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Beim Public Viewing in der Kempener Altstadt

Kempen : Auf Euphorie folgt Trauerstimmung

In der Kempener Altstadt war es am Mittwochnachmittag so ruhig wie sonst nur am Rosemontag, wenn es keinen Karnevalszug gibt. Beim Public Viewing vor den Kneipen waren die Fans am Ende maßlos enttäuscht.

Bis zum Anpfiff ist noch eine halbe Stunde, trotzdem gibt es kaum noch freie Plätze in der Außengastronomie an der Peterstraße in der Kempener Altstadt. Ob bei „Mauli’s“, „Thomas-Schänke“, „Jeany’s´“ oder „Venga“, die herausgestellten Stühle und Bänke sind mit fußballbegeisterten Gästen besetzt. Eine Girlande mit kleinen Deutschland-Fahnen spannt sich quer über die Straße. Deutschland-Wimpeln flattern an Markisen, schwarz-rot-goldene Fahnen dekorieren Eingänge. Auch die Gäste tragen die Nationalfarben stolz zur Schau. Die drei Steifen sind auf Gesichtern zu sehen, sind als Schals oder Blumenketten um den Hals gewickelt und werden als Schweißbänder an den Handgelenken getragen. Plüschhüte mit Fußbällen zieren Köpfe und auf den Tischen liegen Tröten und Handklappern.

„Wir müssen schließlich auch von hier aus anfeuern“, grinst Stefan. Fernseher stehen im Freien oder in den geöffneten Fenstern der Gaststätten. Wobei die draußen aufgebauten Modelle teilweise mit Sonnenschirmen geschützt sind, damit das Geschehen auf der Mattscheibe gut verfolgt werden kann. Die Vorberichterstattung für das Spiel Deutschland – Südkorea läuft bereits.

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Es herrscht eine lockere Stimmung. Es wird gefachsimpelt, wie das Spiel ausgehen wird, was die Mannschaftsausstellung betrifft und warum das erste deutsche WM-Spiel mit einer Niederlage endete. Getränke stehen auf den Tischen und der ein oder andere gönnt sich noch etwas Leckeres zu essen. „Wer weiß, wie das Spiel ausgeht. Nachher ist mir vielleicht der Appetit vergangen. Außerdem braucht Bier eine Unterlage“, meint Tom mit einem Augenzwinkern. Aber nicht nur die Peterstraße hat sich in eine große Fanmeile verwandelt. Der Buttermarkt bietet das gleiche Bild. Im „ManyThron“ steht ein großer Flachbildschirm im Lokal, während es sich die Besucher draußen an den Bierzeltgarnituren und auf den Stühlen bequem machen. „Das Wetter ist herrlich und eine solche Atmosphäre wie hier kann man daheim nicht erreichen“, sagt Daniela, die zu der Menge von Zuschauern gehört, die vor dem „Markt-Grill“ und dem „Falko“ sitzen. Gleich sieben Fernseher sind hier aufgebaut.

 Auch auf der Peterstraße in der Altstadt wie hier am „Mauli’s“ verfolgen die Fans das Spiel. Anfangs ist die Euphorie groß.
Auch auf der Peterstraße in der Altstadt wie hier am „Mauli’s“ verfolgen die Fans das Spiel. Anfangs ist die Euphorie groß. Foto: Wolfgang Kaiser

Selbst im fernsehfreien „Eiscafé Brustolon“ verpasst niemand das Spiel. Man wird von den Nachbarn mitbeschallt. Wobei es hier den ein oder anderen gibt, der mit Fußball nichts zu tun hat. „Ich habe gar nicht daran gedacht, dass Deutschland spielt“, sagt eine ältere Besucherin, die das ganze Fußballgewusel etwas kopfschüttelnd verfolgt. In der Außengastronomie vom „Café Peerbooms“ haben sich alle in Richtung Buttermarkt gesetzt und selbst die Bänke um die Bäume auf dem Buttermarkt sind besetzt. An einem eigens aufgebauten Grill wird die „Stadionwurst“ für 2,50 Euro verkauft und so mancher tauscht noch schnell seine Euro gegen Coins ein, denn die werden beim „Markt-Grill“ zum Bezahlen benötigt.

Dann ist es endlich soweit: Der Anpfiff erfolgt. Die ersten Trötenklänge dröhnen über den Buttermarkt. Das Spiel reißt alle in seinen Bann. „Ich kann es mir gar nicht vorstellen, dass Deutschland nicht weiterkommt“, sagt Sven, der sich eigens einen Urlaubstag genommen hat, um Fußball mit Flair in der Kempener Innenstadt zu genießen. Bei aller lockeren Stimmung ist mit zunehmender Spieldauer auch erhöhte Anspannung  spürbar, zumal die erste Halbzeit torlos endet. Sorgenvolle Blicke machen die Runde. „Ich habe mit einem anderen Ergebnis bis zur Halbzeit gerechnet“, sagt Corinna. Südkorea scheine sich als ernstzunehmender Gegner zu präsentieren, schließt sich Thomas an.

Das Ergebnis des gleichzeitig laufenden Spiels Schweden – Mexiko, das auf den Bildschirmen eingeblendet wird, sorgt nicht gerade für bessere Stimmung. Schweden hat ein Tor geschossen, dem kurze Zeit später sowohl der zweite als auch der dritte Treffer folgen. Inzwischen macht sich Resignation breit. „Jetzt kann uns nur noch ein Wunder helfen“, seufzt ein Besucher wenige Minuten vor dem Abpfiff. Der Torschuss von Korea lässt alle Fans aufspringen. „Abseits, Abseits“, werden Rufe laut. Doch es kommt noch schlimmer. Mit entsetzten Blicken nehmen die Zuschauer das 2:0 für Südkorea wahr. Das Aus für Deutschland.