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Einzelhändler berichten über die Wiedereröffnung in der Corona-Krise

Geschäfte in der Region eröffnen wieder : Handel: Erster Einkaufstag in der Krise

Die Geschäfte durften am Montag wieder öffnen. Die Ladeninhaber zeigten sich erleichtert und hatten entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Kunden hatten viel Verständnis. Der Run blieb allerdings aus.

Ladenbesitzer unterhalten sich vor ihrem Geschäft mit dem Nachbarn, ein paar Mütter plaudern mit einem Sicherheitsabstand von zwei Metern miteinander, während die Kleinen im Kinderwagen schlafen, ein paar Rentner, die die Auslagen im Schaufenster betrachten: Am Montag waren die Einkaufsstraßen der Ortszentren deutlich belebter als in den Wochen zuvor. Denn Geschäfte bis zu einer Fläche von 800 Quadratmetern sowie Möbel- und Autohäuser dürfen seither wieder öffnen. Ein paar Beispiele:

Zur Neueröffnung des Modehauses Kaenders in Kempen überreichten Dirk Wermter, Claudia Boll, Marlies Meyer-Gerats und Markus Kaenders (von links) den Kunden Schutzmasken. Foto: Norbert Prümen

Kempen Ständer mit Bekleidung, Postkarten und weiteren Waren vor den Geschäften in der Kempener Innenstadt. Menschen, teilweise mit Mundschutz ausgerüstet, immer bedacht darauf, einen Abstand zueinander zu halten – das Leben in der Thomasstadt ist wieder angelaufen. „Wir machen das, was wir machen können. Wenn jeder ein bisschen aufpasst und seinen Beitrag leistet, kann es funktionieren“, sagt Brigitte Boves von „Boves, Chic mit Strick“. Die Inhaberin hat an der Tür eine Pumpflasche mit Desinfektionslösung für die Hände stehen. Aufkleber auf dem Boden weisen auf den Abstand hin. Zudem ist der Kassenbereich mit einer Kunststoffwand abgeschirmt. Lob gibt es dafür von den ersten Kunden. Man fühle sich beim Einkauf sicher. Boves hofft wie alle anderen Einzelhändler, dass die wieder geöffneten Ladenlokale und ihre Maßnahmen von den Kunden angenommen werden. „Ich selber bin mehr als nur froh, dass es wieder losgeht“, sagt sie. Dem kann sich Claudia Braun vom Damen- und Herrenmodegeschäft „Nobody is perfect“ nur anschließen. „Wenn es jetzt nicht wieder anläuft, dann steht mein Geschäft auf der Kippe“, sagt die Geschäftsfrau. Braun informiert in ihrem Schaufenster darüber, dass die Kunden kurz für einen Termin anrufen sollen. So vermeidet sie Wartezeiten und damit Schlangen vor ihrem Laden. Neu ist das nicht: Schon seit Jahren bietet sie ihren Kunden Hausbesuche an. Bei Jeans Fritz setzt die Firmenleitung auf Shoppingtaschen, um die Anzahl der Kunden im Ladenlokal zu begrenzen. An der Tür steht ein Ständer, jeder Kunde muss eine Tasche mit ins Innere nehmen. Sind alle Taschen weg, muss der nächste Kunde warten, bis ein anderer das Geschäft verlassen hat.

Sicherheitshinweise gibt es überall, und die Bürger halten sich daran. Vor der Stoffboutique stehen Frauen mit Abstand geduldig an, und auch bei Optiker Fielmann hat sich eine kleine Schlange gebildet. „Ich bin so froh, wieder halbwegs normal einkaufen gehen zu können. Wenn sich jeder an die Auflagen hält, müsste es eigentlich funktionieren“, sagt Gudrun Scholz. „Ich hoffe, dass die Gastronomie auch bald wieder öffnen darf.“

Gönül Kalayci hat in ihrem Geschäft in Anrath Markierungen am Boden angebracht, damit der Sicherheitsabstand gewahrt bleibt. Foto: Marc Schütz

Willich Gönül Kalayci hat in ihrem Accessoires- und Schmuckgeschäft an der Jakob-Krebs-Straße in Anrath gerade ihre erste Kundin bedient und wischt sich die Hände mit einem Desinfektionstuch ab. Sicherheitshalber hat sie an ihrem Arbeitsplatz und an der Kassentheke rot-weiß gestreiftes Klebeband auf dem Fußboden angebracht, Schilder weisen darauf hin, dass man doch bitte einen Sicherheitsabstand einhalten möge. Sie habe Angst, sich anzustecken, sagt sie. Daher habe sie auch im Gegensatz zu anderen Geschäften in den vergangenen Wochen darauf verzichtet, einen Lieferservice einzurichten. Aber nun ist sie froh, dass es weitergeht, denn noch ein paar weitere Wochen mit einem geschlossenen Geschäft wären finanziell schwierig geworden.

Auch Juwelier Heinrich Stevens freut sich, dass er sein Geschäft an der Viersener Straße wieder öffnen kann und ist zuversichtlich, dass es nun langsam wieder aufwärtsgeht. Sein Rezept: „Es ist wichtig, dass man Rücklagen schafft, um Durststrecken zu überstehen.“ Im Gegensatz zu Kollegen, die auf die Vermarktung übers Internet ausgewichen sind, setzt Stevens weiter auf die persönliche Betreuung seiner Kunden, das werde sich nach dieser Krise auch nicht ändern.

Öffnen dürfen seit Montag auch die Autohäuser wieder, was Willi Breuer von Ford Breuer in Anrath freut. Zwar konnte der Werkstattbetrieb in den vergangenen Wochen recht problemlos weitergehen, aber die fehlenden Autoverkäufe machen sich nicht nur direkt finanziell bemerkbar, sondern bringen auf längere Sicht auch weniger Kunden, die die Werkstatt aufsuchen. „Autos übers Internet zu verkaufen, ist einfach schwierig. Und wer kauft ein Auto ohne Probefahrt?“, fragt Breuer.

Autohaus-Geschäftsführer Willi Breuer bittet seine Kunden darum, einzeln einzutreten. Foto: Marc Schütz

Rainer Höppner, der in Schiefbahn ein Damenmodegeschäft betreibt und Vizepräsident der IHK Mittlerer Niederrhein ist, appelliert an Vermieter, mit ihren Mietern nach Möglichkeiten zu suchen, die Krise zu meistern. Von leerstehenden Ladenlokalen wegen Insolvenzen infolge der Corona-Krise habe schließlich niemand etwas. März und April sind für ihn als Modehändler normalerweise umsatzstarke Monate, in denen er Frühjahrsmode verkauft. Nun, da es wärmer wird, wollen die Kunden aber eher die Sommerkollektionen. Größere Sorgen bereiten ihm als Vorsitzendem der Schiefbahner Werbegemeinschaft allerdings die Gastronomie und Hotellerie sowie die Reisebranche, für die noch nicht klar ist, wie es weitergeht.

Grefrath In der Grefrather Fußgängerzone deutet nichts darauf hin, dass die Leute sehnlichst auf die Wiedereröffnung der Geschäfte gewartet haben. Barbara Schoenmackers hatte in ihrem Uhren-Schmuck-Geschäft an der Hohen Straße vorwiegend mit Reparaturen zu tun. Sie bedauert, dass viele Trauungen abgesagt wurden: „Dann fallen natürlich auch die Ringe weg.“ Auch Möbel Wehnen öffnete nach der Zwangspause wieder die Türen. „Ich bin extrem erleichtert“, sagt Axel Wehnen. Auch während der Schließung ruhte der Betrieb nicht. Man habe Ware hereinbekommen und ausgeliefert. Im Lager habe man in zwei Schichten gearbeitet, um sich nicht zu nahe zu kommen. Man habe auch Aufträge abgewickelt, etwa per Telefon und Internet eine Küche zusammengestellt. Im Babystudio sei vieles online gelaufen, telefonische Beratung war aber auch möglich.

Tönisvorst Andreas Lessenich ist „froh und erleichtert“, dass das Spielwarengeschäft Lessenich, das er mit seinem Bruder in der St. Töniser Fußgängerzone betreibt, wieder öffnen darf. Acrylglas an der Kasse, Abstandsmarkierungen auf dem Boden und Mundschutz für die Mitarbeiter nimmt er dafür gerne in Kauf. Simone Mayus, Mitarbeiterin in der Tönisvorster Buchhandlung, betont, wie sehr sie von den Kunden unterstützt worden seien, unter anderem indem sie den Lieferservice genutzt hätten. Für ältere Menschen oder andere Risikogruppen wollen beide Geschäfte auch weiterhin die Liefermöglichkeit anbieten.

Vera Zimmermann (li.) und Simone Mayus von der Tönisvorster Buchhandlung freuen sich, dass endlich wieder Kunden in den Laden in der St. Töniser Fußgängerzone dürfen. Foto: Emily Senf

Vera Roessli hatte gar nicht damit gerechnet, dass sie ihren Laden „Wunderhübsch“ so schnell wieder öffnen durfte. „Am Wochenende habe ich mit meinem Mann erst mal den Laden aufgeräumt“, sagt die Inhaberin. Finanziell seien die vergangenen Wochen „eine Katastrophe“ gewesen. „Der März ist der umsatzstärkste Monat, da kam das Liefergeschäft nicht heran“, sagt sie. „Es ist ein harter Verlust.“ Sie lobt, dass so viele Kunden die Treue gehalten hätten, was auch Melanie Barth-Langenecker aus dem Vorstand von „St. Tönis erleben“ betont. Allerdings sei auch Unterstützung von anderer Seite gekommen: „Mir wurde berichtet, dass die Vermieter den Händlern in vielen Fällen mit der Miete entgegengekommen sind.“

Augenoptikermeisterin Melanie Barth-Langenecker von „St. Tönis erleben“ lobt die Unterstützung der Kunden. Foto: Emily Senf

Aline Carnarius von der „Schatzinsel“ freut sich einerseits, dass es nun weitergeht. „Auf der anderen Seite ist es sehr schwierig, wenn man Familie hat“, sagt sie. Die Kinderbetreuung plane sie von Tag zu Tag, am Montag blieb der Nachwuchs mit dem Vater im Homeoffice.

Kommentar: Handel ist verhalten optimistisch