Kempen: Der Mann, der mehr als 700 Anzüge für die Beatles machte

Kempen: Der Mann, der mehr als 700 Anzüge für die Beatles machte

Besuch aus London im Deutschen Textilmuseum. Gordon Millings, der Schneider der Beatles, ist zu Gast bei einer Fachtagung des Netzwerks Mode Textil in Linn. Er hat eine Menge zu erzählen.

Gordon Millings muss nicht lange überlegen, wenn man ihm die Gretchenfrage stellt: Beatles oder Rolling Stones? "Ganz klar die Beatles", sagt er. Dabei ist er auch mit Mick Jagger und Keith Richard auf Tuchfühlung gegangen. Denn die Stones haben sich im Maßatelier Dougie Millings & Son ebenfalls Jacketts schneidern lassen. "Nur für privat", sagt Gordon Millings, der Sohn, der den 1958 gegründeten Betrieb des Vaters übernommen hat. Denn in der Branche bekannt waren die Millings als die Schneider der Beatles. Mehr als 700 Anzüge haben sie für die Liverpooler kreiert.

Foto: Lammertz Thomas

Es war mehr als eine Geschäftsbeziehung, sagt Gordon Millings. Er war nur ein paar Jahre jünger als die Musiker. Sie sind sozusagen gemeinsam groß geworden. Vater Dougie hatte in der Branche den Ruf des Avantgardeschneiders, hatte Tom Jones, Roy Orbison ("ein wirklich feiner Mensch"), Cliff Richards & The Shadows im Auftragsbuch stehen, als der Auftrag kam, den vier Jungs aus Liverpool ein sauberes Outfit zu verpassen. Die Uniformen der Stewards auf den Ozeanriesen der Queen sollten Vorbild sein. So entstanden die typischen adretten Anzüge, die in den frühen Jahren das Markenzeichen der Pilzköpfe waren - und auf die von der Frisur bis zu den maßgefertigten Chelsea-Boots mit dem Elastaneinsatz alles abgestimmt wurde. Die schmalen schwarzen Samt- und Satin-Revers, die einreihigen Knopfleisten, die schmalen Hosen, die so eng saßen, dass sie nicht einmal Taschen hatten, waren richtungsweisend. Später auch die ausgestellten Manschetten, die glänzenden Perlmuttknöpfe. Bevorzugte Farbtöne waren Blau, Schwarz, Grau: "Bunt wurde es erst, nachdem die Beatles in Indien waren."

Millings Augen leuchten, wenn er erzählt, dass Paul Mc Cartney neben der blauen Sgt.-Pepper's-Uniform auch seine Millings-Anzüge immer noch in seinem Londoner Kleiderschrank hängen hat, und sie ihm auch noch "nahezu passen". Textilien, die Geschichte schrieben. Auch wenn heute die Schneiderin, die für Pauls Tochter, die Designerin Stella Mc Cartney, näht, dessen Garderobe fertigt. In der Branche kennt und schätzt man einander. Kein Klatsch und keine Kopien: Die feine englische Art wurde im Hause Millings stets gewahrt. Die Prominenz schätzte das. Zahlreiche Fernsehstars gehörten zu den Kunden. Warren Beatty orderte hier seine schwarzen Hosen, Engelbert Humperdinck und Sammy Davis ihre Anzüge. Auch Madame Tussaud's bestellte eifrig fürs Wachsfigurenkabinett: "Wir haben alle Präsidenten eingekleidet und viele Film- und Showgrößen", sagt Millings.

Eine Sieben-Tage-Woche sei nie die Ausnahme gewesen, erzählt Millings, der sich vor einigen Jahren zu Ruhe gesetzt hat. Mit dem Ruhm der Kunden wuchs auch die Popularität. Das Schneiderzimmer in der ersten Etage im Londoner Künstlerviertel Soho, in dem 1958 alles begann, wurde rasch zu eng. Größere Räume und ein Laden kamen hinzu. Und ein Steinway-Flügel. Gordon Millings erinnert sich, dass José Feliciano und Paul Mc Cartney bei Anproben musiziert haben. Und wenn niemand spielte, wurden auf den Saiten Textilmuster abgelegt und der Deckel geschlossen.

Nein, ein Hit sei im Atelier nicht entstanden, aber die Millings haben historische Momente der Musikgeschichte hautnah erlebt. "Als die Beatles im Pariser Olympia auftraten, ließen sie meinen Vater für eine Anprobe einfliegen. Er wohnte mit der Band im Hotel George V., dem Hotel, in dem Lady Diana ihren letzten Abend verbracht hat. Sein Zimmer war in der Nähe von Pauls Suite, und er hörte ihn auf dem Klavier einen neuen Song komponieren: Das war Yesterday." Sogar zu Filmruhm hat es Dougie Millings gebracht. Er brachte Anzüge ins Filmstudio, wo die Beatles "A Hard Day's Night" drehten. "Weil er später zu einer Beerdigung musste, trug er einen schwarzen Anzug, ein schwarzes Hemd und eine schwarze Krawatte. Paul fand, er sehe so stylish aus, er müsse unbedingt einen Auftritt im Film haben. So sollte mein Vater bei Paul Maß nehmen. Als Paul wegging, kam John ins Bild, der spontan so tat, als zerschneide er das Band und gebe eine Brücke frei. Das hat man dann tatsächlich so gedreht." Zum 50. Jahrestag des Films 2004 hat Sony die noch lebenden Mitwirkenden zu einer Privatvorführung eingeladen. "Ringo ist nicht gekommen, er lebt zurückgezogen in Monaco. Aber Paul war da. Wir haben lange geredet. Er erzählte, das sei das erste Mal gewesen, dass er den Film von Anfang bis Ende gesehen habe." Für Vater Dougie musste seinerzeit ein Filmvertrag aufgesetzt werden: 10 Pfund Gage bekam er für seinen Kurzauftritt, umgerechnet 12 Euro.

"Auch die Beatles wurden nicht überbezahlt damals", findet Millings. Überhaupt gebe es falsche Vorstellungen über Marotten. "Es war ein Wahnsinn, dass sie sich nicht mehr auf öffentlichen Straßen bewegen konnten, weil alles voller kreischender Fans war. Hotels wurden zerstört, weil Liebesbotschaften in Türen und Wände geritzt wurden, Studios wurden belagert. Manchmal konnten auch wir die Türen nicht mehr öffnen. Das war Stress - auch für die Beatles. Es ist natürlich, dass sich Menschen da verändern. Man muss solche Ausnehmsituationen vor Augen haben, wenn man über Allüren redet." Manchmal, sagt Millings, hat er die Beatles in ihre Lieblingsclubs begleitet und auch das eine oder andere Mädchen kennengelernt. Aber lieber erinnert er sich daran, dass er fingerschnippend auf der Platte "Eight Days A Week" verewigt ist. Ein Moment Musik-Ewigkeit.

(RP)