Gemeinde Grefrath: Bestattungen - eine Kultur im Wandel

Gemeinde Grefrath: Bestattungen - eine Kultur im Wandel

Die Zahl der Sargbestattungen geht zurück, darauf weist Andreas Camps hin. Viele entscheiden sich für eine Feuerbestattung. Zweimal bereits bekam der Grefrather für sein Untrnehmen einen Innovationspreis.

Die Friedhöfe zeigen, was bis vor wenigen Jahrzehnten Normalität am katholisch geprägten Niederrhein war. In Anlehnung an Tod und Auferstehung Christi wurde ein Verstorbener in einen Sarg gebettet und auf dem Friedhof bestattet. Oftmals in einem Familiengrab, das mehrere Generationen umfasste und das in seiner Größe und Ausgestaltung gleich auch Auskunft über den sozialen und gesellschaftlichen Status dieser Familie gab.

Den Beerdigungsritus bestimmte die Kirche. Und der war alles in allem meist ähnlich aufgebaut, bot relativ wenig Raum für Individuelles. Doch all dies gilt heute nicht mehr. "Da findet derzeit ein riesiger Wandel statt", sagt Bestatter Andreas Camps (48) aus Grefrath. Vor zwölf Jahren errichtete er auf der Schaphauser Straße am Grefrather Friedhof ein Bestattungshaus, das bis heute mit seiner Andersartigkeit und Innovationskraft überrascht. Andreas Camps ist ein Pionier seiner Zunft. Zweimal erhielt er für seine Arbeit einen deutschen Innovationspreis. Helle, freundliche Räume empfangen den Besucher. Wasser und Pflanzen setzen lebendige Akzente. In verschiedenen, wohnlich gestalteten Aufbahrungsräumen, die sich "Blauer Salon" oder "Bambusgarten" nennen, können die Angehörigen Tag und Nacht bei ihrem Verstorbenen verweilen und sich allmählich verabschieden.

Viele Verstorbene werden heutzutage kremiert. Foto: Kaiser Wolfgang

Viele entscheiden sich danach für eine Feuerbestattung, circa 60 bis 65 Prozent, schätzt Andreas Camps. Die Feuerbestattung oder Kremation ist nicht neu, sie gab es bereits in Urgesellschaften auf der ganzen Welt. Im Christentum wurde sie jahrhundertelang abgelehnt, was auch mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung von den Toten "am Ende aller Tage" zusammenhing. Bei Katholiken war die Feuerbestattung lange verpönt. Heute wird sie sowohl von der katholischen wie auch von den evangelischen Kirchen toleriert. Realität ist sie eh´ längst.

Andreas Camps kennt die Gründe: Familien sind weit verstreut. Angehörige können und wollen sich nicht, wie es früher üblich war, regelmäßig um die Grabpflege kümmern, die auf Jahrzehnte angelegt ist. Und auch die Kosten dürften eine Rolle spielen. Doch gesetzliche Vorgaben schränken manche Beisetzungswünsche ein. Für Verstorbene, die nicht kremiert wurden, gilt in Deutschland weiterhin der Friedhofszwang. Das bedeutet, dass sie auf öffentlichen Friedhöfen bestattet werden müssen. Nach einer Kremation eröffnen sich andere Varianten. Auch Urnen werden grundsätzlich auf Friedhöfen bestattet. Sie im eigenen Garten zu beerdigen oder im Wohnzimmer aufzustellen, ist nicht erlaubt.

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Möglich sind aber auch eine See- oder Waldbestattung der Urne. Wichtig ist aus Sicht des Bestatters aber weiterhin ein Ort, an den sich die Trauer richten kann. "Eine anonyme Bestattung, das ist, als hätte der Verstorbene keinen Namen gehabt, als hätte er nie gelebt", gibt er zu bedenken. Ein Gang auf den Grefrather Friedhof zeigt, wie Urnen bestattet werden. Andreas Camps zeigt Urnengräber, die den üblichen Reihengräbern in kleinerer Form entsprechen. Und er verweist auf ein großes gemeinschaftliches Urnengrabfeld, dessen Pflege das Bestattungshaus übernimmt. Lediglich kleine Namensschilder an der Einfassung weisen auf die dort Bestatteten hin.

Eine weitere Form, die inzwischen sehr an Beliebtheit gewonnen hat, ist die Aufstellung der Urnen in Kolumbarien, eine ebenfalls alte Form, die schon die Römer praktiziert haben. Viele Kirchen wurde bereits in Urnenbegräbnisstätten umgewandelt, so auch in Krefeld, Viersen, Mönchengladbach und Aachen. Camps hat im Jahr 2016 die Grefrather Friedhofskapelle von der Gemeinde übernommen und in den Nebenräumen ein Kolumbarium eingerichtet, das er in Anlehnung an den Architekten der Kapelle "Haus Heribert" genannt hat. Etwa die Hälfte aller 160 Plätze sind bereits belegt. In Stellwänden sind Nischen eingearbeitet. Hinter Glas sind die Urnen zu sehen. Die Angehörigen haben kleine Engel, Herzen, Bilder oder sonstige persönliche Erinnerungsgegenstände dort mit hineingelegt. An jeder Urne ist eine kleine Tafel angebracht, die Auskunft über den Verstorbenen gibt und ein Foto von ihm zeigt. Blumen und elektronische Grablichter stehen auf dem Boden. Hier findet eben all das statt, was auch auf dem benachbarten Friedhof am Grab eines Angehörigen geschieht. Nur, dass es in den überdachten und geschlossenen Räumen immer trocken und warm ist. Einem Mann, der täglich mehrere Stunden vor der Urne seiner Frau verweilt, hat Andreas Camps eigens einen restaurierten alten Ohrensessel aufstellen lassen.

Camps ist gelernter Tischlermeister. Er hat eine Affinität zu alten Gegenständen, sammelt antiquarische Bücher und Möbel. Die Friedhofskapelle aus den 1960èr-Jahren hat er in ihrer ungewöhnlichen Architektur und mit ihren kunstvollen Glasarbeiten behutsam und fachgerecht restauriert. Denn bei allem Innovationsdrang, den er in sich verspürt, geht es ihm auch um das Bewahren von wertvollem Kulturgut, auch im Bestattungswesen. "Wir müssen das Alte mitnehmen, sonst geht vieles verloren", findet er.

(evs)
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