Die Kempener Knabenvolksschule im Krieg

SERIE Zur Geschichte der Kempener Martin-Schule (3) : Die Knabenvolksschule im Krieg

Der Zweite Weltkrieg bindet auch die Kempener Volksschulen ein. Die Knabenvolksschule, Vorgängerin der heutigen Martin-Schule, bildet ihre Schüler für den Einsatz im Luftschutz und bei der Wehrmacht aus. Ab dem September 1944 wird der Unterricht durch das Ausheben von Deckungslöchern gegen Tiefflieger ersetzt. Als 1945 amerikanische Soldaten Kempen besetzen, rauben sie aus dem Keller die kostbarsten Urkunden zur Stadtgeschichte.

Für die Jungen der Kempener Adolf-Hitler-Schule, wie bis 1945 die Knabenvolksschule hieß, beginnt der „Einsatz für das Vaterland“ Anfang 1940. Zur Abwehr englischer Luftangriffe werden die Schüler ab der vierten Klasse in Sanitäts-, Feuerlösch- und Meldetrupps eingeteilt. Wenn jetzt die Sirenen „Luft­alarm“ heulen, halten sich die Elf- bis Fünfzehnjährigen zu Hause im Luftschutzkeller bereit, um im Falle eines Bombentreffers mit Feuerpatsche, Wassereimer und Löschsand einen Brand zu bekämpfen oder Verletzten Erste Hilfe zu leisten. Für die Fünfzehnjährigen findet am Samstag, 28. Januar 1940, auf dem Kempener Ludwig-Jahn-Sportplatz die erste „vormilitärische Ausbildung“ während des Krieges statt. Das Training wird von einem Unteroffizier der Wehrmacht befehligt. 1942 beginnt die Ausbildung schon für die Vierzehnjährigen. Sie wird jetzt von Lehrern, die den Ersten Weltkrieg als Offiziere mitgemacht haben, auf dem Schulhof der Knabenvolksschule durchgeführt. Auf dem Plan stehen Kleinkaliberschießen auf Zielscheiben und Luftschutzübungen. So wird den Schülern beigebracht, wie man mit abgeworfenen Stabbrandbomben umgeht. Die weitere Ausbildung für einen Einsatz an der Front durchlaufen sie dann in Wehrertüchtigungslagern der Hitlerjugend. Ein Sechstel der eingezogenen Knabenvolksschüler wird aus dem Krieg nicht zurückkommen.

Auch das Sammeln von Heilkräutern führen die Schüler in ihrer Freizeit durch. Man hat ihnen gesagt, dass die Kräuter zur Heilung der verwundeten Soldaten in den Lazaretten bestimmt seien, und so ist das Pflücken von Kamille, Schafgarbe, Taubnesselblüten und anderen Kräutern für die Herstellung von Medikamenten und Tees für sie eine Ehrensache. „Die Aula unserer Knabenvolksschule war zeitweise in einen Trockensaal für Heilkräuter umfunktioniert“, erinnert sich Heinz Cobbers, der 1965/66 als Architekt das Kempener Rathaus gebaut hat. In der Aula der „Adolf-Hitler-Schule“, im Thomaeum und in der „Städtischen Oberschule für Mädchen“, der Vorgängerin des heutigen Luise-von-Duesberg-Gymnasiums, werden ab 1943 Maulbeerraupen zur Herstellung von Fallschirmseide gezüchtet, mithilfe von Maulbeerpflanzenblättern. Die Pflanzen werden in der Adolf-Hitler-Schule im Schulgarten gezogen und im Thomaeum an der Ludwig-Jahn-Straße zwischen Turnhalle und Sportplatzmauer.

Der Kempener St. Martin ist zum letzten Mal im November 1938 durch die Stadt gezogen; am Abend der berüchtigten „Kristallnacht“, als an der Umstraße noch die Ruine der niedergebrannten Synagoge schwelte. Nachdem im September 1939 die Wehrmacht in Polen einmarschiert ist, woraufhin England und Frankreich dem Reich den Krieg erklärt haben, hat das St.-Martins-Komitee einen von nationalem Geist getränkten Beschluss gefasst: „Das III. Reich Adolf Hitlers befindet sich laut Kriegserklärungen von England und Frankreich vom 3. September mit diesen Staaten im Kriegszustande. Deshalb hat das Komitee am 4. November 1939 in der Gaststätte Sieben am Markt beschlossen, den alten Brauch des Martinszuges für die Zeit des Krieges ausfallen zu lassen.“

Aber die Kinder geben keine Ruhe. Alljährlich ziehen sie selbstständig am St.-Martins-Abend mit Fackeln durch die Stadt. Schließlich gibt das Komitee ihrem Drängen nach und riskiert einen Zug am 10. November 1943; allerdings am helllichten Nachmittag – in der Regel kommen die englischen Bomber nur nachts – und unter größten Sicherheitsmaßnahmen. Zur Teilnahme lädt ein Flugblättchen ein, das in den Schulen verteilt wird: „Trotz Kriegesnot und schwerer Zeit/erstrahlen Martinskerzen/ und bringen helle Fröhlichkeit/ in tausend Kinderherzen.“ Begleitet von seinen Knappen, gefolgt von 1500 Schulkindern mit Fackeln, die freilich am hellen Tag nicht so strahlend leuchten wie vor gewohnt nächtlicher Kulisse, reitet Karl Pielen um Viertel nach Vier als Heiliger Mann durch die von Tausenden umsäumten Straßen der Stadt. Für die ­„Blo-ese“, die die Kinder in der Burg erhalten, sind die Spenden reichlich geflossen.

Zur Organisation des St.-Martin-Zuges 1943 wurde dieses Flugblatt in den Kempener Schulen verteilt. Foto: Kreisarchiv. Foto: Kreisarchiv

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 rückt der Krieg auch auf Kempen zu. Jetzt fällt häufig der Unterricht aus, damit die Schüler für die Kämpfe, die zu erwarten sind, Schützengräben ausheben können und Deckungslöcher gegen feindliche Tiefflieger. Den Anfang machen am 4. September 1944 die Schüler der achten Klasse der Knabenvolksschule. Sie heben, angeleitet von ihren Lehrern, vor allem an Straßenkreuzungen in einem Abstand von jeweils 30 Metern Deckungsgräben für erwartete militärische Operationen aus: vier Meter lang, einen Meter breit und 1,50 Meter tief. An den Straßenrändern entstehen Löcher zum Schutz gegen Luftangriffe.

Morgens um acht treten die Schuljungen mit Spaten bewaffnet an und buddeln entlang den Straßen um Kempen. Dabei werden sie schon mal von feindlichen Maschinen beschossen. Johannes Kollers, in Oedt gebürtig, war zu diesem Zeitpunkt des Krieges ein zwölfjähriger Volksschüler. Er erinnert sich: „Seit dem Spätsommer 1944 hingen ständig feindliche Flugzeuge in der Luft und schossen auf alles, was sich bewegte. Ungefähr seit September mussten wir Schulkinder an den Straßenrändern Deckungslöcher schanzen; meist unter der Aufsicht der Lehrer, denn wegen der Luftgefahr fiel oft die Schule aus. Mal haben wir morgens, mal mittags geschanzt. Wir legten immer abwechselnd runde Löcher an, also Einmannlöcher, und dreieckige Löcher für mehrere Personen mit zwei Zugängen.“ Die Mädchen müssen nicht zur Erdarbeit, sie werden, von verschiedenen Schulen kommend, an sicheren Orten zum Unterricht zusammengefasst, zum Beispiel im Luftschutzkeller des alten Rathauses am Markt.

Im September 1944 zeigt der Leiter der Kempener Knabenvolksschule, Wilhelm Grobben (rechts), seinen Schülern, wie man Deckungslöcher gegen feindliche Tiefflieger aushebt. Foto: Kreisarchiv. Foto: Kreisarchiv

Am 2. November 1944 erfolgt die endgültige Schließung der Kempener Schulen für die Dauer des Krieges. Wenn irgend möglich, zieht man die Schüler jetzt zu kriegswichtigen Arbeiten heran: zu Schanzarbeiten, zum Dienst als Flakhelfer, zu Arbeiten in der Kriegsindustrie. Während die meisten Jungen am Westwall, also an den Bunkern zur niederländischen Grenze hin, oder an den Kempener Straßen Befestigungen oder Deckungslöcher gegen Tiefflieger ausheben, werden die Mädchen zu körperlich leichteren Aufgaben herangezogen. „Einige stellten für die Front Tarnmatten her, das heißt: sie steckten Tannenzweige und andere haltbare Vegetation in Drahtgeflechte, mit denen die Frontsoldaten ihre Stellungen tarnen sollten“, erzählt Hetty Hauzeur. „Ich selbst musste mit einigen anderen unter Aufsicht des Postmeisters Willi Bernrath die in Kempen ankommenden Briefe sortieren. Vorangegangen war ein Gelöbnis, über den Inhalt der Poststücke Verschwiegenheit zu bewahren.“ Die meisten Schülerinnen aber arbeiten in Kempener Industriebetrieben. Andere werden auf Bauernhöfen eingesetzt.

Rasch kommt das Ende des Krieges. Auch in Kempen hat man den „Volkssturm“ gebildet – das letzte Aufgebot der 16- bis 60-Jährigen zur Verteidigung des Reichsgebietes. Sein Gefechtsstand befindet sich in der „Adolf-Hitler-Schule“ genannten Knabenvolksschule (heute: Martin-Schule). Aber der Einsatz der notdürftig bewaffneten Kempener Volkssturmmänner beschränkt sich auf Schanzarbeiten und die Anlage provisorischer Panzersperren. Als sich die US-Truppen nähern, geht der Volkssturm nach Hause. Am Vormittag des 2. März 1945 kommt von Südwesten das Dröhnen der amerikanischen Panzermotoren näher. In der Schule sind deutsche Fallschirmjäger einquartiert. Gegen die amerikanische Übermacht haben sie keine Chance. Die Landser reißen sich die Rangabzeichen von den linken Oberarmen ihrer Kampfanzüge, der legendären „Knochensäcke“, und ergeben sich.

Kurz nach Kriegsende wird die Knabenvolksschule noch einmal zum Schauplatz Kempener Stadtgeschichte. In ihrem Gebäude ist eine Einheit amerikanischer Sprengstoff-Spezialisten untergekommen. Die entdecken im Luftschutzkeller den Tresor der Stadtkasse, den man dort wegen der Luftgefahr im November 1944 aufgestellt hat. Mit einer präzise platzierten Sprengladung knacken sie ohne weitere Beschädigung die Stahltür. Innen finden sie uralte Pergamente.

Wo kommen die her? Anfang 1945 sind Kempens wichtigste Archivalien, nachdem Stadtarchivar Gottfried Klinkenberg sie im November 1944 für die Ausstellung zur 650-Jahr-Feier der Stadt Kempen im Kramer-Museum verwendet hat, im Schulkeller eingelagert und im Chaos des Kriegsendes schlicht vergessen worden. Denn der Kreis der Eingeweihten war aus Sicherheitsgründen sehr klein. Die GIs rauben die wertvollen Archivalien, darunter die Stadtrechtsurkunde von 1294 und das „Rote Buch“, eine Sammlung der Stadtrechte aus dem 15. Jahrhundert, und verscherbeln sie gegen Geld, Alkohol und Zigaretten. Auf abenteuerlichen Wegen kehren die Dokumente nach Jahrzehnten aus den USA zurück.

Mehr von RP ONLINE