Kempen: Als die Synagoge brannte

Kempen: Als die Synagoge brannte

10.November 1938: Vor 70 Jahren lief auch in Kempen und Grefrath der Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung ab – die vom Volksmund so genannte „Reichskristallnacht“. Die historischen Ereignisse in Kempen im Überblick.

10. November 1938: Vor 70 Jahren lief auch in Kempen und Grefrath der Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung ab – die vom Volksmund so genannte „Reichskristallnacht“. Die historischen Ereignisse in Kempen im Überblick.

kempen/grefrath (RP) In Kempen ist damals das Arbeitsamt an der Wiesenstraße der inoffizielle Stützpunkt der SA. Dort hat am 10. November, einen Tag nach dem Pogrom im Reich, um 8.45 Uhr der Kempener Polizeichef, Leutnant Walter Rummler, angerufen: SA-Sturmführer Ernst Sipmann soll ihm Unterstützung leisten. Anschließend hat Rummler Bürgermeister Dr. Gustav Mertens informiert. Nach einer gemeinsamen Einsatzbesprechung im damaligen Rathaus, dem Haus Herfeldt/Engerstraße (heute Commerzbank), machen Polizisten und SA-Leute sich an die Durchsuchung der jüdischen Wohnungen und Geschäfte. „Aufräumen, aber nicht so zärtlich!“ hat der Polizeichef befohlen. So wird das Mobiliar überall gründlich zerstört.

  • Novemberprogrome : 1938 - organisierte Gewalt gegen jüdische Bevölkerung

Der korpulente Sturmführer Sipmann läuft vorneweg. In der Hand hält er den silbernen Gebetsweiser-Stab, den er in der Synagoge geraubt hat. Überall dort, wo demoliert werden soll, schlägt er mit dem sakralen Gegenstand die Fenster ein. Kurz zuvor hat er mit Hilfe mehrerer SA-Leute und eines Kempener SS-Manns die Synagoge in Brand gesetzt. Als Brandsatz dienen Bänke der benachbarten jüdischen Schule. Als um 10 Uhr die Brandsirene heult, die Feuerwehr aber nicht löschen darf, stehen Hunderte von Menschen vor der Synagoge und verfolgen schweigend das Geschehen. Vorsichtshalber hat man die Gasleitung zur Synagoge abgestellt, um die benachbarten Häuser nicht zu gefährden. Heute noch wird in Kempen die Ansicht vertreten, dass die Ausschreitungen größtenteils von Auswärtigen verübt wurden. Aktenkundig ist, dass in Kempen Ansässige beteiligt waren. Als wäre nichts geschehen, zieht am Abend der Martinszug durch die Stadt. Es regnet. Als die Kinder in der Umstraße die zerschlagenen Waren der Kolonialwarenhändlerin Linchen Winter noch auf der Straße liegen sehen, stockt der Zug. Aber vor der Synagoge, die noch qualmt, stehen Kempener Feuerwehrleute auf Brandwache und rufen: „Weiter gehen! Weiter singen!“

Die 25 männlichen Juden sind im Polizeigefängnis Umstraße unmittelbar neben der Synagoge eingepfercht worden, von wo sie das Feuer und das Krachen der einstürzenden Balken verfolgt haben. Am nächsten Tag bringt man sie in die Anrather Strafanstalt und am 16. November in das KZ Dachau. Erst im Januar kommen sie frei – gegen Entrichtung von „Lösegeld“. Im Pkw fahren ein Polizeiwachtmeister und vier SA-Leute nach St. Hubert und verwüsten auch dort die jüdischen Wohnungen. Im Gegensatz zur Kreisstadt Kempen, wo es damals noch eine jüdische Gemeinde mit etwa 55 Mitgliedern gab, wurden die kleineren Orte mit geringer jüdischer Einwohnerschaft außen vor gelassen – sie boten wohl nicht genug Publikum. In Grefrath werfen Jungvolk-Pimpfe Fensterscheiben von Juden ein, zum Beispiel auch dem Viehhändler Alfred Levy (später Tankstelle Kox/ Mülhauser Straße). In Oedt an der Hochstraße wohnen die Geschwister Goldschmidt und die Witwe Willner, ältere Leute, die hohes Ansehen genießen. Sie bleiben unbehelligt.

(RP)
Mehr von RP ONLINE