100. Geburtstag: Das Kino am Kempener Markt ist das älteste erhaltene Lichtspieltheater im Kreis Viersen.

Kino : Kempens Lichtspiele werden 100 Jahre alt

Das Kino am Kempener Markt ist das älteste erhaltene Lichtspieltheater im Kreis Viersen. 1913 von Kempener Geschäftsleuten gegründet, wurde es zum Ende des Ersten Weltkriegs von Arnold Janssen übernommen, dem Gründungsvater der heutigen Kino-Dynastie. Am 30. März 1919 zeigte er in den „Kempener Lichtspielen“ sein erstes Programm. Damit begründete er ein Familienunternehmen, das mittlerweile in der fünften Generation betrieben wird – mit Theatern auch in Geldern, Kleve und Mönchengladbach.

Der Weg zum Kino in Kempen vollzog sich über die beliebte Sommerkirmes. Am 21. Juni 1903 zeigt der Schausteller Heinrich Weidauer aus Düsseldorf die ersten Filme in der Stadt – in einem 18 mal sieben Meter großen Zelt auf dem Viehmarkt. Die Streifen bestehen nur aus wenigen Szenen, dauern ein bis fünf Minuten. Noch hält das Zuschauerinteresse sich in Grenzen. Bis 1912 folgen weitere Aufführungen, auch von anderen Unternehmern – in Sälen von Hotels und Kneipen, in Zelten an verschiedenen Orten in der Stadt. 1913 wird dann ein richtiges Filmtheater gebaut. Der Buchhändler Hermann Wissink, sein Bruder, der Kolonialwarenhändler Heinrich Wissink, der Bauunternehmer Heinrich Schmitz und der Architekt Wilhelm Rottmann kaufen von dem Destillateur und Gemüsehändler Peter Thissen das Gebäude Markt 15 und machen aus ihm ein „Lichtspielhaus“.

Am 17. Mai 1913 findet die Eröffnungsvorstellung statt. Noch hat die Stadt keinen Strom. Die Elektrizität für das Vorführgerät liefert im Keller ein zischender Gasmotor. Ein Portier in Generals-Livree steht am Eingang und komplimentiert das hoch verehrte Publikum in den 400 Besucher fassenden Saal. In den Ecken sorgen große Koksöfen für die Heizung, unter der Leinwand ein fünfköpfiges Orchester für die Musik. Das Programm umfasst 14 Filme und dauert vier Stunden. Die damals üblichen Sittendramen und Humoresken locken ein zahlreiches Publikum an. Intensiv nehmen die Zuschauer am Leinwandgeschehen teil: Unbekümmert wird geschluchzt, gelacht und gebangt.

Das Haus am Markt, 1913 mit einem Schaufenster für Kino-Plakate versehen, hieß seit 1919 „Lichtspiele“. Foto: Familie Janssen

Dann setzt der Erste Weltkrieg ein, viele Kempener sterben an der Front. Da dürfe man sich zu Hause nicht an Filmen verlustieren, sagt die katholische Kirche, und die öffentliche Meinung folgt ihr. Zudem sei der Aufenthalt im verdunkelten Zuschauerraum sittenwidrig und gesundheitsschädlich. Von 1916 an, im dritten Kriegsjahr, bleibt die Leinwand nun dunkel. Ist das Projekt Kino in Kempen gescheitert? Da greift einer zu: der Schmiedemeister Arnold Janssen, ein gebürtiger Niederländer. Im Herbst 1918, als der Krieg zu Ende geht, erwirbt er das Haus am Markt, will eine kleine Fabrik für Eisengeräte daraus machen. Aber zunächst vermietet er das Etablissement an einen Film-Schausteller aus Düsseldorf. Als der weiter zieht und Janssen wahrnimmt, wie erfolgreich das Medium „Film“ mittlerweile ist, übernimmt er kurz vor Ostern 1919 den Kinobetrieb in eigener Regie. Am Sonntag, 30. März 1919, eröffnet Arnold Janssen das erste Programm seiner Kempener Lichtspiele. Auf die Leinwand bringt er berühmte Stummfilmstars: Adele Sandrock, Lil Dagover, Charlie Chaplin und Tom Mix, um nur eine Auswahl zu nennen. Dann bricht die Tonfilmzeit an. Bereits 1928 stellt Arnold Janssen auf die neue Technik um. Vier Wochen früher als in Krefeld läuft bei ihm der Walzer-klingende Streifen „Wien, du Stadt der Lieder“.

Lichtspiele-Reklame 1924 für „Das Mädel aus der Hölle“. Foto: Familie Janssen

Im „Dritten Reich“ ist die niederländische Kino-Besitzerfamilie Repressalien ausgesetzt, weil sie es ablehnt, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, um „Volksgenossen“ zu werden. Durch den Zuzug zahlreicher Vertriebener wächst die Kempener Bevölkerung nach dem Krieg auf 15.000 Einwohner. Der Zuwachs führt am 7. Dezember 1954 zur Eröffnung des zweiten Janssen-Kinos am Markt: des Burgtheaters im Eckhaus zur Neustraße. Es ist auf dem neuesten technischen Stand und bereits mit einer Cinemascope-Leinwand ausgestattet. Als Erstes läuft der neueste Heimatfilm an: „Schloß Hubertus“ mit Marianne Koch und Lil Dagover. Von den Zuschauern weiß keiner, wie mühsam die Versorgung mit den neuesten Streifen ist. „Nach der letzten Vorführung brachte ich die Filme mit einem Bäckerfahrrad – vorne im Korb waren statt der Brötchen die Filmrollen drin – abends um 24 Uhr zum Kempener Bahnhof, von wo sie per Express ins nächste Kino gingen“, erinnert sich Hans Bethke, von 1954 bis 1966 Vorführer in den Lichtspielen. „Am nächsten Morgen holte ich die neuen Filme mit dem Bäckerfahrrad vom Bahnhof ab.“

1960 übernimmt Arnold Janssen, 1935 geboren, die Leitung des Geschäfts von seinem Vater Raimund. „Zu jener Zeit ging es mit dem Kino rapide bergab“, wird er sich später erinnern. „Das Fernsehen entwickelte sich zum Renner.“ Die Film-Industrie versucht mit Streifen nach bekannten Autoren gegenzuhalten wie Karl May (1963 „Winnetou“), Edgar Wallace (1964 „Der Hexer“) und Mario Simmel. Indes: Während anderswo die Lichtspieltheater sterben, expandiert Kempen. Der junge Chef baut sein Theater aus, gestaltet das Foyer neu, vergrößert das Kino um einen dritten Saal. Am 11. April 1979 wird er eröffnet. „Ein sehr gemütlich eingerichtetes Raucher-Kino“, melden die Kempener Tageszeitungen. Janssen hat ein kreatives Händchen für Werbe-Events. Ein Beispiel: Als 1997 der Indianerfilm „Aus dem Dschungel“ startet, dürfen alle kleinen Gäste, die sich als Rothaut verkleidet haben, umsonst rein.

In ihrer 100-jährigen Geschichte wurden die Kempener Lichtspiele mehrfach umgebaut und erweitert. Hier das 1979 neu gestaltete Foyer, im Stil der Siebzigerjahre mit einem Fisheye-Objektiv fotografiert. Foto: Familie Janssen

Mit den ausgehenden Achtzigerjahren erleben die Kempener Lichtspiele eine entscheidende Vergrößerung: den Bau des Kinosaals 4. Die Idee dazu hatte Senior-Chef Raimund Janssen. Anfang September 1988 hievt ein Riesenkran Beton und Baumaterial in einen unbenutzten Innenhof des Kinos hinterm Buttermarkt: Hier entsteht jetzt das neue, vierte Kino mit 130 Plätzen. 1991 beginnt mit der Neugestaltung des Foyers und des Kino-Saals 1 eine große Renovierungs-Aktion. Ab dem September 1994 erscheint die Fassade in hellem Grau und mit abendlicher Beleuchtung. Die drei Rundbögen über den Türen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg angebracht wurden, sind jetzt wieder freigelegt. Über den drei Portalen lädt eine Leuchtschrift „Kempener Lichtspiele“ in den Stadtfarben Rot und Blau zum Besuch.

Am 3. Januar 2001 übernimmt Frank Janssen (39) von seinem Vater Arnold die Geschäftsführung. Der neue Chef führt das Kino-Unternehmen in der vierten Generation. Er war 14, als sein Großvater Raimund ihn für das Kino begeisterte. Von ihm hat er auch gelernt, Filme vorzuführen.

Wenn der Vater mit den Söhnen… Zwei Generationen Kinogeschichte (von links): Lennard, Henning, Johannes Janssen und der Seniorchef Frank Janssen. Foto: Familie Janssen

Wie sein Vater belebt Frank Janssen den Filmbetrieb mit Events. Ein Beispiel: 2002 startet in Deutschland „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“. Bei der Familie Janssen ist Premiere natürlich um Mitternacht. Am übernächsten Wochenende steht an der Eingangstür ein Double des 13-jährigen Hauptdarstellers Daniel Radcliffe, und die Kinogänger lassen sich gern mit ihm ablichten. Bei der Mitternachts-Premiere von „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ kommen viele der elf- bis fünfzehnjährigen Besucher im Zauberlehrling-Outfit.

2002 kommt es zur zweiten großen Renovierung seit 1995. Der große Kinosaal 1 wird komplett umgebaut und technisch aufgerüstet. 2008 werden die Verkaufstheke, das Foyer und Kino 3 erneuert, im Frühjahr 2009 der Saal 4. Das erinnert jetzt mit viel Nussholz und Retro-Look an amerikanische Veranstaltungshallen der Gründerzeit. Ein Hauch Hollywood …

Vor kurzem ist die fünfte Generation an den Start gegangen. Seit Januar 2016 ist Frank Janssens Sohn Johannes (mittlerweile 27) Leiter des Comet Cine Center an der Viersener Straße in Mönchengladbach. Im Juni 2016 übernimmt Henning Janssen (heute 26) die Leitung des Herzog-Theaters in Geldern. Der jüngste Janssen-Spross, Lennard, ist Technischer Leiter im Mönchengladbacher Comet Cine. Damit betreibt die Familie Filmtheater in Kempen, Geldern, Kleve und Mönchengladbach mit 200 Mitarbeitern. Die drei Janssen-Jungs brennen für das Kino. Schon mit 16 haben sie angepackt, als Platzanweiser gearbeitet, Kühlschränke aufgefüllt, gefegt und nach der Aufführung aufgeräumt. Ihr Tag beginnt um neun Uhr und endet gegen 23.30 Uhr.

Was das Kino so besonders macht? Allen Innovationen zum Trotz zählt hier Tradition. Hier gibt es noch Eisverkäufer und Platzanweiser, Freundlichkeit ist wichtig, Extrawünsche werden erfüllt. Das macht die „Lichtspiele“ zum Erlebnis. Dafür kommen die Besucher bis aus dem Ruhrgebiet.

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