Chorwerk Ruhr und Concerto Köln führten Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ in der Kempener Propsteikirche auf

Kempen : Johannespassion – eine Sternstunde

Chorwerk Ruhr und Concerto Köln führten Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ meisterlich auf. Das Sonderkonzert der Kempener Stiftung „Bürger für Klassik“ wurde in der Propsteikirche ausgerichtet.

Die Pfarrkirche „St. Mariae Geburt“ inmitten der nun 725 Jahre alten, aber erstaunlich jung wirkenden Stadt Kempen konnte die Musikfreunde kaum fassen, die gekommen waren, die „Johannespassion“ in erstklassiger Interpretation zu hören. Mit „Concerto Köln“ und dem „Chorwerk Ruhr“ waren zwei Spitzenensembles der historisch informierten Aufführungspraxis verpflichtet worden.

Johann Sebastian Bach schrieb seine erste große Passion (nach dem Evangelisten Johannes) im Jahre 1724. Dieses Opus stellt den siegenden und nicht (wie in der Matthäuspassion) den leidenden Christus in den Mittelpunkt. Das rund zweistündige, kompakte Werk ist voller Dramatik, vor allem im Mittelteil, der den Prozess Jesu mit den aufgeheizten Einwürfen der Volksmenge ausführlich schildert. Hier könnte der manches Mal verwendete Begriff „Kirchenoper“ passen.

Dreh-und Angelpunkt einer Passionsaufführung ist der Evangelist, und für diesen umfangreichen Part hatten die Veranstalter mit dem aus Heilbronn stammenden Tilman Lichdi eine hervorragende Wahl getroffen. Es ist ein Segen, dass der Sänger seine schon weit fortgeschrittene Trompetenausbildung nicht länger verfolgte und stattdessen bei Prof. Charlotte Lehmann in Würzburg Gesang studierte. Lichdi weiß seinen tragfähigen, an Klangfarben reichen Tenor mit packender Intensität in differenzierten dynamischen Abstufungen einzusetzen – die Zuhörer hingen geradezu an seinen Lippen.

Ihm zur Seite gestaltete der lyrische Bass Tobias Berndt mit vorbildlicher Ausgeglichenheit die Worte Jesu. – Für die Reden des Pilatus brachte der Kroate Kresimir Strazanac die beachtliche Durchschlagskraft seines gepflegten Bassbaritons ein – in den anspruchsvollen Arien zeigte er darüber hinaus bemerkenswerte Stimmschönheit und Flexibilität.

Dem Ideal der Historischen Aufführungspraxis entsprechend, war die Altpartie mit einem Countertenor besetzt. Dafür war der aus der englischen Chortradition hervorgegangene Alex Potter mit stilistischem Einfühlungsvermögen und zupackender Stimmentfaltung („Der Held aus Juda siegt mit Macht“) genau der Richtige.

Die Amerikanerin Robin Johannsen konnte dieser vokalen Extraklasse nicht ganz entsprechen. Ihr heller, höhensicherer Sopran ist leider nicht frei von störenden Härten, darüber hinaus fehlte ihrer zweiten Arie („Zerfließe, mein Herze“) die anteilnehmende Innigkeit und Wärme.

„Concerto Köln“ ist ein mit ausgewählten Solisten besetztes Orchester, das sich wie kaum ein zweites auf die stilsichere Begleitung und die unzähligen solistischen Anforderungen eines solchen Werkes versteht. Fußend auf einer wohlklingenden, stets präsenten Continuogruppe, konnten sich die trefflichen Oboen, die anschmiegsamen Traversflöten, die Gambe und die hohen Streicher – allen voran das Viola d’amore-Duo – prachtvoll entfalten. Die fünfundzwanzig Mitglieder des Edel-Vokalensembles „Chorwerk Ruhr“ sind allesamt Solisten, aber dennoch singen sie wie aus einem Guss – und das, obwohl sie hier gemischt – also nicht nach Stimmen geordnet – aufgestellt waren. Das führte zu einer besonders lebendigen und erfrischenden Wiedergabe. Lupenreine Intonation, reich gestufte Klangentfaltung und klarste Diktion sind selbstverständlich Standard.

Über allem waltete am Pult Florian Helgath, der angesichts der Qualitäten aller Mitwirkenden wenig Mühe hatte, diese faszinierenden interpretatorischen Höhenflüge, die er offensichtlich selbst genießen konnte, zu koordinieren.

Am Schluss dauerte es glücklicherweise eine Weile, bis die Zuhörer wieder in der Wirklichkeit angekommen waren und alle Mitwirkenden mit Beifall überschütteten.

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