Gemeinde Grefrath: "Cabaret" regt zum Nachdenken an

Gemeinde Grefrath : "Cabaret" regt zum Nachdenken an

Das Grefrather Jugendtheater wagte sich mit seinem Musical Cabaret an die dunkle gesellschaftliche Seite des Nazi-Berlins der 1930er Jahre heran. Mit der Thematik hebt es sich von den kuschligen Weihnachtsgeschichten ab.

Dazu gehört schon Mut. Während die Keksteller allerorts prall gefüllt sind, sich am Glühweinstand Menschen in den Armen liegen, die für gewöhnlich nur übereinander sprechen, der Wohlfühlfaktor also groß ist — da kommt das Grefrather Jugendtheater unter der Leitung von Magdalena Bartkowiak mit einem Nazi-Musical daher. "Cabaret" hieß an den drei Abenden dieses Wochenendes in der Albert-Mooren-Halle das Stück und spielt im Berlin der 1930er Jahre. Liebe ist ein zentrales Thema des Plots, der aber immer wieder vom rechtsradikalen gesellschaftlichen Wind jener Tage überlagert wird.

Der junge und noch erfolglose amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw (Simon Esser) reist nach Berlin, um sich von der Kultur des fremden Landes inspirieren zu lassen.. Dort lernt er die englische Sängerin Sally Bowles (Lea Bisek) aus dem Kit-Kat-Club kennen, die genau wie er von zu Hause Reißaus genommen hat. Beide gehen oft zusammen feiern, kommen sich schnell näher und werden schließlich ein Paar. Zeitgleich bandelt auch die Leiterin der Pension (Fräulein Schneider, gespielt von Katrin Ellerwald), in der Bradshaw und Bowles unterkommen, mit einem ihrer Gäste an. Für die damaligen Verhältnisse sollte sich das als unglücklich erweisen, handelt es sich bei ihrem Bräutigam (Samira Zaghdoudi als Herr Schultz) doch um einen Juden. Die Verlobung wird gelöst, Schultz verlässt die Pension, und auch der Liebe von Cliff Bradshaw und Sally Bowles steht zum Finale des Musicals eine ähnliche Bewährungsprobe bevor.

Weil der Erzählstoff des kritischen-grotesken Stücks allein schon brisant genug ist, haben sich die Verantwortlichen des Jugendtheaters auf ein simples Bühnenbild beschränkt. Zu sehen ist die Lokalität des Kit-Kat-Clubs, in dem neben der Pension wesentliche Handlungsstränge des Musicals verlaufen. Als Trenner zwischen den einzelnen Szenen schwingen immer wieder junge Tänzerinnen aus dem Club das Tanzbein. Die wechseln erstaunlich oft ihre kurz geratenen Outfits, die die vielen ehrenamtlichen Tänzer im Hintergrund zusammengetragen haben.

Geschickt folgt der Spagat zwischen deutscher Unrechtsgeschichte und amüsanter Samstagabendunterhaltung. Als es auf der Verlobungsfeier der Pensionsbesitzerin mit dem Juden dessen Konfession auffliegt und die in brauner Uniform teilnehmenden NSDAP-Mitglieder unter den Worten ihre Parteimitglieds Ernst Ludwig (Julian Göbel) zu stampfen beginnen, zieht es sich bei manch einem der rund 250 Zuschauer innerlich zusammen. Wenn da in einem abseitigen Handlungsstrang eine Prostituierte im Pensionszimmer mit immer neuen Freiern auftaucht und die als ihre Neffen, Cousins und Brüder ausgibt, ist das im Gegenteil witzig und kommt gut beim Publikum an.

"Wir wollten uns in diesem Jahr einen schwereren Stoff zumuten als üblich und die Leute auch zum Nachdenken anregen", erzählt Bärbel Ellerwald, die die Jugendlichen als Helferin im Hintergrund unterstützt. Dafür habe man auch bewusst in Kauf genommen, dass ein paar Zuschauer weniger als zu den vergangen Aufführungen kommen. Im Gegensatz zu früheren Stücken steht die Handlung stärker im Vordergrund als der Tanz. Schon im Frühjahr begann das rund 20-köpfige Ensemble mit den Proben für das Musical. An den Feinheiten haben die zwölf bis 18-jährigen Darsteller dann vor allem in den Herbstferien gefeilt.

Heraus gekommen ist eine spannende Aufführung, die, emotional und engagiert auf die Bühne gebracht, den Zuschauer zeitweise vergessen lässt, dass es nur Laien sind, die da spielen. Das spannende Experiment, Unterhaltung mit Geschichte zu verquicken, ist geglückt. Und jetzt bleibt auch noch genug Zeit für den Weihnachtsmarktbummel und die Keksdose.

(HM03)
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