Stadt Kempen: Eine Reise nach innen beim Dunkelkonzert

Stadt Kempen : Eine Reise nach innen beim Dunkelkonzert

Der Titel "Nachtmusik" passte diesmal noch besser als ohnehin schon. Der späte Beginn um 21.30 Uhr galt auch jetzt. Zusätzlich entstand für die Zuhörer noch Nacht im Sinne völliger Dunkelheit. Zwar war die Paterskirche nicht restlos verdunkelt, auf Sicherheit wurde geachtet. Aber schon vor Beginn wurden Augenmasken verteilt, die erst nach dem Konzert abgenommen werden sollten. Wie es schien, hielten sich die Zuhörer des ausverkauften Konzerts auch daran.

Nur unter ortskundiger Führung war es möglich, einen Platz zu finden. Anders als sonst waren jetzt Stühle aufgebaut, nicht in Reihen, sondern in Kreisen, in denen je sechs bis acht Sitzplätze nach außen gewendet waren.

Wozu der Aufwand? Shawn Grocott, Posaunist, Professor an der Detmolder Musikhochschule und Leiter des Sextetts, erläuterte vor Beginn: "Der Gehörsinn ist differenzierter als der Sehsinn. Aber häufig dominiert das Sehen beim Musik-Erleben über das Hören. Das Sehen lenkt oft ab."

Zu hören war ein bunt gemischtes Programm. Es begann mit dem Geräusch von Kinderspielzeug und endete - nach Hahnenschreien - mit George Harrisons "Here Comes the Sun". Dazwischen gab es alle möglichen Kompositionen und Bearbeitungen, von Robert Schumanns "Träumerei" und Beethovens "Mondschein-Sonate" über Glenn Millers "Moonlight-Serenade" bis zu Jörg Widmanns Fantasie für Solo-Klarinette.

Diente nun die Klappe vor den Augen einem intensiveren Musikverständnis? Da dürften die Erlebnisse individuell unterschiedlich gewesen sein, die Meinungen auseinander gehen. Nicht ganz uninteressant ist allerdings die Reihenfolge im Titel der Veranstaltung: "You, the Night and the Music". Zuerst kommt die Reise nach innen, die Musik kommt am Schluss. Steht die Musik als Selbstzweck im Mittelpunkt - oder ist sie Mittel zu einem Zweck außerhalb der Musik? Dient sie primär als Erzeugerin von Stimmung? Anders gefragt: "Wie würde dieses Programm beim selben Publikum ankommen, wenn es unter üblichen Konzert-Bedingungen bei Licht stattfinden würde? Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Die sechs Musiker waren sehr gut, der Posaunist Shawn Grocott genauso wie die Sängerin und die Instrumentalisten (Percussion, Klarinette, Klavier und Gitarre). Aber: ließe sich unter anderen Bedingungen etwa der Bearbeitung der "Träumerei" für Glockenspiel und Gitarre noch etwas abgewinnen? Oder der Neufassung der "Mondschein-Sonate"? Oder der nicht enden wollenden, schwer verständlichen Rezitation von "I See a Darkness"? Wohl kaum.

Andererseits: Entwicklung, Experiment und Provokation sind der Sauerteig der europäischen Musik. Und deshalb ist es verdienstvoll, dass Kempen Klassik sich neuen Ansätzen öffnet und sie zur Diskussion stellt, erst recht in der Reihe "Nachtmusik". Dafür spricht auch, dass der Altersdurchschnitt der Zuhörer deutlich jünger war als in den niveauvollen traditionellen Konzerten.

(RP)