Beitrag von Hans Kaiser zum Volkstrauertag in Kempen

Volkstrauertag : Opfer-Gedenken statt Helden-Verehrung

Sie sind nahezu vergessen: Die sieben Monumente, die – über die Kempener Innenstadt verstreut – an die Toten der vergangenen Kriege erinnern. Einige von ihnen verherrlichen den Krieg, sprechen sie doch von „Helden“. Trotzdem sind sie Zeugnisse unserer Geschichte. Eine Betrachtung zum Volkstrauertag.

Kempens Gedenkkultur ist 107 Jahre alt. Am Sonntag, 7. Juli 1912, wurde auf dem Marktplatz der St.-Georgs-Brunnen eingeweiht – als Denkmal zu Ehren der Kempener Soldaten, die an den drei Kriegen teilgenommen hatten, durch die Deutschland geeint worden war: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich, 1870/71 gegen Frankreich. Eingemeißelt sind hier die Namen von acht Kempenern und acht Schmalbroichern, mit denen die Stadt Kempen, wie es auf dem Denkmal heißt, „ihre für das Vaterland gefallenen Söhne“ ehrte. Der Beschluss zur Errichtung des Denkmals war ein Jahr zuvor gefasst worden, als zum 40. Mal der „Sedanstag“ begangen wurde – der Gedenktag an die Schlacht bei Sedan. Sie hatte am 2. September 1870 den entscheidenden Sieg der Deutschen über den französischen, wie man das damals nannte, „Erbfeind“ gebracht.

Der Georgs-Brunnen war jedoch nicht als Mahnmal gedacht, sondern als Siegessäule: als „Sinnbild furchtlosen Kriegermutes“, wie es damals in den Festreden hieß. Denn St. Georg, der das Böse in Gestalt des Drachen besiegt, galt in der frommen Stadt Kempen als Soldat Christi, als Identifikationsfigur der Krieger. Deshalb versammelten sich auch alljährlich die Wehrpflichtigen, wenn sie durch die vorangegangene Musterung in der Gaststätte Platen Ecke Peterstraße/Umstraße für „tauglich“, das heißt, zu „vollwertigen Männern“ erklärt worden waren, zu Füßen des streitbaren Heiligen zum Erinnerungsfoto. Bei den Paraden, die die sechs Kempener Kriegervereine zu festlichen Anlässen veranstalteten, nahmen militärische Größen am Georgsbrunnen den krachenden Vorbeimarsch der farbenprächtig uniformierten Stechschritt-Kolonnen ab.

Alljährlich versammelten sich früher die Wehrpflichtigen, die für „tauglich“ befunden worden waren, zum Erinnerungsfoto am Georgsbrunnen. Foto: Kreisarchiv Viersen

Nach dem 1918 zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieg wurde in der Weimarer Republik der Volkstrauertag eingeführt. Nun wurde der Georgsbrunnen zum Ziel der Ehrenabordnungen, die hier ab 1926 in nachdenklichen Feiern der Gefallenen gedachten – alljährlich am Sonntag Reminiscere, dem fünften Sonntag vor Ostern. Acht Jahre später änderte sich das friedliche Bild. 1934 wurde der Volkstrauertag von den Nationalsozialisten militarisiert – zum „Heldengedenktag“. Dessen Aufgabe war nun, das sinnlose Sterben des Weltkrieges zu glorifizieren. Alljährlich fand unter der Hakenkreuzfahne ein Aufmarsch der SA, anderer Parteiformationen und der Kriegervereine am Ehrenmal statt. Anschließend folgte, meist eingeleitet von den schmetternden Klängen des Badenweiler Marschs, eine militärisch gestaltete Feierstunde in einem Kempener Saal. Die Anwesenheit des Reichsarbeitsdienstes in der Kreisstadt Kempen seit 1936 steigerte den Feieraufwand mit Zapfenstreich und aufwändigen Fahnenaufmärschen.

Der Gedenkstein der Kolpingsfamilie am Hessenring. Foto: Hans Kaiser

Die europäische Geschichte lieferte den Kempenern weitere Anlässe, für das Vaterland zu sterben – und Gefallene zu ehren. 1912 war der städtische Georgsbrunnen errichtet worden, zwei Jahre später brach der Erste Weltkrieg los, 1918 ging er zu Ende. Bereits 1921 stellte die Kempener Kolpingfamilie im Garten des Gesellenhauses einen Reliefstein für die 1914-18 umgekommenen Kolpingsöhne auf, hergestellt von den Kempener Steinmetzen Fritz und Bernhard Messing. Er zeigt unter der Überschrift „Unseren toten Helden gewidmet“ einen gekreuzigten Christus, flankiert von einem Soldaten und einem Wandergesellen. Nach dem Abbruch des Hauses im Jahre 1981 bekam das Ehrenmal einen neuen Platz in der Nähe des heutigen Kolpinghauses in der Grünanlage am Hessenwall. Regelmäßig am 4. Dezember, dem Todestag Adolph Kolpings, sucht die Kolpingfamilie ihren Stein auf.

Am Volkstrauertag 2012 wurden an der Kempener Burg 18 Gedenktafeln eingeweiht, die 676 Namen von Opfern des Zweiten Weltkriegs zeigen. Foto: Hans Kaiser

Ein weiterer Kempener Verein, die Vereinigte Turnerschaft, errichtete 1922 für seine gefallenen Mitglieder einen Gedenkstein zu Füßen der Burg. Kurz bevor 1938 der Wassergraben um die Burg durch den Reichsarbeitsdienst saniert wurde, wanderte das Turner-Mal auf den Sportplatz, den Ludwig-Jahn-Platz, wo es heute noch steht und wenig öffentliche Beachtung findet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Text aktualisiert: Die Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden durch die Inschrift ersetzt: „Unseren Helden zur Ehre/1914-1918/1939-1945“. „Helden“ zu ehren entsprach dem damaligen Bewusstsein.

Das Rübsam-Relief wurde 1978 aus der Kempener Paterskirche entfernt. Foto: Hans Kaiser

Im Juli 1925 stellte der tief religiöse Bildhauer Jupp Rübsam, später ein Vorkämpfer gegen die Nazis, in der Paterskirche neben der Tür ein Ehrenmal für die gefallenen Seminaristen des katholischen Lehrerseminars zu Kempen auf. Es zeigt den auferstandenen Erlöser mit einem am Boden liegenden Soldaten. Heute steht das bemerkenswerte Kunstwerk im Abseits eines Innenhofes, quasi unzugänglich und ganz verborgen an der Außenwand der Paterskirche. Schade – denn seine Aussage ist nach wie vor aktuell. Sein künstlerischer Wert ist beeindruckend.

1940 wurde der Granitkubus zum Gedenken an die „Helden“ des Ersten Weltkrieges mit militärischen Ehren an der Burg seiner Bestimmung übergeben. Foto: Hans Kaiser

Eine Gedenkstätte für die gesamte Stadt Kempen stand noch aus. Erst nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 kamen Anregungen, vor der Burg ein Ehrenmal zu errichte, das freilich nicht zur Trauer aufrufen sollte, sondern dem Zeitgeist entsprechend zum Stolz auf die gefallenen Heldensöhne. Seine Einweihung fand am „Heldengedenktag“, 10. März 1940, statt. Die Zeremonie wurde mit militärischem Pomp durch Offiziere und Soldaten der 30. Infanteriedivision gestaltet. Deren Einheiten bereiteten sich gerade in und um Kempen auf den Überfall auf die neutralen Niederlande vor. Zum Ehrenmal vor der Burg marschierten bis zum Ende des „Dritten Reiches“ jedes Jahr am 9. November die Kempener Nationalsozialisten, um der Toten des Münch’ner Hitlerputsches von 1923 zu gedenken. Hier wurden auch die Hitlerjungen der Kempener Feuerwehr, die die an die Front gegangenen erwachsenen Wehrmänner ersetzen sollten, auf den „Führer“ vereidigt.

Der Gedenkstein an der Ecke Ellenstraße/Möhlenring. Foto: Kreisarchiv Viersen

Nach dem Krieg fanden dort die Gedenkfeiern zum Volkstrauertag statt. Dabei sah man nicht die Gefahr, dass man unter dem Leitmotiv „Den Helden des Weltkrieges“ eine Heroisierung des Krieges übernahm, der man sich eigentlich nicht mehr anschließen wollte.

Gedenkstein der Turnerschaft am Sportplatz Ludwig-Jahn-Straße. Foto: Hans Kaiser

54 Jahre mussten vergehen, bis man in Kempen das nationalsozialistisch inspirierte Krieger-Ehrenmal erklärungsbedürftig fand. Umgestalten wollte man die Anlage nicht, denn mittlerweile war sie ja selbst zum Denkmal geworden – wenn auch einer düsteren Zeit. Daher ist auf einer Bild-Text-Tafel neben dem NS-Basaltblock unter dem zerschossenen Gesicht eines Soldaten ein Kommentar zu lesen: „In keinem Krieg gibt es Helden. Es gibt nur Opfer. Die Stadt Kempen am 17. September 1995.“ Durch Vandalismus ist die Tafel seit geraumer Zeit lädiert. Um sie wiederherzustellen, geschieht bislang nichts. Immerhin hat in der letzten Denkmalausschuss-Sitzung am 30. September die Verwaltung zugesagt, sich darum zu kümmern. Abwarten, ob das was bringt.

Und die Toten des Zweiten Weltkrieges? Erst 1960, am Tag der deutschen Einheit, dem 17. Juni, weihte der Kempener Heimkehrerverband an der Stelle, wo am 10. Februar 1945 das Zentrum des schwersten Luftrangriffs auf die Stadt gelegen hatte – an der Mündung der Ellenstraße zum Möhlenring hin – einen schlichten Gedenkstein ein. Er erinnert an alle Toten des Zweiten Weltkrieges und auch an die Opfer des Aufstandes vom 17. Juni 1953 in der damaligen DDR. Vom Begriff „Helden“ war man mittlerweile abgekommen.

Am Volkstrauertag 2012 schließlich wurden vor der Burg durch eine Bürgerinitiative unter Leitung des mittlerweile verstorbenen Metzgermeisters Robert Koth 18 Gedenktafeln eingeweiht, die die 676 Opfer des Zweiten Weltkriegs ganz konkret mit ihren Namen und Daten dokumentieren. Wobei vom Gedenkstein am Möhlenring die Inschrift „Euer Opfer sei uns Mahnung zum Frieden“ übernommen wurde.