Stadt Kempen: Gedenken an zehn verfolgte jüdische Bürger

Stadt Kempen: Gedenken an zehn verfolgte jüdische Bürger

Ilse Bruch aus Kempen war erst neun Jahre alt, als sie in Auschwitz in die Gaskammer getrieben wurde. Ihre Mutter Selma Bruch ging mit ihr mit, damit ihr Kind im Sterben nicht allein war. Für die beiden und acht andere Opfer der Nazis werden am kommenden Montag, 18. Dezember, ab 14 Uhr in der Schulstraße Stolpersteine verlegt.

Es wird die dritte Verlegung sein, die die 2013 gegründete Initiative "Stolpersteine in Kempen" durchführt. Am 15. Dezember 2015 wurden die ersten acht Messingplatten, die dem Gedenken von NS-Opfern dienen, in das Pflaster der Engerstraße und der Von-Loë-Straße eingelassen. Elf weitere Stolpersteine folgten am 24. November 2016 an der Ecke Möhlenwall/Ellenstraße und auf der Peterstraße. Diese Gedenkveranstaltung war besonders bemerkenswert, weil ihr fünf Nachfahren der verfolgten jüdischen Familie Hirsch aus England, Israel und Neuseeland beiwohnten. Dieses Jahr werden zehn Steine ihren Platz auf der Schulstraße vor den Häusern 9 und 10 finden. Verlegt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der bisher mehr als 50.000 seiner steinernen Gedenktexte in Deutschland und in zahlreichen europäischen Ländern installiert hat.

Von Musikvorträgen und Schüler-Lesungen zum Schicksal der Verfolgten begleitet, werden allein vor dem Haus Schulstraße 10 acht Steine in das Pflaster eingearbeitet werden. Zum Gedächtnis an die Mitglieder der Familien Goldschmidt und Bruch, die hier einst wohnten und von denen nur eins mit dem Leben davonkam. Gestiftet hat die Gedenkplatten die Familie Scheuß, der das Gebäude seit 2000 gehört.

Oberhaupt der jüdischen Familie, die von hier aus in die Vernichtung ging, war der Viehhändler Abraham Goldschmidt, der von seinen Mitbürgern Albert genannt wurde. In Oedt geboren, lernte er in Kempen die Viehhändlerstochter Helene Lambertz kennen, heiratete sie und ließ sich zunächst in Oedt nieder. Von hier zog er 1899 mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn Leo nach Kempen, wo die Eheleute ein Haus an der Vorster Straße kauften - das heutige Café Amberg. Als den jüdischen Viehhändlern 1937 ihr Gewerbe verboten wurde, fiel Abraham Goldschmidts Einkommen weg. In finanzielle Schwierigkeiten geriet nun auch sein Schwiegersohn Rudolf Bruch, der bisher einen Viehhandel an der St. Töniser Straße betrieben hatte. Abraham Goldschmidt nahm ihn, seine mit ihm verheiratete Tochter Selma und beider Kinder bei sich auf: den fünfjährigen Herbert und die dreijährige Ilse.

Foto: Wolfgang Kaiser

Im Haus an der Vorster Straße erleben Großeltern, Eltern und Enkel am Vormittag des 10. November 1938, wie ihre Wohnungen unter der Anführung des Polizeimeisters Ludwig Oberdieck von Kempener SA- und SS-Männern demoliert werden. Aus dem ersten Stockwerk des heutigen Café Amberg fliegt Selma Bruchs zerschlagenes Klavier auf die Straße, kurz darauf folgen die zertrümmerten Möbel des Kinderzimmers. Rudolf Bruch aber wird wie alle männlichen Juden von der Kempener Polizei verhaftet und kommt erst Ende Januar 1939 aus dem KZ Dachau krank zurück.

Unter dem Eindruck der Ausschreitungen in der "Kristallnacht" öffnen die Niederlande ihre Grenzen für jüdische Kinder. 1939 gelingt es der Familie, Ilse und Herbert bei einer holländischen Pflegefamilie unterzubringen. Kurz darauf muss Abraham Goldschmidt sein Haus an der Vorster Straße unter Wert verkaufen. Die Familie zieht nun in das Haus Schulstraße 10, das Abrahams Frau Helene nach dem Tod ihrer Muter geerbt hat. Im Mai 1940 marschiert die Wehrmacht in die neutralen Niederlande ein. Stunden vor dem Eintreffen der deutschen Truppen gelingt es dem Flüchtlingskomitee von Bergen aan Zee, den siebenjährigen Herbert Bruch auf einem Kohlenfrachter nach England zu retten. 85 Jahre alt, lebt er heute in den USA. Mehrere Versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, blieben ohne Resonanz. Ilse Bruch aber muss die holländische Familie, die das Mädchen wie eine eigene Tochter ins Herz geschlossen hat, verlassen und nach Kempen zurückkehren - in das Haus Schulstraße 10. Hierhin wird im November 1941 auch Abrahams jüngere Schwester Rosa Goldschmidt aus Oedt gebracht.

Anfang Dezember 1941 erhalten Rosa Goldschmidt, Rudolf Bruch, seine Frau Selma und deren älterer Bruder Leo Goldschmidt den Bescheid, dass die Kempener Polizei sie am 10. Dezember zum Transport in das Getto der lettländischen Hauptstadt Riga abholen wird. Auch die siebenjährige Ilse soll mit. Von seinem Aufenthalt im KZ Dachau weiß Leo, was das bedeutet. Vier Tage vor dem Abtransport - am 6. Dezember 1941 - erhängt er sich.

Am 11. Dezember 1941 werden Rosa Goldschmidt, Rudolf und Selma Bruch und ihre siebenjährige Tochter Ilse im Schlachthof Düsseldorf-Derendorf in einen Zug geprügelt, der 1007 Juden nach Riga bringt. Hier im Getto verliert sich Rosa Goldschmidts Spur; die Umstände ihres Todes kennen wir nicht. Rudolf Bruch muss mit 500 anderen Juden auf einer Waldlichtung ein neues KZ bauen. Bei eisiger Kälte übernachten sie in Baracken ohne Dach. Jeder bekommt täglich 180 Gramm Brot und einen Teller voll Wasser, in dem Kohlblätter und Kartoffelschalen schwimmen. Die gefällten Baumstämme für Baracken und Zäune müssen die Männer über den zugefrorenen Düna-Fluss schleppen. Rudolf Bruchs Körper ist noch von der Haft in Dachau geschwächt. Ausgezehrt von Hunger und Strapazen, stirbt er im Februar 1942 an Typhus.

Seiner Frau Selma hat die SS eine Arbeit zugeteilt, die eine Art Lebensversicherung für sie darstellt: Als geschickte Näherin muss die Kempenerin die Kleider der Erschossenen von Blutspuren säubern und dann die Einschusslöcher kunststopfen, damit die Textilien in Deutschland im Rahmen des Winterhilfswerks an bedürftige "Volksgenossen" verteilt werden können. Aber als Selma Bruch eines Abends mit ihrer Arbeitskolonne in das Getto zurückgebracht wird, sieht sie, wie ihre Tochter mit anderen Kindern in einer Reihe hinter einem Lkw steht, der sie zum Transport nach Auschwitz bringen soll. Ängstlich hält die Neunjährige Ausschau nach der Mutter. Da stellt sich Selma Bruch neben ihr Kind, damit Ilse beim Sterben in der Gaskammer nicht allein ist. Am 5. November 1943 werden die beiden in Auschwitz ermordet.

Am frühen Morgen des 24. Juli 1942 werden die Juden, die in Kempen noch verblieben sind, aus ihren Häusern abgeholt. Unter ihnen befinden sich die Eheleute Abraham Goldschmidt, 74 Jahre alt, und seine ein Jahr jüngere Frau Helene. Es ist die zweite Deportation aus Kempen, und sie geht nach Theresienstadt, einem KZ für ältere Juden. Hier leben die Menschen in qualvoller Enge - durchschnittlich stehen jedem 1,6 Quadratmeter als "Wohnraum" zur Verfügung - und die Essens-Rationen sind erbärmlich: "Wer es nicht mit angesehen hat, wie die alten Leute sich am Schlusse der Essensausgabe auf die leeren Fässer stürzten, mit den Löffeln sie auskratzten, selbst die Tische, auf denen ausgeteilt wird, nach Resten mit Messern untersuchten, der vermag sich kein Bild davon zu machen, wie schnell Menschenwürde verloren geht", hat ein Überlebender berichtet. Hier verstirbt am 19. Dezember 1942 Helene Goldschmidt, ihr Mann Abraham am 26. Januar 1943.

In Kempen wird das Vermögen der deportierten Juden auf Anordnung des Finanzamts in der Mädchenoberschule an der Thomasstraße versteigert, gegenüber der Burg. Dort in der Turnhalle im Hochparterre hat man das zurückgelassene Mobiliar zur Begutachtung aufgestellt. Auf Bollerwagen fahren die Kempener die ersteigerten Sachen nach Hause. Gewissensbisse werden damit weggewischt, dass die Versteigerung ja auf Anordnung der Behörden erfolgte.

Auch vor dem Haus Schulstraße 9 werden am Montag zwei Stolpersteine angebracht werden: für den Metzger Andreas Lambertz und seine Haushälterin Sophie Buchdahl. Über die beiden ist wenig bekannt. Zeitzeugen erinnern sich nur, wie sie als Kinder dem verängstigten alten Mann, der sich nach der Pogromnacht nicht mehr traute, sein Haus zu verlassen, heimlich Tabak besorgten. Sophie Buchdahl wurde am 10. Dezember nach Riga deportiert und ist wohl dort umgekommen. Andreas Lambertz wurde in das so genannte "Judenhaus" Josefstraße (heute: Heilig-Geist-Straße) 7 gebracht. Diese zusammengepferchten jüdischen Wohngemeinschaften in den "Judenhäusern" waren eine andere Form des Gettos und eine Vorbereitung auf die Deportation. Hier starb er am 7. März 1942.

(hk-)