Serie Kampf, Kapitulation, Kriegsende (4): Die letzten Kämpfe in der Region

Serie Kampf, Kapitulation, Kriegsende (4): Die letzten Kämpfe in der Region

In diesen Wochen vor 70 Jahren ging in unserer Region der zweite Weltkrieg zu Ende. In einer vierteiligen Serie schildert die RP die Besetzung der einzelnen Orte, heute die Einnahme der Gemeinden im Ostkreis.

Anfang März 1945: Die deutschen Truppen im Landkreis Kempen-Krefeld leisten nur noch hinhaltenden Widerstand, sie sind auf dem Rückzug Richtung Uerdinger Rheinbrücke. Auf dem Weg dahin bleibt in Willich am Mittag des 1. März ein Tiger-Panzer der Panzerlehrdivision liegen - mit Motorschaden vor der Bäckerei Dresch, dem Eckhaus an der Kreuzung Düsseldorfer-/Krefelder-/Peterstraße

Alliierte Tiefflieger tauchen auf und beschießen den 57-Tonnen-Koloss mit ihren Maschinenkanonen. Aus der Deckung der Hauswände feuern Landser zurück, die Jabos antworten mit Bomben. Dabei kommen 13 Menschen in den Häusern Peterstraße 62 und 64 ums Leben. Der Maschinenbauer Erich Kupp, versucht gerade, den Panzer zu reparieren. Er hechtet zwischen dessen Laufwerk, wird aber von niederprasselnden Haustrümmern verletzt. Ein weiterer Bomberangriff gilt einer Gruppe deutscher Soldaten an der Kreuzstraße. Dabei wird das Stammhaus der Brauerei Hausmann zerstört, mehrere Landser getötet.

Gegen 15 Uhr am 1. März ist Willich besetzt. Zu einer größeren Schießerei kommt es nur am alten Sportplatz an der Bahnstraße, wo sich ein kleiner Trupp Fallschirmjäger im Umkleidegebäude verschanzt hat und mit der Panzerfaust einen Sherman-Tank abschießt.

Acht deutsche Soldaten, die am 3. März 1945 vor Tönisberg im Kampf mit den Amerikanern umkamen, wurden 1964 auf dem Ehrenteil des Tönisberger Friedhofs beigesetzt. Foto: Wolfgang Kaiser

Von kleineren Rückzugsgefechten abgesehen, vollzieht sich die Besetzung der restlichen Orte im östlichen Kreisgebiet ohne größere Zwischenfälle. Am Abend des 1. März rücken um 22 Uhr Tanks der 5. US-Panzerdivision in das völlig überraschte Anrath ein und nehmen die ganze Nacht deutsche Soldaten gefangen, die zu Fuß und auf Fahrrädern in den Ort kommen. In der Backstube von Hüpperling (Jakob-Krebs-Straße 46) drängen die Amerikaner die Bäckersleute in die Ecke und kochen sich ihr Abendbrot.

Am Samstag, 3. März, morgens gegen 9 Uhr, dröhnen von Grefrath her, wo sie die Nacht verbracht haben, die ersten amerikanischen Panzer über die Aldekerker Straße in St. Hubert. Ohne Widerstand; bereits am Abend zuvor ist am Kirchturm die weiße Fahne gesetzt worden. Von Vorst aus, wo gerade der Regimentsstab liegt, besetzt am frühen Nachmittag das US-Regiment 335 St. Tönis. Vier deutsche Soldaten, vier Zivilisten sterben. In einer Gaststätte spielt ein "Fräulein" den Amerikanern auf dem Klavier vor, die GIs stimmen Soldatenlieder an.

Weniger glimpflich vollzieht sich das Kriegsende für Tönisberg. Hier taucht am 3. März um 16 Uhr eine voll motorisierte Kampfgruppe der 5. US-Panzerdivision unter dem Oberstleutnant Howard E. Boyer in dem tiefen Straßeneinschnitt an der Vinnbrück auf. In Einmannlöchern sind etwa 30 deutsche Soldaten in Stellung gegangen. Sie werden, mit Karabinern und Maschinengewehren vom Abhang über der Straße schießend, den letzten Widerstand im Kreisgebiet leisten. Gegen die hoch gerüstete Task Force Boyers haben sie nicht die winzigste Chance. Krater in der Straßendecke sperren deren Weiterfahrt. Die GIs springen von ihren Halbkettenfahrzeugen, versuchen, sich den Berg hochzuarbeiten. Panzergranaten töten acht deutsche Soldaten. Jeder gehörte einer anderen Einheit an, was deutlich macht, was für eine zusammengewürfelte Truppe damals in den Schützenlöchern auf der Vinnbrück gelegen hat.

Der Chef der Ingenieurkompanie, die mit der amerikanischen Task Force mitfährt, lässt einen Panzer-Bulldozer vorfahren. Der füllt, während die leichten Panzer ihm Feuerschutz gegen die Deutschen geben, hin- und herfahrend die Trichter mit Erde auf. Nach der amerikanischen Darstellung soll das Gefecht nicht länger als eine halbe Stunde gedauert haben.

Um 17 Uhr erreichen die Sherman M 4 den Ortseingang, nachdem sie auf der Berghöhe den Monate Lang ausgeschaufelten Panzergraben und andere Hindernisse auf den anliegenden Feldern umfahren haben. Im Dorf hängen weiße Bettlaken aus den Fenstern. Dachdeckermeister Heinrich Koeters hat eine solche weiße Fahne auch am Kirchturm gehisst. Als die Kämpfe zu Ende sind, kommen überall aus den Häusern des Ortes und aus dem umliegenden Gelände deutsche Soldaten hervor, die sich dort versteckt haben.

  • Stadt Kempen : Vom Leben der Menschen im Krieg

Beim Durchsuchen der Häuser wird geplündert; gründlich, wie die Erinnerungen der Zeitzeugen erkennen lassen. "Den Leuten wurden die Ringe von den Fingern gezogen", hat sich die Kempenerin Änne Bissels erinnert. Aus den Tresoren der aufgefundenen Postämter und Sparkassen nehmen die Soldaten und die befreiten "Fremdarbeiter" ganze Bündel von Banknoten in unterschiedlichen Währungen mit, stopfen sich damit die Taschen voll, verstreuen das Geld oft achtlos auf der Straße oder in Häusern. Auch sind im März/April 1945 zumindest in Kempen und Willich mehrere Frauen von amerikanischen Soldaten vergewaltigt worden. Deren Namen müssen hier nicht aufgeführt werden, aber die Angaben kommen von Zeitzeugen, deren Zuverlässigkeit unbestritten ist.

Auch ideelle Güter werden geraubt. Anfang 1945 sind Kempens wichtigste Archivalien im betonierten Luftschutzkeller der Knabenvolksschule (heute: Martinschule) im Panzerschrank der Amtskasse eingelagert worden, nachdem Stadtarchivar Gottfried Klinkenberg sie im November 1944 für die Ausstellung zur 650-Jahr-Feier der Stadt Kempen im Kramer-Museum verwendet hat. Als sich dann die Amerikaner nähern, bringt man das komplette Stadtarchiv und die Münzsammlung der Stadt an einen wirklich sicheren Ort: In die Grabkammern und -nischen der Franziskaner unter der Paterskirche, wo sie eingemauert werden. Aber die wertvollsten Dokumente - eben die, die im Panzerschrank liegen -, sind nicht darunter: Beim Transport in den Untergrund der Paterskirche hat man sie, da der Kreis der Eingeweihten aus Sicherheitsgründen sehr klein ist, schlicht vergessen.

Pech für die Stadt Kempen, dass ausgerechnet in der Knabenschule eine Einheit von Sprengstoffexperten unterkommt: Die Feldzeugmaterial- (-"Ordnance") Company der 84. US-Infanteriedivision, die die Truppe je nach Bedarf mit Kampfstoffen versorgt. Für die ist es kein Problem, den Tresor mit einer professionell platzierten Ladung Dynamit zu öffnen, ohne die in ihm vermuteten Kostbarkeiten zu zerstören. Ihre Soldaten rauben die wertvollen Archivalien, darunter die Stadtrechtsurkunde von 1294 und das "Rote Buch", eine Sammlung der Stadtrechte aus dem 15. Jahrhundert, und verscherbeln sie gegen Geld, Alkohol oder Zigaretten.

Erst 1984 kehrt die Stadtrechtsurkunde auf abenteuerlichen Wegen aus Michigan/USA zurück: Museumsleiter Dr. Carsten Sternberg jettet, als die Kunde von ihrem Fund nach Kempen dringt, in einer Blitzaktion über den Atlantik und erwirbt das historische Zeugnis für 4000 Dollar von einem Ex-GI zurück. 13 000 Mark hat der Coup gekostet, wovon die Sparkasse die Kaufsumme, der Unternehmer Bernd Schönmackers Reise- und Hotelkosten übernehmen. 2001 folgt das "Rote Buch", aufgetaucht in der Bibliothek der katholischen Theologischen Hochschule Chicago.

Nach den letzten Kämpfen, nach der Besetzung durch die Amerikaner beginnt der chaotische Dämmerzustand zwischen "Drittem Reich" und staatlicher Neuorganisation, den man die "Stunde Null" nennt. Nur wenige haben sich damals als befreit empfunden, die meisten fühlten sich besiegt. Vor lauter Problemen nimmt man den Einschnitt kaum wahr. Erst mal gilt es, Hunger, Kälte und Wohnungsprobleme durchzustehen, kurz: Am Leben zu bleiben. Am wichtigsten: Man wird nicht mehr von Tieffliegern beschossen. Ansonsten ist die Zukunft völlig ungewiss. Zwei Stunden nach der Besetzung durch die Amerikaner klettern in Willich der Verwaltungslehrling Hans Franken und der Bürgermeister Hans-Joachim Balthasar aus dem Keller des Rathauses. "Herr Bürgermeister, was machen wir nun?" fragt Franken seinen Chef. Und der antwortet: "Das weiß ich auch nicht."

Kontakt mit den Besetzern gibt es zunächst nicht. Für die Amerikaner ist er verboten. Die Einheimischen - außer den Kindern - wollen ihn nicht: "Wir empfingen von der Zivilbevölkerung, die noch in der Stadt geblieben war, kalte Blicke, wenn wir von und zu unseren Quartieren gingen", berichtet das 75. US-Sanitätsbataillon, das am 4. März 1945 in Kempen einfuhr.

Die Jagd auf Lebensmittel beginnt. Aus dem Verpflegungsmagazin der 8. Fallschirmdivision, untergebracht in den Kühlräumen der einstigen jüdischen Metzgerei Hirsch, Peterstraße 23, deren Besitzer von den Nazis umgebracht worden sind, schleppen die Kempener in Windeseile Würste und Schinken nach Hause. Bereits vier Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner, am 7. März, verüben ehemalige polnische Kriegsgefangene einen Überfall auf den Sandhof in Schmalbroich; aber Bauer Alfons Louven kann mit dem Brandhorn rechtzeitig die Nachbarn herbeirufen. Aber bald häufen sich die Überfälle, und es kommt zu mehreren Morden.

(hk-)
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