Stadt Kempen: "Bewegende Erlebnisse in Kempen"

Stadt Kempen: "Bewegende Erlebnisse in Kempen"

Am 24. November 2016 nahm die Jüdin Leora Hirsh aus Neuseeland in Kempen an der Verlegung der Stolpersteine zu Ehren ihrer verfolgten Vorfahren teil. Der Jüdischen Gemeinde in Auckland teilte sie kürzlich ihre Eindrücke mit.

In Kempen ist jetzt eine bemerkenswerte Rede angekommen; per E-Mail vom anderen Ende der Welt, aus der neuseeländischen Hauptstadt Auckland. Gehalten hat die Rede Leora Hirsh, Enkelin des Bankkaufmanns Ernst Hirsch. Der wurde am 18. März 1904 in Kempen geboren und emigrierte im September 1938 mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen nach Neuseeland. Am 10. November 1938 -dem Tag, als in Kempen im Zuge der Pogromnacht die Synagoge an der Umstraße in Flammen aufging - kam er auf der Insel an und ließ, um nicht als Deutscher aufzufallen, das "c" in seinem Familiennamen weg. Er war vor der Verfolgung durch die Nazis mit dem Leben davon gekommen. Aber von seinen neun in Kempen lebenden Familienmitgliedern wurden fünf ermordet.

Leora Hirsh hat diese Rede kürzlich zum neuseeländischen Holocaust-Gedenktag vor der Jüdischen Gemeinde in Auckland gehalten. Sie stellt darin dar, wie sie im November vergangenen Jahres zur Verlegung von Stolpersteinen zu Ehren ihrer Familie nach Kempen kam; was sie dabei empfand und erlebte. Ihr Inhalt ist für Kempen - und nicht nur für Kempen! - recht aufschlussreich. Hier wird deutsche Geschichte aus einem ungewohnten Blickwinkel wahrgenommen: aus der Sicht der Nachfahren von Holocaust-Opfern. Im Folgenden die wichtigsten Auszüge, aus dem Englischen übersetzt.

Gegenüber Deutschland, beginnt Leora Hirsh ihre Rede, habe sie bis vor anderthalb Jahren nur Abneigung empfunden, war ihr doch bewusst, dass es Deutsche waren, die einen Teil ihrer Familie umgebracht hatten. Bis sie von einem gewissen Hans (gemeint ist der Kempener Historiker Dr. Hans Kaiser; Red.) aus Kempen, einer kleinen Stadt am Niederrhein, Bilder ihrer Vorfahren geschickt bekam. Die hatte ein Künstler namens Wolfgang Helmrath mit anderen Porträts von Nazi-Verfolgten im Rathaus aufgehängt. Das war im Oktober 2015, und Leora fragte sich: "Was waren das für Menschen? Was für ein Leben haben sie geführt?"

Kurz darauf traf eine zweite Mail aus Kempen ein. Diesmal von einer gewissen Ute (der Kirchenmusikerin Ute Gremmel-Geuchen), die ihr mitteilte, im November des folgenden Jahres würden ihrer verfolgten Familie zu Ehren in der Stadt Stolpersteine verlegt; kleine Gedenksteine, ins Straßenpflaster eingelassen, mit den Namen der Opfer. Nachfahren der Familie Renkes, die die direkten Nachbarn ihrer Familie gewesen waren und ihr zurzeit des "Dritten Reiches" beigestanden hatten, würden die Verlegung sponsern. Ob sie Lust hätte, als Gäste der Stadt Kempen an der Verlegung teilzunehmen? Ohne einen Augenblick zu zögern, beschlossen Leora Hirsh und ihr Mann Fred, rund um den Erdball an den Wohnort ihrer Vorfahren zu reisen - zusammen mit anderen Mitgliedern ihrer Familie, die in Israel und England leben.

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Zwar: Als sie am 23. November 2016 in der kleinen, mittelalterlichen Stadt eintrafen, kamen immer wieder Argwohn und Wut in ihnen hoch. ("At times suspicion and anger bubbled up.") Konnte es nicht sein, dass manche der in den kleinen Läden ausgestellten Kunstgegenstände aus jüdischen Wohnungen geraubt worden waren? ("Were any of the curios in the town antique shop items stolen from Jewish families?") Konnte es nicht sein, dass ältere Passanten, die jetzt an ihnen vorbeigingen, als Kinder gejubelt hatten, als die Nazis in der Pogromnacht zerschlagene Möbel aus den Fenstern auf die Straße geworfen hatten?

"Aber", so fährt Leora Hirsh in ihrer Rede fort, "diese Emotionen der Abwehr zerstreuten sich schnell. Denn wir wurden aufgenommen wie eine Familie, deren Rückkehr man sehnsüchtig erwartet hatte." ("We were treated as cherished family returned.") Zwei Mahnmale in der Stadt - eine Stele am Standort der niedergebrannten Synagoge und eine Tafel am Rathaus - erinnerten an die verfolgten Kempener Juden. Besonders der Text am Rathaus berührte die Gäste: "Sie waren unsere Nachbarn. Sie waren Juden. Sie wurden ausgegrenzt, gedemütigt, verfolgt." Dort waren auch die neun Mitglieder der Familie Hirsch namentlich aufgeführt - der fünf, die die Nazis ermordet hatten, der vier, die entkommen konnten.

Vor allem bewegend war dann die Zeremonie der Stolperstein-Verlegung am Donnerstag, 24. November 2016, wo die Chorklasse des Thomaeums jiddische Lieder sang, Schüler des Luise-von Duesberg- Gymnasiums, des Thomaeums, der Realschule und des Berufskollegs die von ihnen recherchierten Biographien der Nazi-Opfer vortrugen - den Gästen zu Ehren auch auf Englisch - und Bilder von ihnen hochhielten. Vielen der Anwesenden standen Tränen im Gesicht, als Leoras Cousin Freddy Hirsch, der mit seiner Frau Glenda aus London gekommen war, vor dem neuen Kolpinghaus, wo einst das Haus der Familie Hirsch gestanden hatte, das Totengedenken aus dem Kaddish sprach. Ein Empfang, den die jüdischen Gäste im Café Amberg ihren Gastgebern gaben, ein Rundgang auf den Spuren der jüdischen Gemeinde schlossen den Tag ab.

"Es war eine Erfahrung der Versöhnung von beiden Seiten", schließt Leora Hirsh ihren Bericht. "Die Kempener hätten nicht gastfreundlicher, nicht dankbarer sein können für unsere Bereitschaft, an dieser Zeremonie teilzunehmen. Ich fühle jetzt eine Verbundenheit mit dieser kleinen Stadt und bin in der Lage, die heutige Generation von Nazi-Deutschland zu trennen." ("It was a reconciliation experience for both sides. The people of Kempen could not have been more hospitable or grateful for our willingness to participate. I now feel a connection to that little town, and an ability to separate current generation Germany and Nazi Germany.")

(hk-)
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