725 JAHRE STADTRECHTE FÜR KEMPEN (19): Kempen und sein Franziskanerkloster

Serie 725 JAHRE STADTRECHTE FÜR KEMPEN (19) : Kempen und sein Franziskanerkloster

Im Jahre 1749 – vor genau 270 Jahren – war Kempens Franziskanerkloster, wie es in seiner Grundform heute noch besteht, fix und fertig. Aber es sollte wechselvolle Schicksale erleben: Auf die Mönche folgten Gymnasiasten und Lehramtsanwärter, dann nahm hier das Finanzamt Quartier, die Hitlerjugend und schließlich die Kreisverwaltung. Nach deren Auszug wurde das ehemalige Kloster 1987 zum Kulturforum.

Mittwoch, 4. August 1745. In Kempen summt’s wie in einem Bienenkorb: Der Landesherr, der gnädigste Kurfürst von Köln, hat seinen Besuch angesagt! Welch große Ehre für das verschlafene Städtchen. Um sechs Uhr nachmittags soll die Reiter- und Wagenkolonne vor dem Engertor erscheinen, an der heutigen St. Töniser Straße. Schon um halb sechs haben die beiden Bürgermeister und die Ratsherren in ihren schwarzen Talaren vor dem Tor Aufstellung genommen. Dahinter die Lehrer des Gymnasiums Thomaeum, damals noch „Professoren“ genannt, ebenfalls in Amtsroben, mit ihren Schülern. Hinter dem Tor, zu beiden Seiten der Enger- und Burgstraße, bilden die Schützen der St.-Marien-Junggesellen 1304 und der St.-Michaelis-Bruderschaft 1322 in Paradeuniform und mit voller Bewaffnung ein strammes Spalier. Sie haben strengen Befehl, ihre Böllerkanonen nur in gehörigem Abstand zu den kurfürstlichen Pferden zu zünden, damit kein Gaul durchgeht und dem erlauchten Gast Ärger bereitet. Dahinter staut sich die vielköpfige Menge der neugierigen Bürgerinnen und Bürger.

Aber der Kurfürst verspätet sich. Mehr als sieben Stunden harren die Kempener geduldig aus, treten von einem Bein aufs andere. Endlich, um ein Uhr morgens, stößt der Wächter auf dem Kirchturm ins Horn: Von St. Tönis nähert sich eine Lichterkette – die Fackeln des berittenen Geleits. Alle Müdigkeit ist verflogen. Vom Turm der Pfarrkirche klingen die Glocken auf, die Schützen lassen’s krachen, und feierlich fährt Clemens August von Wittelsbach durch die Stadt. Auf beiden Seiten flankiert von den Honoratioren, die gewichtigen Schrittes einherschreiten. Die Begrüßungsworte am Burgportal spricht der Stadtsekretär Paul Jakob Bramers.

Der Kurfürst und Erzbischof ist ein gewaltiger Nimrod. Mit kläffenden Hunden und geladenem Gewehr Rebhühner, Hasen und Hirsche durch Feld und Wald zu hetzen, das ist die Passion des hochwürdigsten Herrn. Am Donnerstag verreitet er mit Gefolge auf Feldhühner in die Grasheide, am Freitag geht’s auf Rotwild in den Bockumer Busch. – Ansonsten wandelt Clemens August leutselig durch die Stadt, spricht mit dem Mann auf der Straße und besucht am 6. August 1745 die Messe in der Paterskirche. Letzteres wird für Kempen von historischer Bedeutung. Denn die Kirche, und mit ihr der ganze Bau des ersten, von 1627 bis 1640 errichteten Franziskanerklosters befindet sich in einem desolaten Zustand. Clemens August ist ein Sohn des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, und als er sich die marode Klosteranlage beschaut, entfährt ihm auf gut Bajuwarisch: „Oh was ein wüstes Kloster! Was für eine wüste Kirch!“

Dem Kurfürsten liegt der Franziskaner-Orden besonders am Herzen. Im April 1746 beginnt mit seiner allerhöchsten Hilfe der Um- und Ausbau, kurz: die Modernisierung des alten Kempener Klostergebäudes zu der heute noch bestehenden, großzügigen Anlage. Zu ihr gehört ein umfangreicher Garten, den das Kloster jetzt parallel zur Burgstraße bekommt. Wer aber hat den Bau durchgeführt? Für ihre „Kölnische Ordensprovinz“ hatten die Franziskaner einen eigenen Baumeister. Vermutlich nach dessen Plänen leitet ein Kempener den Kloster-Erweiterungsbau: Hermann Bantes. Als Vorbild hat wohl das 1610 in Brühl fertig gestellte Franziskanerkloster gedient. Es ist anzunehmen, dass Kurfürst Clemens August für den Kempener Klosterbau auch Fachleute herangezogen hat, die am Bau seines Brühler Barockschlosses beteiligt waren. Von einem dieser Profis könnte zum Beispiel die reich verzierte Stuckdecke im Rokoko-Saal stammen, dem einstigen Winterrefektorium.

Das erneuerte Kloster kann sich sehen lassen: Mit der Paterskirche als dem größten Hallenbau am Niederrhein ist das Kempener Franziskanerkloster heute noch der repräsentativste Klosterbau der Region. Erst kurz vor seiner Fertigstellung, am 13. September 1748, erscheint Clemens August noch einmal in Kempen, um reichlich verspätet den Grundstein zu legen.

Was hat das Klostergebäude nicht alles erlebt in den folgenden Jahrhunderten! Als im Oktober 1794 die Truppen der französischen Revolutionsarmee in Kempen einrücken, verwenden sie die Paterskirche als Magazin für Heu und Stroh und als Pferdestall; das Kloster dient als Lazarett für ihre Verwundeten. 1802, nachdem der Niederrhein an Frankreich gekommen ist, vertreibt die kirchenfeindliche Regierung die Mönche. 1804 zieht hier das städtische Gymnasium Thomaeum ein, wechselt aber 1863 in die Burg. Denn das alte Kloster platzt mittlerweile aus allen Nähten.

1840 hat es nämlich zusätzlich zum Gymnasium noch ein staatliches Lehrerseminar aufgenommen. Die Seminarleitung errichtet an der Burgstraße mehrere Nebengebäude, unter anderem eine Turnhalle und ein Wirtschaftshaus. Mit diesem Seminar für katholische Volksschullehrer wird Kempens Tradition als Schulstadt mit überregionaler Bedeutung begründet. 85 Jahre lang prägen die jungen Seminaristen das Bild der Stadt. 1910 zieht das Seminar in ein neu errichtetes Gebäude um, das man heute als Altbau des Thomaeums kennt. Die daran entlang laufende, neu angelegte Straße, zunächst noch eine Stichstraße, wurde „Am Seminar“ getauft. Nach der Auflösung des Seminars nahm das Seminargebäude 1926 das Thomaum auf, und seither heißt die Straße „Am Gymnasium“.

Nachdem das Seminar 1910 in den heutigen Altbau des Thomaeum umgezogen ist, etabliert sich im ersten Obergeschoss des ehemaligen Klosters von 1911 bis 1920 die landwirtschaftliche Winterschule – wenn man so will, eine Vorgängerin der heutigen Deula. 1920 kommt hier das Finanzamt unter und bleibt, bis es 1957 einen Neubau an der Von-Saarwerden-Straße bezieht.

Im Erdgeschoss des Klosters eröffnet die Stadt mit Unterstützung des Kunst- und Altertumsvereins am 22. Mai 1912 das Kramer-Museum, benannt nach Konrad Kramer, der den Großteil der heimatkundlichen Sammlung als Schenkung an die Stadt übergeben hat. 1979 kommt das Museum für Niederrheinische Sakralkunst in der ehemaligen Klosterkirche hinzu; entstanden auf Initiative der Propsteipfarre. Die hat seit Schließung der Paterskirche im Jahre 1971 den Plan verfolgt, hier eine Kammer frommer Kunstschätze einzurichten.

Nach Konrad Kramer, einem Bildhauer, Restaurator und engagierten Kunstsammler, tragt das Kempener Museum seinen Namen. Foto: Kramer-Museum

1982 zieht die Kreisverwaltung aus den drei Obergeschossen des Klosters aus. Nun ist Platz genug, um ein lang ersehntes Projekt zu verwirklichen: Das Kulturforum Franziskanerkloster. Mit einem großen Fest vom 1. bis 3. Mai 1987 wird es nach zweieinhalbjähriger Bauzeit eröffnet. Mit der Kreis-, später Stadtbibliothek im zweiten und dritten Obergeschoss entsteht so eine kulturelle Begegnungsstätte. Hier erfreut sich mittlerweile die Kulturszene Kempen großer Beliebtheit. Denn der frühere Kempener Kulturdezernent Peter Landmann hat die Paterskirche als Konzertort entdeckt. Seit 20 Jahren finden hier Konzerte mit Weltklasse-Künstlern statt. Eine Vielzahl von CDs wurde dort aufgenommen, und der WDR hat aus der Kirche zahlreiche Konzerte übertragen.

Es gab auch Nutzungen, die nicht der Kultur gewidmet waren. 1936 richtete die Hitlerjugend des NS-Kreises Kempen-Viersen im zweiten Obergeschoss des ehemaligen Klosters, im Flügel zum Hohenzollernbad hin, in sechs Räumen die Dienststellen ihrer „Bannführer“ ein. 1957 zog das Finanzamt aus dem Franziskanerkloster aus. Weil die Kreisverwaltung unter Platzmangel litt, beschloss der Kreistag, einen Erweiterungsbau neben dem Kloster zu errichten und dieses selbst als Dienstgebäude zu nutzen.

Das Franziskanerkloster und sein Umfeld 1961. Über die „Beamtenlaufbahn“ – ein Verbindungsgang für die Mitarbeiter der Kreisverwaltung – schließt sich links das Kreishaus mit dem Sitzungssaal des Kreistags an. Daneben das 1974 abgerissene Stadtbad und die Feuerwache, 1950 an der Stelle der heutigen Orsaystraße errichtet. Foto: Nachlass Walter Schenk

Am 20. August 1957 kaufte der Kreis Kempen-Krefeld das ehemalige Klostergebäude von der Stadt und ließ die Räume des ersten und zweiten Obergeschosses in 53 moderne Büroräume umbauen. Der Alt- und der Neubau wurden durch einen Zwischentrakt verbunden, im Volksmund „Beamtenlaufbahn“ genannt. Am 9. November 1961 wurden die neuen Gebäude eingeweiht. Aber 1975 verlor die Stadt Kempen den Kreissitz an ihren westlichen Konkurrenten. 1984 traten die letzten im Kreishaus verbliebenen Ämter ihren Umzug in das neue, monumentale Verwaltungsgebäude in Viersen an. Nach letzten Einquartierungen – von 1985 bis 2001 Polizei und schließlich die „Kempener Tafel“ – setzt der Abbruch des Kreishauses ein; für die „Beamtenlaufbahn“ zwischen Kloster und Neubau im Februar 2012, für das Kreishaus selbst im März 2013.

Der Bau des Wohnkomplexes Klosterhof, im Februar 2014 fertig gestellt, hat das Umfeld des ehemaligen Franziskanerklosters grundlegend verändert.

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