Stadt Kempen: Baurecht contra Denkmalschutz

Stadt Kempen: Baurecht contra Denkmalschutz

Im aktuellen Fall des geplanten Neubaus an der Ellenstraße in Kempen wird deutlich, dass Denkmalschutz sehr schnell an rechtliche Grenzen stoßen kann. Umgekehrt kann Denkmalschutz auch sehr hinderlich sein. Eine Analyse.

In Kempen ist mal wieder eine Diskussion um den Wert von Denkmalschutz entbrannt. Aktuell gibt es zwei Fälle, an denen sich Befürworter und Gegner reiben. Im ersten Fall scheint zumindest die Haltung der Kempener Politik eindeutig: Der Denkmalausschuss hat in seiner Sitzung am Montagabend einstimmig das geplante Bauvorhaben an der Ellenstraße 15 abgelehnt. Die Stadt wurde beauftragt, in Gesprächen mit dem Investor eine geänderte Planung zu erreichen. Der Investor will das bestehende Wohn- und Geschäftshaus abreißen lassen und durch ein neues, deutlich höheres ersetzen. Dieses würde den benachbarten Neubau, der zur Ecke Hessenwall hin entstanden ist, überragen.

Kritik an dem Vorhaben wurde vom Denkmalamt des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) laut. Der geplante Neubau sei zu hoch, so das klare Urteil. Aus Sicht der Stadt bewegt sich der Neubau innerhalb der Grenzen des Bebauungsplanes. Aus Sicht der Politik ist er zu hoch. Das für den benachbarten Neubaukomplex auf dem ehemaligen Heitzer-Areal in einem aufwendigen Workshopverfahren erzielte Ergebnis, an dieser Stelle allenfalls eine zweigeschossige Bebauung zuzulassen, würde in der Tat ad absurdum geführt, ließe man den Investor an der Ellenstraße 15 gewähren. Für den gesamten Bereich der südwestlichen Ellenstraße dürfe es nur eine zweigeschossige Bebauung geben, betonen die Fraktionen unisono - auch mit Blick auf eine künftig anstehende neue Bebauung der Von-Broich-Passage. Auch wenn es wohl noch keine konkreten Pläne gibt, ist längst bekannt, dass auch dieser Komplex in absehbarer Zeit einem Neubau weichen wird. Und auch hier wird der Investor die Möglichkeiten des geltenden Bebauungsplans ausschöpfen wollen.

Wie der neue Technische Beigeordnete der Stadt, Marcus Beyer, im Denkmalausschuss betonte, könne die Stadt angesichts des geltenden Baurechts eine dreigeschossige Bebauung an der Ellenstraße nicht verbieten, zumal im Umfeld der Bestand teilweise sogar viergeschossig sei. Beyer sieht die Politik am Zug. Sie müsse die Bebauungspläne, die größtenteils aus der Zeit der Altstadtsanierung in den 1960er- und 1970er-Jahren stammen, auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls ändern. Die Denkmalbereichssatzung für die Altstadt bliebe davon wohl unberührt.

Stichwort Denkmalschutz: Der ist aus Sicht der LVR-Experten für die gesamte Kempener Altstadt von großer Bedeutung. Er bezieht sich dabei nicht nur auf historisch alte Bausubstanz, sondern auch auf Gebäude jüngeren Datums. Das Rathaus am Buttermarkt ist mittlerweile auch schon 50 Jahre alt. Aus Sicht der Experten hat es als typisches Verwaltungsgebäude aus den 1960er-Jahren ebenfalls einen besonderen Denkmalwert. Das bescheinigen die LVR-Gutachter der Stadt in einer vorläufigen Expertise.

Wie berichtet hat das LVR-Denkmalamt das Rathaus in den vergangenen Monaten besonders unter die Lupe genommen. Noch steht das Gebäude, das von der Architektengemeinschaft Heinz Cobbers (Kempen) und Heinz Döhmen (Viersen) geplant und am 21. Mai 1967 feierlich eingeweiht wurde, nicht unter Denkmalschutz. Aber die Experten meinen, dass auch Gebäude aus den 1960er, 1970er- oder 1980er-Jahren schon einen Denkmalwert haben. Im konkreten Fall des Rathauses gehen die Gutachter nicht nur vom äußeren Etscheinungsbild aus. Auch die Raumaufteilung im Inneren sei typisch für die Entstehungszeit und daher von besonderem historischen Wert.

Ob das Rathaus unter Denkmalschutz gestellt wird, darüber entscheidet der Stadtrat. Einer entsprechenden Expertise des LVR wird sich die Stadt aber nicht entziehen können. Der Weg zur Unterschutzstellung der ehemaligen Tönisberger Zeche mag da mahnendes Vorbild sein.

Sollte das Rathaus in die Denkmalliste eingetragen werden, könnte die Stadt Schwierigkeiten mit der geplanten Sanierung und Modernisierung des Gebäudes bekommen. Dazu gibt es bislang noch keine konkrete Planung, nur eine Absichtserklärung der Politik. Ziel ist es, das Rathaus auch im Inneren so umzugestalten, dass die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter deutlich besser werden.

(RP)