Serie Stolpersteine In Kempen (7): Eine letzte Nacht in der städtischen Badeanstalt

Serie Stolpersteine In Kempen (7): Eine letzte Nacht in der städtischen Badeanstalt

Das jüdische Ehepaar Andreas und Paula Mendel wurde von städtischen Polizisten zum Sammeltransport nach Riga gebracht. Ihr Sohn Kurt überlebte die Deportation als einziger Jude aus Kempen.

10. Dezember 1941: Zum ersten Mal werden Juden aus Kempen und St. Hubert in die Vernichtung deportiert. Der Transport geht nach Riga, in die Hauptstadt Lettlands, in den von der Wehrmacht besetzten Teil der Sowjetunion. Er ist sorgfältig vorbereitet: Ab August 1939 sind in der Einwohnerkartei im Kempener Rathaus die Juden mit einem "J" gekennzeichnet. Ihre Personalien werden laufend an die Gestapo-Leitstelle in Düsseldorf zur Ergänzung der "Judenkartei" durchgegeben. Am 22. November 1941 hat der Kempener Landrat Jakob Odenthal im Auftrag der Gestapo den Bürgermeistern des Landkreises Kempen-Krefeld detaillierte Angaben über Personenkreis, Transportmittel, Gepäck und die Beschlagnahmung des zurückgelassenen Vermögens geschickt, auch dem Kempener Bürgermeister Dr. Gustav Mertens.

Das Kempener Hohenzollernbad - die städtische Badeanstalt an der Burgstraße: Hier war am 9. November 1941 der Sammelpunkt für die Juden, bevor sie am nächsten Tag über Krefeld nach Riga gebracht werden. Foto: Kreisarchiv

In der Hauptsache sollen jüngere und mittlere Jahrgänge mitgehen, nicht über 65 Jahre alt; Menschen, deren Arbeitskraft im Osten eingesetzt werden kann. Von der Kündigung der Sparbücher bis zur Versiegelung der Wohnungen ist alles genau geregelt. Niemand hat ein schlechtes Gewissen. Schließlich geschieht alles nach behördlicher Vorschrift. Offiziell ist die Rede von "Evakuierung".

Aus der heutigen Stadt Kempen werden damals zwölf Juden auf den Weg gebracht, darunter der Viehhändler Andreas Mendel (49) mit seiner Frau Paula, geborene Weinberg (47), und seinem 21-jährigen Sohn Kurt. Kurz vor der Deportation haben sich die Eheleute noch von Gertrud Hermans, der Frau eines Nachbarn, des Kempener Bäckermeisters Heinrich Hermans, verabschiedet: "Wir sehen uns nie wieder."

Wie alle Juden in Deutschland haben die Mendels zu dieser Zeit schon einiges hinter sich. Andreas Mendel ist Viehhändler wie die meisten Kempener Juden. Im Oktober 1938 hat Landrat Odenthal ihnen ganz offiziell den Gewerbeschein entzogen, sie haben nun kein Einkommen mehr. Die schöne Wohnung der Mendels an der Von-Loë-Straße 14 ist am 10. November 1938, während der "Kristallnacht", fast völlig von Kempener SA verwüstet worden, ein Stuhl wurde in den großen Spiegel im Esszimmer geworfen. Ohne Geld, ziehen die Mendels in die Tiefstraße 15 um. Dort hat Andreas Mendels 1933 verstorbener Onkel Moritz Lambertz ein Schlachthaus besessen. Das steht jetzt leer, und die Familie kommt in dem engen Anbau auf dem Hinterhof unter. Im November 1941 werden die Mendels mit acht anderen Juden in das so genannte "Judenhaus" Josefstraße 5 gepfercht. Offizielle Begründung: Deutschen könne man es nicht mehr zumuten, Tür an Tür mit Juden zu leben. Wirklicher Grund: Aus den Massenquartieren sind die Juden unproblematisch zu deportieren.

Die Juden aus Kempen und St. Hubert finden sich am Nachmittag des 9. Dezember 1941 an einem angeordneten Sammelpunkt ein: vor dem 1974 abgerissenen Hohenzollernbad an der Burgstraße. Hier dürfen sie die Nacht auf den Fliesen des geheizten Foyers verbringen - ein Entgegenkommen der Kempener Polizei, die sie aber alle paar Stunden durch schikanöse Zählappelle aus dem Schlaf reißt. Damals ist die Polizei noch dem Kempener Bürgermeister unterstellt.

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Am nächsten Morgen geht es mit dem "Schluff" - heute ein beliebter Ausflugszug zwischen dem Krefelder Nordbahnhof und Hüls - nach Krefeld und von dort weiter zum Düsseldorfer Schlachthof Derendorf, wo am 11. Dezember die Abfahrt nach Riga erfolgt. Eine qualvoll lange Fahrt, denn Militärtransporte haben Vorrang. Wenn sie nachts in einem Bahnhof halten, heben die Deportierten ihre Kinder hoch und bitten die Passanten auf den Bahnsteigen um etwas zu trinken für die Kleinen. Der Transport der Menschen mit dem Judenstern findet vor aller Augen statt. In Russland dürfen die Juden dann aussteigen, um Schnee zu sammeln, den sie zum Trinken auftauen.

Am 13. Dezember 1941 trifft der Zug nach 61-stündiger Fahrt in der Nähe von Riga ein. Die Wagen bleiben bei zwölf Grad unter Null und Schneetreiben unbeheizt stehen. Erst einen Tag später werden die Juden von deutschen und lettischen Polizisten unter Peitschenhieben aus den Waggons getrieben und erreichen nach zweistündigem Marsch durch den Schnee das Getto Riga. Die Straßen sind noch von großen, gefrorenen Blutlachen bedeckt. Sie stammen von Menschen, die sechs Tage zuvor zum Erschießen geführt wurden und mit dem Tempo der Marschkolonne nicht mithalten konnten. An die 900 Alte, Gebrechliche und Kinder sind an Ort und Stelle erschossen worden, oder man hat ihnen mit dem Gewehrkolben die Schädel eingeschlagen.

Der 50-jährige Andreas Mendel erkrankt an den Folgen der Entbehrungen. Am 16. Januar 1942 wird er, weil er nicht mehr laufen kann, vor der Krankenbaracke im Schnee liegend erschossen. Seine Frau Paula lebt noch, als am 6. November 1943 das Getto Riga aufgelöst wird, weil ihr Sohn Kurt sich aufopfernd um sie kümmert. Aber am 31. Januar 1945 stirbt sie im KZ Stutthof bei Danzig an Typhus.

Ihr Sohn Kurt Mendel ist der einzige Kempener Jude, der die Deportation überlebt hat.

(hk-)
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