Diskussion um Straßennamen in Kempen

Diskussion : Wer gibt Kempens Straßen Namen?

Straßennamen können problematisch sein; das hat die Diskussion um die Wilhelm-Grobben-Straße gezeigt. Als Konsequenz haben die Kempener Grünen einen Arbeitskreis zur Überprüfung der Kempener Namensspender angeregt. Er könnte Kriterien für künftige Benennungen liefern.

Die Stadt Kempen wächst. Im Westen der Stadt wird in den nächsten Jahren ein neues Wohngebiet entstehen mit Straßen, die Namen brauchen. Aber es muss nicht immer Goethe sein und auch nicht Konrad Adenauer. Als Namensspender bieten sich Menschen an, die vor Ort tätig waren und uns heute noch als Vorbild dienen können. Straßen nach Einheimischen zu benennen hat den Vorteil, dass dies zur Kenntnis der Geschichte und Kultur eines Gemeinwesens beiträgt, kurz: Es fördert bei den Einwohnern die Verbundenheit mit ihrem Wohnort. Vor allem durch Informationen auf Zusatzschildern, auf denen über die Namensspender aufgeklärt wird.

Bis jetzt sind Kempens Straßennamen ungleich verteilt. Im Kempener Süden gibt es das so genannte Frauenviertel. Hier erscheinen neun weibliche Namen wie Eva Vluyn, 1494 gestorben, die das Kempener Beghinen-Kloster begründete, und Auguste Tibus, die in aufopferndem Einsatz bis 1888 das Kempener Hospital leitete. Aber im übrigen Stadtgebiet stehen diesen Damen 62 männliche Namensspender gegenüber, davon 54 Kempener. Hat es in Kempen zu wenig engagierte Frauen gegeben? Keine Spur. Bis vor kurzem hat man sie schlicht übergangen.

Wie zum Beispiel Agnes Maassen, Tochter des Gewerkschaftsbeamten und Vorsitzenden der Kempener SPD, Wilhelm Maassen. Als im Juli 1923 die Kempener Sozialdemokraten und Vertreter der Freien Gewerkschaften die Arbeiterwohlfahrt (Awo), gründeten, wurde Agnes Maassen die Vorsitzende des Awo-Ausschusses. Seit 1924 saß sie als eine der ersten Frauen im Kempener Stadtrat.

Oder wie Josefine Herfeldt, 1879 in Kempen geboren, Mitglied mehrerer sozialer Frauenvereine und seit 1923 Vorsteherin des Elisabethvereins, der in Kempen Bedürftige unterstütze. Seit 1920 war Herfeldt Mitglied des Kempener Ortswohlfahrtsausschusses, eines Gremiums, in dem Politker und Vertreter der sozial tätigen Vereine saßen. Seit 1945 gehörte Josefine Herfeldt dem ersten Stadtrat der Nachkriegszeit an und wurde Mitbegründerin der Kempener CDU. Zur Versorgung der Bedürftigen in der Nachkriegszeit, vor allem der Flüchtlinge, richtete sie im Kolpinghaus eine Suppenküche ein. Für ihren sozialen Einsatz erhielt sie den päpstlichen Orden „Pro Ecclesia et Pontifice“.

In liebevollem Gedächtnis geblieben ist in Kempen Schwester Maria-Ina, die bürgerlich Mols hieß und dem Orden Unserer Lieben Frau angehörte. Von 1935 bis 1970 war sie Leiterin des 2002 geschlossenen katholischen Kindergartens im St. Annenhof, wo sie über 7000 Mädchen und Jungen auf den Weg ins Leben geführt hat. Und das auf unnachahmliche Weise. „Sie war eine Institution“, erinnert sich Alt-Bürgermeister Karl-Heinz Hermans, der seinerzeit zur ersten Kindergarten-Gruppe gehörte, die Schwester Ina leitete. Im Gedächtnis geblieben ist sie durch ihre Einsatzfreude, ihre Fröhlichkeit, ihre Herzensgüte und ihr Einfühlungsvermögen für Kinder. Oder Anita Schreieck aus St. Hubert, die sich Jahrzehnte lang für Asylbewerber und Menschenrechte engagiert hat. Unvergessen die vielen Sonntagnachmittage im Campus, wo auf Einladung des Multikulturellen Forums Menschen aus anderen Kulturen mit Einheimischen zusammenfanden.

Solche Straßen mit weiblichen Namen könnten im Kempener Westen zu einem „Bürgerviertel“ gehören, das stiller Helden gedenkt. Das an Mitbürger erinnert, die sich ohne viel Aufhebens für andere eingesetzt haben. Wie der Glasermeister Peter Trienes, der am 19. Januar 1946 mit anderen die CDU-Ortspartei gründete – mit der Absicht, das in Kempen lange Zeit getrübte Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten zu entspannen und sich auf gemeinsame christliche Werte zu besinnen. Aus dieser Überzeugung heraus hatte Trienes im Gegensatz zur Mehrheit seiner Mitbürger im „Dritten Reich“ aktiven Widerstand geleistet und nachts Flugschriften gegen die Euthanasie in die Briefkästen gesteckt.

Eine Straße könnte benannt werden nach dem katholischen Theologen Wilhelm Salberg. Da sein Vater ein jüdischer Arzt war, wurde ihm von den Nationalsozialisten der Besuch eines Gymnasiums verwehrt. Woraufhin der Leiter des Kempener Thomaeums, Josef Bast, ihn aufnahm („Sie nehme ich gerade!“), ihn schützte und ihm zum Abitur verhalf. Salberg empfing in Kempen wichtige Impulse, die ihn später dazu brachten, über Europa hinaus für die Aussöhnung des Christentums, des Judentums und des Islam zu arbeiten. Als katholischer Geistlicher gründete er 1986 die Mount Zion Foundation. Die verleiht seit 1987 alle zwei Jahre einen Friedenspreis an Personen oder Institutionen in Israel, die sich um die kulturelle und interreligiöse Verständigung von Judentum, Christentum und Islam und um den Friedensprozess in Nahost verdient gemacht haben. 1997 ist Salberg gestorben.

Straßen können benannt werden nach Angehörigen einer verfolgten Gruppe. Etwa nach dem polnischen Zwangsarbeiter Marian Kursawa, der 1941 auf der Engerstraße gehenkt werden sollte. Ein Denunziant hatte ihm eine Beziehung zu einer deutschen Magd nachgesagt. Was Marian Kursawa bis zu seinem Tod abstritt. Er wurde dann, weil die Kempener gegen die Verschandelung ihrer Geschäftsstraße durch einen Galgen protestierten, im KZ Sachsenhausen bei Berlin gehenkt. Nach ihm eine Straße zu benennen wäre eine Geste der Versöhnung mit Polen und stünde Kempen gut an.

Peter Trienes gründete mit anderen die CDU in Kempen. Foto: Kreisarchiv Viersen
Heinz aan den Boom (CDU), von 1968 bis 1989 Bürgermeister. Foto: Werner Königs
Wilhelm Salberg gründete eine Friedensstiftung. Foto: Universität Luzern
Zwangsarbeiter Marian Kursawa wurde im KZ gehenkt. Foto: Landesarchiv NRW
Josefine Herfeldt engagierte sich früh für Frauen. Foto: Archiv Propsteipfarre

Straßen können benannt werden nach heimischen Dichtern, die heute zu Unrecht vergessen sind, wie dem Architekten Hannes Martens aus St. Hubert (1909-1980) und dem Berufsschullehrer Wolfgang Schmidt aus Kempen (1922-2000). Straßen können benannt werden nach Bürgern, die sich uneigennützig und bescheiden um ihre Stadt verdient gemacht haben. Wie Heinz Aan den Boom, Kempener Bürgermeister von Januar 1968 bis Oktober 1989 und wahrhaftig ein „Erster Bürger“. Aan den Boom war ein Mensch, der, wie er selbst sagte, Harmonie brauchte und in ständigem Streit nicht leben konnte. Seit 1992 vergibt die Kempener CDU in unregelmäßigen Abständen einen nach ihm benannten Preis für soziales Engagement.