Die Lindenallee in Mülhausen ist älter als 100 Jahre.

100 Jahre alt : Die Lindenallee – prägend für Mülhausen

Die Lindenallee in Mülhausen ist älter als 100 Jahre. Vorher gab es dort eine Allee aus Kirschbäumen, die von Unbekannten abgeschnitten worden ist. Heute unterliegt die Straße dem Landschaftsschutz.

Genau genommen sind die knorrigen Linden an der Allee von Mülhausen nach Wankum älter als 100 Jahre, denn sie wurden als junge Bäume mit einem Stammumfang von 16 bis 18 Zentimeter im März 1919 gepflanzt. Im Protokoll der Sitzung der „Wegebau und Finanzkommission“ der Gemeinde Oedt vom 26. Februar 1919 werden auch die Gründe für die Neupflanzung genannt: „An dem Wege Mülhausen – Wachtendonk sind die Kirschbäume dergestalt abgeschnitten worden, dass nunmehr noch Stumpfe von Fußhöhe aus der Erde herausragen. Diese Stumpfe sollen durch die Notstandsarbeiter beseitigt werden.“ Es gab also vorher schon eine Allee aus Kirschbäumen. Wer die „abgeschnitten“ hat, ist nicht bekannt. Nun sollten dafür 380 junge Lindenbäume gepflanzt werden. Der Polizeisergeant Müser (Unterwachtmeister) wurde beauftragt, die Anzahl der Bäume festzustellen. Die aufzustellenden Linden sollten einen Abstand von 10 Meter haben. Bei beidseitiger Bepflanzung entspricht dies einer Länge von 1,9 Kilometer vom Kloster „Unserer Lieben Frau“ bis kurz vor der Grasheide. Mit dem Ausheben der Pflanzlöcher soll sofort begonnen werden. Den Auftrag dazu erhielt der Gärtner August Gartz. Bürgermeister Wilhelm Monar aus Oedt setzte sich für ihn ein, da er „viereinhalb Jahr im Felde“, also Kriegsteilnehmer war und „wirtschaftlich sehr gelitten“ hat. Die Baumschule durfte also nur die „Lindenbäume, nicht Silberlinden“ liefern, sie aber nicht pflanzen.

Anfang März 1919 lieferte die Firma „Jac. Beterams Söhne, Geldern-Rheinland, Baumschulen und Großgärtnerei“ die Linden zu einem Stückpreis von sechs Mark. Mit der Rechnung weist der Firmeninhaber Jacob Beterams das Bürgermeisteramt Oedt auf Folgendes hin: „Mit Rücksicht darauf, daß möglichst hohe Stämme in Linden gewünscht wurden, haben wir nur verschulte Bäume mit hohen Stämmen ausgesucht. Wir empfehlen, die Kronen der Bäume in diesem Jahre nicht zu beschneiden. Ein kräftiger Pfahl wird notwendig sein.“ Die Bäume wurden aus „Senkern“ gezogen, also aus Stecklingen.

Die Lindenallee gehört zu den schönsten und längsten Alleen in Nordrhein-Westfalen. Sie liegt auf einer eiszeitlichen Donk, die ein alter Rheinarm zurückgelassen hat. Mit 34 Meter über Null bildet sie den höchsten Punkt in Mülhausen. Deutlich zu erkennen ist das abfallende Gelände westlich zur Niers und östlich zur Schleck auf 27 Meter. Vor der Lindenbepflanzung war die Verbindungsstraße zwischen Oedt und Wachtendonk eine Kirschbaum­allee.

Interessanter Blick: Durch die geschlossenen Baumreihen wirkt die Mülhausener Lindenallee im Sommer fast wie ein geschlossener Tunnel. Foto: Alfred Knorr/alfred Knorr

Bevor die heutige Kreisstraße 27 durch eine erst 1907 errichtete Niersbrücke fahrzeugtauglich wurde, führte der Verkehr über die Schleck bei Haus Weibes vorbei zur Schloot, wo es eine Zollstation zwischen Kurköln und dem Herzogtum Geldern gab. Zu Fuß konnte die Niers über einen schmalen Steg bei der Neersdommer Mühle überquert werden, oder man nutzte die dort liegende Furt, die bei Niedrigwasser leicht zu durchfahren war.

Die Allee wurde mehrmals ausgebaut und instand gesetzt. Der Ausbau der Straße zur Grasheide und Mariendonk war bereits 1899 beschlossen und in den Jahren 1900/01 ausgeführt worden. Der Transport großer Mengen Baumaterial für den Bau des Benediktinerinnenklosters verursachte auf der neuen Straße große Schäden.

Da die K 27 eine Kreisstraße ist, pflegt der Kreis Viersen die Allee aufwendig. 1985 wurde auf der westlichen Seite ein Fahrradweg und später eine dritte Baumreihe, natürlich wieder mit Linden, angelegt. Kürzlich wurden die Lücken in den alten Baumreihen, die altersbedingt oder durch Unfälle hervorgerufen wurden, durch junge Linden geschlossen. Die Lindenallee ist seit 1989 durch den Landschaftsplan gesetzlich geschützt. Sie durchschneidet das Niederfeld mit seinen 13 Bauernhöfen, die wie an einer Perlenschnur an Niers und Schleck aufgereiht sind. Damit kommt dem Niederfeld mit seiner „landschaftstypische Siedlungsform für den Niederrhein eine herausgehobene historische Bedeutung“ zu, urteilt das Rheinische Amt für Denkmalpflege. Mit den kurkölnischen Höfen Lepers und Honnen und dem Gut Aldenhoven befinden sich drei historische Bauerhöfe im Niederfeld, die auf das 16. Jahrhundert zurückgehen. Die Neersdommer Mühle, die damals noch dem Herzog von Geldern gehörte, stammt aus dem 12. Jahrhundert. In der Grasheide befinden sich gut erhaltene mittelalterliche Landwehren und die Motte „Horbes Bergske“, eine Erdhügelburg, die wahrscheinlich nicht fertiggebaut und bewohnt war. Das denkmalgeschützte Wegekreuz von 1788 an der Zufahrt zum Haus Aldenhoven könnte auf einen alten Prozessionsweg zu den niederrheinischen Wallfahrtsorten hinweisen. Die heutige Allee endet an der Abtei Mariendonk. Im Mai 2004 konnte die Lindenallee eine besondere Ehre erfahren. Sie wurde von der „Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt NRW“ zur „Allee des Monats“ gekürt. Damit wurde sie wegen ihrer (wieder) geschlossenen Baumreihen und dem tunnelgleichen Alleecharakter besonders gewürdigt.