Kempen: Die Angst überwinden

Kempen : Die Angst überwinden

Nicht lesen und schreiben zu können, ist kein Zeichen von Dummheit. Die Gründe für Analphabetismus sind vielfältig, ebenso wie die Hilfen. An der Kreis-VHS starten regelmäßig Kurse, die Erwachsenen Buchstaben erklären.

kempEN/grefrath Der Bundesverband Alphabetisierung rechnet für den Kreis Viersen mit knapp 15 000 "funktionalen Analphabeten". Das sind Menschen, die durchaus die Buchstaben kennen, einzelne Wörter lesen und sie ebenso wie ihren Namen schreiben können. Aber sobald die Texte etwas länger werden, beginnen die Probleme: Die funktionalen Analphabeten können zwar die Wörter erkennen, nicht aber den Sinn erfassen.

Die Ursachen können vielfältig sein. Manche haben ihr Schulwissen schlicht vergessen, weil sie es in einer Welt des Fernsehens nicht mehr brauchten. Andere sind schon beim ersten Erlernen gescheitert, erlebten Schreiben als Fehlerquelle. Mit den Jahren wurde die Angst immer größer, und irgendwie ging es auch ohne diese Fertigkeit.

Spannbreite ist weit

Dr. Günter Burger koordiniert bei der Kreis-Volkshochschule (VHS) das Angebot "Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben". In Beratungsgesprächen versucht er herauszufinden, was die Interessenten können. Die Spannbreite ist weit: "Manche können Zeitung lesen, scheitern aber daran, ein Formular auszufüllen." Bei anderen erscheinen Buchstaben fast wie Zeichen aus einer fremden Welt. Die Beratungsgespräche sind vertraulich und bieten der VHS wichtige Anhaltspunkte für die Einstufung der Teilnehmer.

Burger selbst gibt keine Kurse, "da haben wir einige sehr erfahrene Dozenten und Dozentinnen", sagt er. Denn das Angebot ist keineswegs neu, aber nach wie vor sehr gefragt. Die Motive, warum ein Mensch sich entschließt, als Erwachsener (noch einmal) Lesen und Schreiben zu lernen, sind vielfältig: Da gibt es die Mutter, die ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen will, ebenso wie den Mann, der immer auf die Hilfe seiner Frau setzen konnte, wenn Schriftsachen zu erledigen waren. Wenn der Partner den Analphabeten verlässt, steht er beim Lesen und Schreiben allein da.

Wichtig bei allen Anfragen: "Die Leute müssen von sich aus kommen." Denn Lesen und Schreiben lernen ist mühsam. Aufmerksam werden die Menschen auf die VHS-Kurse oft durch ihren Partner, Freunde, Arbeitgeber oder Arbeitsagentur und die Arge. Letztere übernimmt sogar die Kurskosten als Fördermaßnahme zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.

Burger berichtet über positive Erlebnisse der Teilnehmer: "Eine Dozentin schickt ihre Schüler regelmäßig zu einem Bundeswettbewerb, bei dem sie gute Erfolge erzielen." Auch wenn das Lernen viel Engagement verlange, lohne es sich: Wer erst die Schwellenangst überwunden hat, muss bald nicht mehr "die Brille vergessen" haben, wenn er etwas lesen soll.

FRAGE DES TAGES

(RP)