Serie Vor 103 Jahren: Frauen führen das Kempener Lazarett

Serie Vor 103 Jahren : Frauen führen das Kempener Lazarett

Am 4. August 1914 hat der Erste Weltkrieg im Westen mit einem stürmischen Vormarsch der deutschen Armeen durch das neutrale Belgien begonnen. Von hier aus eröffnen die Angreifer am 20. August ihre Offensive gegen Frankreich. Aber bald sind die deutschen Frontlinien überdehnt. Nach einer erbitterten Abwehrschlacht gräbt sich die deutsche Infanterie ein, und es kommt zu einem Stellungskampf Bei der Abwehr des feindlichen Sturmangriffs verwenden die deutschen Soldaten Maschinengewehre und Handgranaten - damals neue, furchtbare Waffen. Noch furchtbarer sind die Granaten mit Giftgas, die erstmals im April 1915 verschossen werden. Dies ist der erste technische Krieg in der Geschichte.

Kempen Die ersten Soldaten, die das Kempener Lazarett beziehen, sind an der Marne verwundet worden. Hier hat das französische Oberkommando, nachdem der deutsche Vormarsch ins Stocken gekommen ist, am 9. September 1914 einen Gegenangriff gestartet, und es ist zu heftigen Kämpfen gekommen. Dann ist am 13. und 14. September weiter im Norden eine schwere Abwehrschlacht an der Aisne entbrannt. Im Gegensatz zu früheren Kriegen, in denen die Soldaten vor allem von Gewehrkugeln getroffen worden sind, reißen jetzt die Splitter zerberstender Artilleriegranaten die meisten Wunden.

Schon nach den ersten Schlachten dieses Krieges hat der Zustrom an Verwundeten alle Erwartungen übertroffen. Die vorhandenen Krankenhäuser und Lazarette reichen nicht aus, weitere Unterkünfte müssen her. Am 18. August 1914 beschließt der Kempener Stadtrat, ein Rot-Kreuz-Lazarett einzurichten. Aber wo? An der Ecke Thomasstraße/Burgstraße findet sich ein geräumiges Haus. 1878 ist es errichtet worden, um die Küche und den Speisesaal des im Franziskanerkloster untergebrachten Lehrerseminars aufzunehmen, auch Wirtschaftsräume und Musikzimmer fanden hier Platz. Aber im Oktober 1910 ist das Seminar aus dem alten Kloster in seinen Neubau am Möhlenwall umgezogen, in den Altbau des heutigen Thomaeums. Seither steht das Eckhaus an der Burgstraße leer. Hierhin kommt jetzt Kempens Lazarett. Nach dem Krieg werden hier das Kreis- Eichamt und das Kreis-Vermessungsamt, von der Bevölkerung "Katasteramt" genannt, einziehen; 1938 die Gefolgschaftsführung der Kempener Hitlerjugend. Als in den Fünfzigerjahren die Kreisverwaltung den Umbau des Klostergebäudes für ihre Büroräume in die Wege leitet, wird das Haus an der Ecke Thomasstraße/Burgstraße 1957/58 abgebrochen.

1914 liegt das alles noch in weiter Ferne. Jetzt, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, soll das Kempener Lazarett helfen, den Mangel an Pflegeeinrichtungen für Verwundete zu lindern. Anders als die Frontlazarette in der Nähe des Kampfgeschehens heißen solche Einrichtungen in der Etappe, die der Genesung blessierter Soldaten dienen, "Reserve-Lazarett". Das Kempener Lazarett untersteht keinem Stabsarzt, sondern einem Führungsteam aus Zivilisten, zu dem Kempener Ärzte gehören. Seine Leitung übertragen die Stadtverordneten dem 1906 gegründeten Vaterländischen Frauenverein. Deshalb wird das Lazarett künftig neben der Bezeichnung "Reserve-Lazarett" auch "Königliches Vereinslazarett" genannt.

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Warum die Einrichtung dem Vaterländischen Frauenverein unterstellt worden ist? Dieser Verein will, wie schon sein Name sagt, sich um das Vaterland verdient machen, will den nationalen Zusammenhalt fördern. Vorsitzende ist Martha Strahl, die Frau des von 1903 bis 1917 amtierenden Kempener Landrats Hermann Strahl. Alljährlich feiern die Vereinsdamen im Restaurant Jepkens am Markt mit großem Glanz den Geburtstag des regierenden Kaisers. Vor allem aber nehmen sie soziale Aufgaben wahr: Sie verteilen Lebensmittel und Kleidung an Arme und Kranke. Sie betreuen die Wöchnerinnen, das heißt, die Frauen, die sich zu Hause von der Geburt eines Kindes erholen. Sie organisieren ein kostenfreies Schulfrühstück für bedürftige Kinder. Als dann die politische Lage in Europa brenzlig wird, beteiligen sie sich im Frühjahr 1914 an einer im ganzen Reich durchgeführten Sammlung, um für den Kriegsfall Pflegepersonal und Pflegematerial zu finanzieren. Als der Krieg dann tatsächlich ausbricht, liegt es nahe, dem verdienstvollen Frauenverein das neu geschaffene Kempener Lazarett zu übertragen.

Auch in Lobberich hat der Stadtrat die Errichtung eines Lazaretts beschlossen und seine Leitung dem örtlichen Frauenverein übertragen. Als es Mitte September 1914 fertig ist, wird es organisatorisch dem etwas älteren Kempener Reserve-Lazarett unterstellt. Die Kempener Einrichtung heißt nun "Lazarett-Abteilung I", die Lobbericher "Lazarett-Abteilung II". Einrichtung, Betten, Verbandsmaterial, Wäsche und Geschirr werden von den örtlichen Krankenhäusern gestiftet oder von Bürgern gespendet. Die Einrichtung der beiden Lazarette vollzieht sich nach den Vorgaben der zuständigen Militärbehörde, des VIII. Armeekorps in Koblenz. Die lässt die Vereinslazarette regelmäßig durch Militärärzte inspizieren und zahlt auch den täglichen Pflegesatz von 3 Mark 50 für die Verwundeten einschließlich der Lebensmittel. Das Rote Kreuz stellt die Krankenschwestern. Meist sind es Kempener Frauen, die sich dazu haben freiwillig ausbilden lassen. Sie wechseln Verbände und leiten zu gymnastischen Übungen an. Nach Kempen kommen freilich nur Leichtblessierte, denn die örtlichen Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt; es gibt nur einen Chirurgen in der Stadt, und der arbeitet im Hospital zum Heiligen Geist. Kompliziertere Fälle kommen ins Krefelder Krankenhaus. Als die ersten 40 Verwundeten am 18. September 1914 aus ihrem Rot-Kreuz-Zug im Kempener Bahnhof ausgeladen und auf Pferdewagen ins Lazaretthaus an der Burgstraße gebracht worden sind, können sie einiges erzählen. Die meisten von ihnen sind länger dienende Unteroffiziere. Da ist die Rede von einem Nahkampf in der Nähe der Marne an einem Straßendamm. Einige haben dabei Bajonettstiche abbekommen. Da wird aber vor allem von dem mörderischen Beschuss durch feindliche Artillerie berichtet. Die meisten Lazarettinsassen sind von Granatsplittern gestreift oder getroffen worden, einige sind von den gewaltigen Detonationen traumatisiert.

An ihr Bett gefesselt sind die Kempener Verwundeten nicht. So verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit mit, wie es in einem Brief des Roten Kreuzes heißt, "Rauchen, Kartenspielen, Umhersitzen und sich unterhalten". Die Vereinsfrauen organisieren Theateraufführungen, Konzerte und gemütliche Kaffeerunden. Im Clubhaus des Freizeitvereins "Casino" am Hessenring errichten sie ein Soldatenheim, wo die Soldaten ihre Freizeit verbringen können. Hier findet am 24. Dezember 1914 eine Christbaumfeier mit Musikvorträgen und viel gemeinsamem Gesang statt. Sie endet, wie es dem Zeitgeist entspricht, mit der ersten Strophe des Deutschlandliedes: "Deutschland, Deutschland über alles". - Nachdem im Herbst 1917 der Neubau des Kempener Krankenhauses an der Mülhauser Straße fertig gestellt worden ist, kommen auch hier an die 70 Verwundete unter. Kurz nach dem Ende des Krieges im November 1918 werden die beiden Kempener Lazarette aufgelöst.

Geblieben sind Poststempel auf Feldpostbriefen und in Kempen fotografierte Ansichtskarten. Nachdem der zuständige Offizier der Sanitäts-Inspektion beim VIII. Armeekorps in Koblenz auf seinem Kontrollbesuch im Reservelazarett den Inhalt der Feldpostbriefe bzw. Karten freigegeben hatte, die die verwundeten Krieger nach Hause schicken wollten, wurden die "Postkontrollstempel" auf die Poststücke gedrückt. Einige dieser Zeitzeichen finden sich in der Sammlung von Uwe Helfenritter. Der zweite Vorsitzende und Katalogwart des Philatelisten-Vereins Kempen baut seit Jahren an einer philatelistischen Heimatsammlung. Dabei stieß er auf die "Stampiglien" aus einer längst vergangenen, schlimmen Zeit.

(hk-)
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