen, der im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Aufarbeitung der Geschehnisse arbeitet. Gilbert Scheuss will weiter recherchieren, denn es gibt noch viele offene Fragen wie zum Beispiel der genaue Standort des Marinestraflagers auf der Halbinsel Hela zu klären.