Gastspiel von Jens Neutag bei Kempener Kabarettreihe

Kempen : Wenn ein Kabarettist auf einmal Bürgermeister ist

Jens Neutag liefert bei der Kempener Kulturreihe „Comedy & Kabarett“ in St. Huberter Forum ein verblüffendes Programm ab.

Jens Neutag reicht es. Und das macht er ziemlich heftig klar. „Mit Volldampf – zur rechten Zeit” setzt sich der Kabarettist in seinem neuen Programm für die Demokratie ein. Und er tut dies in einer derart brillant formulierten Form, dass sie das Publikum im St. Huberter Forum begeisterte.

Schon der Titel des Programms ist zweideutig – ein Spiel, das der Kabarettist im Laufe des Abends auf der Bühne genüsslich fortsetzt. Manchmal braucht es ein kur­zes Nachdenken, bis sich die Pointe erschließt. Genauso stellt man manchmal erst hinterher betroffen fest, dass man vorher noch schadenfroh gelacht hat. Neutag ist ein Freund der Worte, der Geschichten gerne entwickelt. Und das macht er sehr schlau. Wenn er dann bei manchen seiner Witze etwas oberflächlich wirkt, ist das schade, aber dies fällt wohl unter die Maxime, dass jeder im Publikum unterhalten werden will.

Für Neutag sind fröhliche Zeiten eigentlich vorbei. Für Sommerthemen war es viel zu heiß, ein Herbstthema gab es nicht, weil es keinen Herbst gab. Da konnte man sich über Chemnitz und Rechtspopulisten aufregen. Aber auch das seien irgendwie Geschichten von gestern. Da beschäftigt den Kabarettisten eher die Gleichgültigkeit des Menschen, der sich in seinen Entscheidungen darauf beschränkt, was es denn zum Frühstück und Abendessen gibt. Ist ja ganz schlimm, weil man das analog entscheiden muss. Da hilft kein Internet.

Also macht sich der Kabarettist auf, den „Wahnsinn, den die Welt zu bieten hat, neu zu kommentieren”. Eine anspruchsvolle Aufgabe, der er genussvoll nachkommt. Da sei es zum Beispiel geradezu passend, dass in Zeiten der Dieselkrise eine Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen Generalsekretärin der CDU wird. Karre und Diesel gleich weiter wie bisher, das liegt nahe, so der Kabarettist schmunzelnd.

Außerdem fragt er sich, warum man Angst vor gefälschten Nachrichten habe. Diese holten die Realität doch wunderbar ein. Wer braucht schon die Mär vom Horrorclown, wenn es einen Donald Trump gibt? Oder wenn man wie Neutag in Stadtkirchen wohnt, einem Städtchen wie aus dem Bilderbuch. Alle Familien in den Reihenmittelhäusern heißen Mustermann und haben 1,5 Kinder. Die haben alle Doppelnamen, damit man wenigstens beim hal­ben Kind auch einen einfachen Namen vergeben kann. Und dann lässt sich der Kabarettist aufgrund eines Gefallens für einen Freund in eine neu gegründete Wählerinitiative einreihen. Nichtsahnend wird er zum Bürgermeisterkandidaten gewählt. Der Wahlkampf besteht aus den üblichen Pflichtterminen. Aber einer ist richtig spannend, nämlich der bei einem alten Mann im Seniorenheim. Der erklärt ihm, was Demokratie ist und wie kostbar sie sein sollte. Und wie empfindlich dieses Gut ist, schließlich hat dieser Mann schlimme Erinnerungen an Rechtspopulismus und warnt den jungen Kandidaten eindringlich.

Es kommt wie es kommen muss: Neutag wird Bürgermeister. Er legt sich direkt mit Großinvestoren an. Umweltfreundliche Alternativen werden auch nicht geliebt, es gibt Gegenwind von allen Seiten, den nur die Rechten zu nutzen wissen. Also tritt Neutag zurück vom neuen Amt mit einer flammenden Rede voller Ermahnungen an Politiker und Wirtschaftsbosse, aber auch an die breite Bevölkerung – nicht nur in Stadtkirchen. Nach dieser glühenden Rede mag er keine Zugabe mehr anbieten, so Neutag.

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