Serie - Kempens schwärzester Tag (2): Als die Stadt in Trümmern lag

Serie - Kempens schwärzester Tag (2): Als die Stadt in Trümmern lag

90 Menschenleben hat heute vor 70 Jahren der schwerste Angriff auf Kempen gefordert. Stellvertretend für alle, die damals ums Leben kamen, schildern wir das Schicksal einiger Einwohner, deren Häuser im Zentrum der Bomben lagen.

KEMPEN Die 41 A 26-Bomber haben ihren Angriff von Nordwesten aus angesetzt, aus Richtung Ziegelheide. Die erste Sprengbombe trifft um 15:06 Uhr den kleinen evangelischen Friedhof an der Kerkener Straße, schräg gegenüber von der evangelischen Kirche. Drei Bomben explodieren um das Pfarrhaus, richten an ihm und an der Kirche schwere Beschädigungen an, decken die Dächer ab. In den nächsten drei Minuten werden 90 Menschen getötet: 83 Zivilisten, davon sind 73 deutsche Einwohner Kempens; sieben sind Ausländer, größtenteils in und um Kempen wohnhafte "Fremdarbeiter": fünf Niederländer, zwei Russen. Dazu kommen vier Menschen aus Nachbarorten, aus Aldekerk, Hüls, Lobberich und aus Wachtendonk, und sechs auswärtige Soldaten. Somit hat Kempens schwerster Bombenangriff mindestens 90 Menschenleben gekostet.

Allein in der Bäckerei Lintermanns, Ellenstraße 24, sterben fünf Mitglieder der Besitzerfamilie. Auch die vier Kunden, die sich gerade im Verkaufsraum aufhalten, werden getötet. Insgesamt kommen auf dem Abschnitt der Ellenstraße vom Ring bis zur Josefstraße (jetzt Arnold-Janssen-Straße) mehr als 20 Menschen ums Leben. Heute noch gedenkt die Straßengemeinschaft Ellenstraße jedes Jahr in einem Gottesdienst am 10. Februar dieser Toten.

Elf Tote gibt es allein im Haus Mülhauser Straße 2. In seinem Erdgeschoss haben die Brinks Zuflucht gefunden, ein älteres Ehepaar, das in Krefeld ausgebombt worden ist. Ebenfalls unten wohnt eine ältere Frau, "Oma Erhard", deren Tochter Anna Meisenberg (38) wegen der besonderen Luftgefahr um den Bahnhof zur Mutter an die Mülhauser Straße ausgewichen ist.

Samstag Nachmittag, 15 Uhr: Noch bevor die Sirenen aufheulen, dröhnen schwere Flugzeugmotoren. Nur die beiden Enkelinnen der Frau Erhard, Irmgard und Irene, elf und 13 Jahre alt, haben kurz vorher zufällig das Haus verlassen. Dann ist der Angriff vorbei, die Mädchen kehren zurück aus dem öffentlichen Luftschutzkeller - und wo vorher die Wohnung der Großmutter gelegen hat, sind nur noch Trümmer. Ein Volltreffer hat das Haus Mülhauser Straße 2 ausgelöscht. Die Kinder sind verwaist. Oma Maria Erhard, Vater, Mutter und der kleine Bruder Friedhelm (3) liegen tot unter dem Schutt des Bombentrichters (dazu der Bericht von Irene Funken geborene Meisenberg im nebenstehenden Kasten). Tot sind auch die Eheleute Brinks; ausgebombt in Krefeld, von Bomben getötet in Kempen.

Ebenfalls ums Leben gekommen ist der Schreinermeister Heinrich Reinders, der auf der anderen Straßenseite wohnt: Mülhauser Straße 3. Durch den Angriff aufgeschreckt, will er auf dem Weg von einer Arbeit in der nahe gelegenen Ziegelheide so schnell wie möglich nach Hause gelangen. Um abzukürzen, durchquert er das Haus Mülhauser Straße2. Im Hausflur ereilt ihn die Tod bringende Explosion. Seine Frau hat bereits den jüngeren Sohn und den Schwiegersohn an der Front verloren, und dies ist in der Familie der dritte Tote, den ihr ein unsinniger Krieg abverlangt.

Im zweiten Stock des Hauses wohnt mit drei Kindern die Kriegerwitwe Käthe Rankers (später Weeger). Ihr Mann, der Obergefreite Franz Rankers, ist Ende August 1942 im Alter von 38 Jahren beim Vormarsch auf Stalingrad gefallen. An diesem Samstag wartet sie wie viele andere Kempener auf eine Pause in der ständigen Fliegergefahr, um fürs Wochenende Lebensmittel einzukaufen. Als um halb drei der Luftschutz-Drahtfunk für den Raum Düsseldorf Entwarnung meldet, setzt sie die Kleinen in den mit Betten und Spielzeug ausgestatteten Luftschutzkeller: die zweijährige Annemie, ihren Sohn Heinz, der an diesem Tag gerade sechs Jahre alt geworden ist, und die neunjährige Berti.

  • Serie Kempens Schwärzester Tag (2) : Bei der Bombardierung die Familie verloren

Frau Rankers eilt mit ihrer Einkaufstasche zur Bäckerei Lintermanns an der Ellenstraße. Sie hört noch, wie Meister Lintermanns zu seiner Frau sagt: "Sophie, machQ, dass du den Laden leer kriegst, es kommen neue Flieger." Ob er ahnt, dass Minuten später ein Volltreffer das Geschäft zerstören und fast alle, die sich darin aufhalten, töten wird?

Von Lintermanns hastet Käthe Rankers an beschädigten Gebäuden vorbei zur Hindenburg- (heute wieder: Judenstraße), und zur Peterstraße; vielleicht kann sie für ihre Kinder noch ein bisschen Wurst und Margarine auftreiben, Butter gibtQs schon lange nicht mehr zu kaufen. Aber als ihr aus der Metzgerei Driesch/Peterstraße 2 die Menschen mit leeren Taschen entgegenkommen ("Nichts mehr zu haben!"), kehrt Käthe Rankers um.

Auf dem Heimweg pfeifen die ersten Bomben vom Himmel. Käthe Rankers erlebt den Angriff unversehrt, sie hat sich an der Kirchstraße mit zwei anderen Frauen notdürftig in einen Hauseingang geduckt. Voller Angst um ihre Kinder hastet sie dann durch die verwüsteten Teile der Thomasstadt nach Hause, zur Mülhauser Straße. Aber da, wo sie vorher weggegangen ist, liegt kein Stein mehr auf dem anderen. Durch die Keller zweier Nachbarhäuser gelangt die verstörte Mutter bis an den Durchbruch zu ihrem Luftschutzkeller. Sie ruft, sie schreit die Namen ihrer Kinder - aber da kommt keine Antwort, da regt sich nichts mehr.

Bevor sie den Keller verließ, hat Käthe Rankers ihrer schulpflichtigen Tochter Berti aufgetragen, sich mit Schreibübungen zu beschäftigen - Schulunterricht gibt es ja nicht mehr. Als man dann die Leichen aus dem Schutt zieht, zeigt sich, dass Berti auf ihrer Schiefertafel unter anderem den Satz notiert hat: "Wir wissen, dass wir sterben müssen". Die allgemein verzweifelte Stimmung kurz vor Kriegsende hat auch auf die Kinder übergegriffen.

Käthe Rankers hat alles verloren, den Mann und die Kinder, und sie besitzt nur noch das, was sie auf dem Leib und in den Händen trägt. Erst 1951 entstand dort, wo heute die Mühlenapotheke steht, ein erster Neubau. Bis dahin gähnte an der Stelle ein riesiger Bombentrichter.

(hk-)
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