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Der Unternehmer Friedrich von Diergardt starb 1869 als steinreicher Mann und vorbildlicher Wohltäter

Friedrich von Diergardt : Ein Industriepionier von europäischem Rang

Der Unternehmer Friedrich von Diergardt starb 1869 als steinreicher Mann und vorbildlicher Wohltäter.

Der inzwischen mehr als 90 Jahre alte Viersener Textil-Ingenieur Walter Tillmann hat sich nicht nur mit dem Aufbau der bekannten Textil-Scheune in Hinsbeck bleibende Verdienste erworben, er hat auch namhafte Forschungsergebnisse zur Geschichte der niederrheinischen Textilindustrie vorgelegt. Eine besonders hervorhebenswerte Arbeit ist die Biografie des Freiherrn Friedrich von Diergardt, eines der großen Industriepioniere der heutigen Kreisstadt Viersen. Sie erschien im Jahre 2000 in der Schriftenreihe des Viersener Vereins für Heimatpflege. Anlass, darauf zurückzugreifen, ist der 150. Todestag des Unternehmers am 3. Mai 1869.

Wie so viele Dichter, Wissenschaftler, Theologen und Politiker des 18. und 19. Jahrhunderts entstammte auch Friedrich Diergardt einem protestantischen Pfarrhaus. In evangelischen Moers wurde er am 25. März 1795 geboren. Sein Vater Johann Heinrich, der 1781/82 schon kurze Zeit Pfarrer in Viersen gewesen war, amtierte in Moers als Konsistorialpräsident und war 1804 Gast bei Napoleons Kaiserkrönung in Paris.

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Friedrich Diergardts frühe Jahre, von Tillmann detailliert aufgezeichnet, hier in Auswahl in wenigen Stichworten: 1809 Lehre in der Kolonialwarenhandlung Krupp in Essen, dann 1810 in der Sammetmanufaktur von Friedrich Wilhelm Deussen in Süchteln und Freundschaft mit Theodor Kaentzeler, dem er 1813 bei der Gründung eines Sammetbandgeschäftes in St. Tönis hilft. Noch im selben Jahr Verlegung der Firma nach Süchteln und Beginn der Sammetfabrikation mit Heimwebern. Schon 1816 übernimmt er erst 21-jährig die Firma unter eigenem Namen und verlagert sie nach Viersen zum Alten Markt, wo Diergardt auch seine Wohnung nimmt.

Seine Handelsbeziehungen entwickelten sich rasant. Bald folgten Messebesuche in Russland und der Aufbau von Geschäftsverbindungen mit St. Petersburg und Moskau. 1823 erhielt Diergardt, der sich frühzeitig mit Erfolg um gute Beziehungen zur preußischen Regierung in Berlin bemühte, ein preußisches Patent auf Einführung neu erfundener Geräte für die Anfertigung von doppelt gewebten Sammetbändern. Die Jahre 1825 und 1826 waren gekennzeichnet durch den Beginn seines Handels mit New York und den englischen Kolonien. Eine erste Auszeichnung seiner Produkte auf der Berliner Ausstellung 1827 dokumentierte die Qualität seiner Ware, und seine bald blühenden Englandgeschäfte „schafften die Grundlage des späteren sehr großen Vermögens“ (Tillmann).

Auch vor Industriespionage auf ausgedehnten Englandreisen schreckte er nicht zurück, ja, 1832 gelang es ihm, für das preußische Handelsministerium Seidenbearbeitungsmaschinen herauszuschmuggeln.

Der Zahl seiner Mitarbeiter wuchs bis 1834 auf 1500. Längst war er in der Spitzengruppe der preußischen Industriellen angekommen. Für den Eisenbahnbau von Düsseldorf nach Elberfeld zeichnete er Aktien für 10.000 Taler. Das preußische Kronprinzenpaar besuchte 1836 seine Lehrfabrik in Viersen Rahser. 1844 unterhielt er Geschäftsverbindungen mit den wichtigsten Häfen der Welt. Selbstbewusst, aber gewiss nicht übertrieben, hielt er fest: „Ich darf kühn behaupten, dass meine Sammetfabrik die bedeutendste Europas ist.“ Elf Jahre später beschäftigte er etwa 3000 bis 3200 Menschen.

Die Fülle der ihm zugedachten Preise, Ehrungen und Auszeichnungen kann hier nur summarisch erwähnt werden. Der Höhepunkt folgte1860: Der König von Preußen erhob den Viersener Fabrikanten in den Freiherrenstand.

Sein Reichtum drückte sich vor allem aus im Kauf eines zusammenhängenden Güterkomplexes in den Kreisen Solingen und Mülheim am Rhein mit Schloss Morsbroich, Haus Schlebusch und Haus Schlebuschrath für die gigantische Summe von 700.000 Talern. Gleichzeitig sieht man ihn auf den verschiedensten Gebieten ungemein sozial engagiert.

 Die Grabstätte von Friedrich von Diergardt auf dem Friedhof hinter der evangelischen Kreuzkirche in Viersen.
Die Grabstätte von Friedrich von Diergardt auf dem Friedhof hinter der evangelischen Kreuzkirche in Viersen. Foto: Busch, Franz-Heinrich (bsen)/Busch, Franz Heinrich (bsen)

Gleichsam folgerichtig für einen Mann, der sich auf vielen Gebieten der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung seiner Zeit aktiv und wirkungsvoll betätigte, bekleidete Diergardt wichtige politische Ämter: Abgeordneter auf den Provinziallandtagen, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses und mit der Erhebung in den Freiherrenstand Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit.

Friedrich Freiherr von Diergardt starb auf Schloss Morsbroich und wurde auf dem evangelischen Friedhof von Viersen beigesetzt. In Viersen erinnern der Diergardt-Platz und die Diergardt-Schule an ihn, westlich von Brüggen trägt ein größeres Waldgebiet seinen Namen.

Unternehmer mit großem Verantwortungsbewusstsein