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Corona. Viele Veranstaltungen in der Region abgesagt

Erkrankter Willicher erlebt eine Odyssee : Corona: Viele Veranstaltungen abgesagt

Der Unterricht an der Liebfrauenschule in Mülhausen fiel am Freitag vorsorglich aus. Die Stadt Kempen sagt Kulturveranstaltungen ab. Sportvereine stellen Training ein. Ein Erkrankter aus Willich erhebt schwere Vorwürfe.

Am Freitagmorgen tagten im Viersener Kreishaus und in den Rathäusern die Krisenstäbe. Am Nachmittag meldete der Kreis  zwei weitere  Corona-Fälle: eine Frau, Ende 30, und einen Mann, Anfang 50, beide aus Willich. Damit steigt die Anzahl der Fälle auf aktuell 17 Personen an. Noch am Donnerstag Abend hatte die Schulleitung der Liebfrauenschule in Mülhausen entschieden, den Unterricht in dem Gymnasium am Freitag ausfallen zu lassen. Die Schulleitung hatte das Kreisgesundheitsamt darüber informiert, dass es an der Schule eine Person gibt, die in einem Haushalt mit einer infizierten Person lebt und die Schule noch bis Montag besucht hat. „Die Familie wohnt nicht im Kreis Viersen“, so Kreissprecherin Anja Kühne am Freitagmorgen.

Gleichwohl ist die Liebfrauenschule – wie alle Schulen in Nordrhein-Westfalen – ab Mittwoch bis auf Weiteres geschlossen. Auch die Kindertagesstätten sollen ab dann vorerst nicht mehr öffnen. Die Corona-Epidemie hat seit Freitag erhebliche Auswirkungen auch auf das öffentliche Leben in der Region. Die Stadt Kempen sagte alle Kulturveranstaltungen bis zu den Osterferien vorsorglich ab. „Die Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit. Ersatztermine werden gesucht“, teilte Kempens Stadtsprecher Christoph Dellmans mit. Die Stadt sperrte zudem die Turnhalle in St. Hubert. Damit kann auch der von den Unicef-Kickern des FC St. Hubert für Sonntagnachmittag geplante „Tag des Schülerfußballs“ nicht stattfinden. Der für Donnerstagabend im St. Huberter Forum geplante Blutspende-Termin war vom Roten Kreuz kurzfristig abgesagt worden, die Stadt hatte das Forum gesperrt. Am Freitag entschied die Stadt Kempen zudem, dass alle städtischen Jugendheime bis auf Weiteres geschlossen bleiben.

Etliche Kempener Sportvereine, darunter der SV Thomasstadt, der Turnverein und die Vereinigte Turnerschaft, haben ihren Spiel- und Trainingsbetrieb eingestellt. Aufgrund der Gesundheitsgefährdung sehe sich der Verein zu dieser besonderen Maßnahme gezwungen, teilte der Vorsitzende der Vereinigten Turnerschaft, Detlef Schürmann, mit. „Wir wollen damit helfen, die Infektionskette zu unterbrechen“, sagte Schürmann, der selbst Gesundheitswissenschaftler ist. Die Turnerschaft ist mit knapp 2000 Mitgliedern der größte Sportverein in der Thomasstadt.

Die Mitarbeiter an den Bürgertelefonen beim Kreis Viersen oder bei der Stadt Kempen hatten am Freitag jede Menge zu tun. Das Personal war aufgestockt worden, um der Flut von besorgten Anrufern Herr zu werden.

Und dennoch klappt die Kommunikation nicht immer, wie ein Beispiel aus Willich zeigt.

Fieber, Husten, Gliederschmerzen, Schüttelfrost: Dem 42-jährigen Willicher ging es richtig schlecht, nachdem er am Samstag vergangener Woche aus seinem Ski-Urlaub in Ischgl zurückkam. Auch drei seiner vier Freunde, mit denen er dort war, hatten starke Grippesymptome. „Ich habe anfangs noch halb scherzhaft gesagt, es könnte ja Corona sein“, sagt seine 29-jährige Frau, die in einem medizinischen Labor arbeitet. Am Montag ging ihr Mann zu seinem Hausarzt in Willich, der die Lunge abhörte und die Sauerstoffsättigung im Blut bestimmte – und ihm Gelomyrtol verschrieb und eine Woche krankschrieb. Auf das Coronavirus wurde er nicht getestet.

Seine Frau ließ aber nicht locker und drängte ihn, im Gesundheitsamt anzurufen. Da die beiden nicht wussten, welches Amt zuständig ist, rief er in Krefeld an und wurde dort abgebügelt. Er sei doch schon beim Hausarzt gewesen, und Ischgl sei doch kein Risikogebiet. Wieso er überhaupt anrufe, fragte man ihn. „Ja, Ischgl war Anfang der Woche zwar noch kein offizielles Corona-Risikogebiet. Aber es war schon bekannt, dass sich dort mehrere Leute angesteckt haben“, sagt die 29-Jährige. Wieder rief ihr Mann seinen Hausarzt an, weil er sich auf das Coronavirus testen lassen wollte, wurde aber abgewimmelt. Auch die drei Freunde, die mit in Ischgl waren und Symptome zeigten, gingen zum Arzt, wurden aber ebenfalls nicht getestet. „Das zeigt, wie schlecht die Ärzte geschult sind, was so etwas angeht.“

Am Mittwoch meldete sich dann das Krefelder Gesundheitsamt und bat den 42-Jährigen, einen Abstrich machen zu lassen, da Ischgl nun inzwischen als Risikogebiet eingestuft war. „Wir riefen daraufhin wieder den Hausarzt an, und der war nicht begeistert, hielt einen Test nach wie vor nicht für notwendig“, erzählt die Ehefrau. Der Arzt sei dann aber am Donnerstagmorgen um 8 Uhr „vermummt“ zu ihnen gekommen und habe einen Abstrich gemacht. Schon am Donnerstagnachmittag gab es das Ergebnis: Der Mann ist an Covid-19 erkrankt.

Daraufhin meldete sich auch das Gesundheitsamt des Kreises Viersen und stellte den Mann und seine Frau unter Quarantäne. Auch die Freunde des Mannes wurden kontaktiert und am Freitagmittag getestet. Die Ergebnisse stehen noch aus. Dem 42-Jährigen geht es inzwischen etwas besser, seine Frau ließ von dem Labor, in dem sie arbeitet, einen Test machen. Ihr Test fiel allerdings negativ aus. Am Freitag stellte sich dann allerdings heraus, dass ihr Mann sich nicht nur mit dem Coronavirus, sondern auch mit Influenza infiziert hat. „Ich finde es unverantwortlich, wie wir vom Gesundheitsamt behandelt wurden“, sagt die 29-Jährige, die nun zwei Wochen lang nicht vor die Tür darf. „Für vier Tage haben wir noch Vorräte, und für die Zeit danach haben schon unsere Nachbarn ihre Hilfe angeboten.“