Stadt Kempen: Der zweite Anlauf für Stolpersteine

Stadt Kempen : Der zweite Anlauf für Stolpersteine

Morgen beschäftigt sich der Kempener Kulturausschuss mit dem Antrag der Bürgerinitiative, in Kempen sogenannte Stolpersteine zu verlegen. Sie sollen an den früheren Wohnhäusern an die Opfer des Nazi-Terrors erinnern.

Vor dreieinhalb Jahren scheiterte der Versuch, so genannte Stolpersteine in Kempen zu verlegen. Damals entschied sich der Stadtrat in geheimer Abstimmung mit Mehrheit gegen einen Antrag, den seinerzeit der Ratsherr der Freien Wähler Kempen, Philipp Wachowiak, eingebracht hatte. Er hatte die Initiative "Stolpersteine für Kempen" ins Leben gerufen, der sich in kurzer Zeit mehr als 100 Bürger angeschlossen hatten. Nun gibt es einen zweiten Anlauf, diesmal getragen von Kempener Schulen und der Evangelischen Kirchengemeinde. Ende August übergab die neue Initiative "Projekt Stolpersteine" ihren Antrag an Bürgermeister Volker Rübo.

Der Bürgermeister hat der Initiative versprochen, dass die Stadtverwaltung für die Sitzung des Kulturausschusses am morgigen Dienstag, 4. November (18 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses am Buttermarkt), eine ergebnisoffene Beratungsvorlage erstellt. Der Bürgermeister hat sein Wort gehalten: Er schlägt der Politik nicht vor, den Antrag wieder abzulehnen oder ihm diesmal zuzustimmen. Er empfiehlt lediglich, dass der Antrag zu weiteren Beratungen an den Haupt- und Finanzausschuss beziehungsweise den Stadtrat verwiesen wird. Das bedeutet: Morgen wird im Kulturausschuss noch keine Entscheidung fallen, die bleibt dem Stadtrat in seiner letzten Sitzung dieses Jahres am Dienstag, 16. Dezember, vorbehalten. Ob die Politiker dann - so kurz vor Weihnachten - Geschenke an die neue Stolperstein-Initiative verteilen, ist offen.

Fest steht: Innerhalb der vergangenen dreieinhalb Jahre haben sich die Meinungen zu Stolpersteinen für Kempen nicht wesentlich geändert. Die Mehrheit der Politiker im Stadtrat - damals stimmten 21 Ratsmitglieder gegen den Antrag der Wachowiak-Initiative und 15 dafür - war am 12. Juli 2011 mit sechs Stimmen klar. Auch damals schon fand eine sehr sachliche Diskussion zu dem nicht einfachen Thema statt. Die wird es sicherlich diesmal wieder geben.

Damals wie heute vertritt Bürgermeister Rübo die Meinung, dass es in Kempen bereits genügend Orte des Erinnerns an die Gräueltaten während der Zeit des Nationalsozialismus gibt. "Unterstützt und getragen von der Bürgerschaft ist in den vergangenen Jahrzehnten eine lebendige Gedenkkultur entstanden, die vorbildhaft ist", sagt Rübo heute. Er erwähnt in diesem Zusammenhang unter anderem die alljährlichen Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar oder zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November. Auch am kommenden Sonntag wollen wieder Kempener Bürger vor dem Mahnmal an der Umstraße - dort, wo einst die jüdische Synagoge stand - derjenigen jüdischen Bürger Kempens gedenken, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind. Mit der behutsamen Restaurierung des jüdischen Friedhofs sei zudem ein besonderer Ort der Stille und der Erinnerung erhalten worden, so Rübo.

Gleichwohl begrüßt der Bürgermeister die neuerliche Initiative für die Verlegung von Stolpersteinen. "Das dokumentiert erneut das in der Bürgerschaft verankerte Anliegen, der Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft zu gedenken, die Zeit des Nationalsozialismus nicht auszublenden, sondern als Teil der Geschichte unserer Stadt Kempen zu begreifen und aus dieser Erkenntnis Verpflichtungen für die Gegenwart und die Zukunft abzuleiten", meint Rübo. Auch wenn die Stadt Kempen "ihren eigenen Weg des Gedenkens an diese Zeit der Entrechtung und Verfolgung gefunden" habe, begrüßt die Stadt weitere Initiativen durchaus. Tatsache ist: Kempen ist eine derjenigen Städte, in denen in den vergangenen Jahren auf verschiedene Weise zur Erinnerung an die Verfolgten und Opfer des Nazi-Regimes beigetragen wurde und noch immer wird. Tatsache ist auch, dass die von dem Kölner Künstler Gunter Demnig kreierten Stolpersteine bereits in vielen anderen Städten und Gemeinden in Deutschland verlegt worden sind. Kritiker dieser Art des Erinnerns - auch in Kempen - halten Demnig vor, dass er seine Stolpersteine mittlerweile zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickelt habe. Die Steine seien nichts Besonderes mehr, weil sie geradezu inflationär auf die Bürgersteige gepflastert würden.

Dieser Tatsache sind sich auch die Initiatoren des neuerlichen Kempener Vorstoßes bewusst. Sie meinen indes: Vor allem jungen Menschen könne man mit Stolpersteinen die Gräueltaten der Nazis in Erinnerung rufen. Denn diese Steine mit den vergoldeten Plaketten sind in der Region und darüber hinaus mittlerweile so weit verbreitet, dass man auch andernorts darüber "stolpert" und sofort weiß, um was es an diesem Ort geht.

Die neue Initiative hat in Kempen bereits zahlreiche Unterstützer gefunden. Nicht nur viele Eltern der Schüler der beiden Gymnasien Thomaeum und Luise-von-Duesberg, des Berufskollegs und der Martinschule oder Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde stehen hinter dem Vorhaben, auch viele Privatpersonen tun dies. Die Initiative "Denk mal an Kempen" unterstützt den Antrag. Zudem haben etliche Politiker aus allen Fraktionen signalisiert, dass sie Patenschaften zur Finanzierung der Stolpersteine übernehmen möchten.

Was in jedem Fall wichtig ist: Junge Menschen, die Kempener Schulen besuchen, setzen sich für ein außergewöhnliches Projekt ein. Es wird so oft mehr bürgerschaftliches Engagement gefordert. Hier zeigt es sich in geradezu vorbildlicher Weise. Das ist aller Ehren wert. Es wird nicht leicht sein, im Falle einer Ablehnung diese jungen Menschen für weitere Projekte zu begeistern. Die Entscheidung ist nicht einfach.

(RP)
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